Im Trend: Re-Watch Und täglich grüßt das Gewohnheitstier

Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Foto: SONY PICTURES

Im Sog neuer Serien und Filme wächst beim Publikum der Bedarf nach längst Bekanntem. Dieser Trend hat sogar einen Namen: Re-Watch. Experten erforschen die Gründe, warum sich immer mehr Menschen am liebsten nichts Neues anschauen, sondern immer nur Altes.

Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Von Kindesbeinen an sucht er Geborgenheit, Zuspruch, Nestwärme, Schutz bei Gleich- und Wohlgesinnten. Auch deshalb widmen sich Daniel Lieberman von der Universität Washington D.C. zufolge „Großteile des Gehirns dem Aufbau sozialer Beziehungen“. Und damit meint er nicht nur Beziehungen zu Personen aus Fleisch und Blut, sondern auch zu Menschen in Film und Fernsehen. „Charaktere, zu denen wir eine parasoziale Bindung haben, können Spiegel oder Linse sein, um eigene Emotionen und Erfahrungen zu untersuchen oder zu reflektieren.“

 

Fiktive Figuren sind uns demnach bisweilen so nah wie reale, weshalb wir sie wie Freunde behandeln und den Kontakt zu ihnen suchen – was in Fachkreisen Re-Watch genannt wird. Der Begriff umschreibt unsere Sehnsucht, parasoziale Beziehungspartner immer und immer wieder aufzusuchen – also einzuschalten. Wobei dies nur einer der vielen Gründe dafür ist, warum ein Wiedersehen am Bildschirm Freude macht. Andere Gründe reichen von Gewohnheit über Wissbegier und Ironie bis hin zu Denkfaulheit oder schlicht Liebe.

„Sopranos“! „Pan Tau“! „Alf“!

Wir re-watchen folglich, was uns beim ersten Seriengenuss bereits gefallen, beschäftigt, ergriffen hat. Woraus der zweite Hauptantrieb der Wiederaufführungen gerinnt: Nostalgie. Mithilfe altbekannter Stoffe holen wir ein Stück Gestern ins Heute, frischen veraltetes Wissen auf und füllen damit Verständnislücken. Vielleicht versteht ein paar dynastische Verstrickungen im aktuellen Drachenzoo namens „House of the Dragon“ besser, wer noch mal eben ins ursprüngliche „Game of Thrones“ reinschaut.

So wie sich Paare nach langjähriger Beziehung mit „ihrem Lied“ zum Anfang ihrer Liebe träumen, spüren sie 20 Jahre später noch mal die Schmetterlinge im Bauch beim gemeinsamen Binge-Watchen der „Sopranos“. Bei einer Folge „Pan Tau“ landet die Generation X entsprechend gedanklich in der Sandkiste, während Millennials dafür dieselbe Dosis „Alf“ benötigen. Je nach Alterskohorte und Lebensabschnitt funktioniert der Zeitsprung mit fast jedem TV-Format.

Dass die „Lindenstraße“ bei ARD Plus ähnlich schlecht gealtert ist wie Uralt-„Tatorte“ in der Mediathek – egal. Was Gegenwartsskeptiker im Kopfarchiv suchen, ist selten die Güte, sondern das gute Gefühl von Geborgenheit im Arm vertrauter Figuren. Benannt nach dem Gastgeber des Sesamstraßen-Vorläufers „Neighbourhood“ spricht Robert N. Kraft hier vom Mister-Rogers-Effect. Wobei der Psychologie-Professor aus Ohio nicht nur bei Kinderhelden „Vertrautheit und Neuigkeiten“ findet. Er schaut dafür auch gerne mal „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Wie der Wetterfrosch Phil durchlebt Kraft „einen Tag im Leben nochmals mit kleinen Veränderungen“, stößt also auf „Details persönlicher Interaktionen“, die ihm entgangen sind. Re-Watch dient somit auch als autobiografisches Antiquariat, das man gelegentlich durchstöbert wie Vatis Dachboden. Das Hauptmotiv ist aber ein anderes.

Stress bei der Auswahl

Allein der Marktführer Netflix hat voriges Jahr 165 neue und 81 Fortsetzungen alter Se-rien gestreamt; mehr als die Konkurrenz von Disney oder Apple bis RTL+ und Joyn zusammen. Ein Mahlstrom der Neuveröffentlichungen und doch nur ein Aktenschrank unter vielen im Digitalarchiv aller Streamingdienste, seit Netflix vor 25 Jahren die Flatrate für Video-on-Demand erfunden hat. Kein Wunder, dass viele Zuschauer angesichts der Flut Fluchtreflexe zeigen.

Festhalten am Geläufigen, sagt die Psychologin Sabrina Romanoff von der New Yorker Yeshiva-Universität, „kann uns vorm Stress unendlicher Auswahl und daraus resultierender Energieverluste bewahren“. Wobei ausgerechnet die Schuldigen für Auswege vom Hauptstrom der Aktualität sorgen. Musste man einst bis Weihnachten warten, um „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ zu sehen, laufen Portale aller Art nun vor Gebrauchtware bis in die Stummfilm-Zeit über.

Noch ein Trend: Re-Live

Nur so konnten Wiederholungen der Endlosserie „CIS“ nach Daten des Medienkonzerns Bloomberg die Top Ten der Serienstreamings 2023 anführen, dicht gefolgt von „Gilmore Girls“ oder „The Big Bang Theory“. Ein anderes Ranking stellt „Dexter“, „Grey’s Anatomy“ und „Friends“ aufs Podium. Alle drei „character driven“, wie Storys heißen, die durch Persönlichkeit Verbundenheit erzeugen. Von Amazon bis Arte finden Fans deshalb staffelweise verflossene parasozialer Beziehungen. Und je öfter sie das alte Zeug sehen, desto positiver wird ihr Bild davon – in der Soziologie auch Mere-Exposure-Effect genannt. Dem wesensverwandten Conjuring Effect zufolge erlangen wir beim Re-Watch bekannter Stoffe sogar ein Stück Handlungskontrolle – was nirgends so gut funktioniert wie beim aktuellen Trend Re-Live: Tagelang konnte man sich in voller Länge beim ZDF versichern, dass es im EM-Viertelfinale Deutschland gegen Spanien „Hand“ war. Ganz sicher!

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