Imbissstand in Filderstadt Die „Heilige Wurst“ als Überbrückungshilfe

Betreiben einen Fast-Food-Verkauf mit Metaebene: Volker Dittmar, Karin Geyer und Michael Schüller (von links). Foto: privat
Betreiben einen Fast-Food-Verkauf mit Metaebene: Volker Dittmar, Karin Geyer und Michael Schüller (von links). Foto: privat

Ein coronabedingt zur Untätigkeit verdammtes Musikerpaar betreibt nun gemeinsam mit einem Freund einen Imbiss in Filderstadt-Plattenhardt. So bald wie möglich wollen die Musiker aber zurück auf die Bühne.

Filderstadt - Am 13. März nahm der Schlagzeuger Michael Schüller an einer Besprechung an seiner Arbeitsstelle, dem Stuttgarter Musical-Theater, teil. „Da wurden wir in die Untätigkeit entlassen“, erzählt er neun Monate später. Seitdem hat er beim Disney-Musical „Aladdin“ „keinen Schlag mehr gemacht“.

Weil auch seine Frau Karin Geyer, ebenfalls Musikerin, Flötistin um genau zu sein, coronabedingt keine Auftrittsmöglichkeiten mehr hatte, kamen die beiden auf die Idee, sein Hobby zum Notjob umzuwandeln: Schüller, Hobbykoch, hat schon vor der Pandemie mit einem Freund spaßeshalber Würste kreiert. Ihr Foodtruck, der zwecks gelegentlicher Bewirtung von Freunden im Garten stand, und aus dem heraus sie beim Feuerseefest in Stuttgart einmal Essen verkauft hatten, wurde ihr neuer Arbeitsplatz.

Sie holten einen Freund dazu, Volker Dittmar, der eine derzeit geschlossene Kochschule betreibt, sie fanden für den Foodtruck einen Standplatz an der Heinrich-Hertz-Straße im Industriegebiet von Filderstadt-Plattenhardt, und „aus einer Bierlaune heraus“ kamen sie für ihr Imbiss-Projekt auf den Namen „Die heilige Wurst“. Mitte Mai wurde der Imbissstand eröffnet, von montags bis samstags gibt es dort nun (wieder ab 4. Januar) Würste „ausschließlich aus Fleisch vom schwäbisch hallischen Landschwein in Bio-Qualität“, Burger und Pommes. „Nee, Tiefkühlware kommt uns nicht in die Tüte.“

Tränen in den Augen bei Musik

Es laufe gut, sagt Michael Schüller, „ich kriege so zwar nicht die Gehälter, die ich gewohnt bin, aber wir müssen nicht ans Ersparte“. Und auch aus einem Foodtruck heraus lasse sich den Leuten viel Freude bereiten, an manchen Tagen werde er im Imbissstand mehr gelobt als früher im Theater. Dazu kommt, dass Schüller es versteht, seinen Fast-Food-Verkauf mit einer Metaebene auszustatten: „Wir sind alle auf dem Trip, dass wir mega-nachhaltig produzieren“, sagt er. Das Fleisch komme aus der Region, und was möglich sei, werde recycelt: „Aus unserem Fritteusen-Fett wird Biodiesel.“

Die andere Seite ist freilich: „Es fühlt sich so an, dass meine Frau und ich – wie viele andere Musiker auch – der Möglichkeit beraubt wurden, unseren Beruf auszuüben.“ Sein Herz schlage nun mal für die Musik: „Vom Gefühl her gehöre ich eher auf die Bühne oder in den Orchestergraben als in den Foodtruck.“ Zumal der Job mit Würsten und Pommes hart sei, „zwölf Stunden am Tag“. Im September durfte sich Schüller mit einem weiteren seiner Standbeine – einer Veranstaltungsagentur – seiner eigentlichen Passion widmen und dafür sorgen, dass die Insel Mainau ein paar Tage lang mit Livemusik beschallt wurde. „Da hatte ich Tränen in den Augen“, sagt er.

Weil sich seine Leidenschaft nicht so schnell geändert hat wie seine Erwerbsquelle, würde Michael Schüller „sofort tauschen“, sobald er wieder vor Publikum spielen darf. Wobei die Wiedervereinigung mit seinen Drumsticks nicht notwendigerweise bedeuten würde, die Grillzange an den Nagel zu hängen. „Ich würde mir schon überlegen, den Foodtruck weiterlaufen zu lassen“, sagt er. Eben weil es so gut laufe.




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