Hallenbäder in Region Stuttgart schließen In einem Spaßbad lernt keiner das Schwimmen

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Schulen, Verbänden und Vereinen fehlen Hallenbäder und Lehrschwimmbecken für den Unterricht. Damit wächst die Zahl der Kinder, die nicht mehr schwimmen können. Laut der DLRG sind bundesweit nahezu 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer.

Einen Platz in einem Anfängerkurs zu finden, wird immer schwerer. Foto: dpa
Einen Platz in einem Anfängerkurs zu finden, wird immer schwerer. Foto: dpa

Region Stuttgart - Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), Schwimmvereine und Schulen schlagen Alarm. Immer mehr Hallenbäder im Land würden geschlossen oder stünden kurz vor der Stilllegung, weil die Kommunen die Sanierungskosten für die in den 1960er- und 1970er-Jahren gebauten Schwimmhallen nicht stemmen könnten oder wollten. Das sei der Hauptgrund, weshalb laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2017, die Schwimmfähigkeit in der Bevölkerung – vor allem bei Kindern – immer schlechter werde. So seien bundesweit nahezu 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. Wenn neue Bäder gebaut würden, dann meist sogenannte Freizeit- oder Spaßbäder, die für den Schwimmunterricht oder das Schwimmtraining nur unzureichend geeignet seien, lautet die Kritik.

Statistisch schließt alle vier Tage ein Bad

Die DLRG hat deshalb im vergangenen Oktober die bundesweite Kampagne „Rettet die Bäder! Schwimmbadschließungen stoppen!“ gestartet, die bis jetzt fast 30 000 Menschen unterstützen. In den vergangenen 17 Jahren seien in Deutschland im Schnitt 80 Schwimmbäder pro Jahr geschlossen worden. Rein statistisch schließe damit alle vier Tage ein Bad. Was wenig verwundert, angesichts des immensen Sanierungsstaus bei Hallenbädern. Ursula Jung, die Vizepräsidentin des DLRG-Landesverbands Württemberg, beziffert ihn allein in Baden-Württemberg mit rund zwei Milliarden Euro.

Mit der rasant sinkenden Zahl an Hallenbädern und Lehrschwimmbecken steige die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken bei Vor- und Grundschulkindern, berichtet die DLRG auf ihrer Homepage. So seien allein in den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres 26 Kinder unter zehn Jahren ertrunken, was im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme von 13 Fällen entspricht. Bei den 11- bis 15-Jährigen sei die Zahl der tödlichen Badeunfälle in dieser Zeit von vier auf 13 gestiegen. Insgesamt ertranken in Deutschland bis zum August 445 Menschen. Eine Statistik für das gesamte vergangene Jahr liegt noch nicht vor.

Die steigenden Zahlen seien zu einem großen Teil dem Mangel an Hallenbädern geschuldet, die für den Schwimmunterricht geeignet sind. „Wir haben einfach zu wenig Wasserfläche für das Anfängerschwimmen“, klagt Ursula Jung. Die DLRG sei bemüht, „möglichst allen Kindern das Schwimmen beizubringen“, aber die Wartelisten und -zeiten für die Kurse seien lang. Die Situation habe sich in den vergangenen Jahren zunehmend verschlechtert, berichtet Jung. Beispielsweise mussten nach der Schließung des Kirchheimer Hallenbades im Jahr 2012 Kinder bis zu zwei Jahre auf einen Platz in einem Anfängerkurs warten. Daran habe sich bis heute „kaum etwas gerändert“, sagt Jung.

DLRG fordert „systematische Bedarfsplanung“

Ein Problem sei auch, dass die DLRG-Ausbilder ehrenamtlich arbeiteten und deshalb beruflich bedingt auf Schwimmhallenzeiten am späten Nachmittag oder frühen Abend angewiesen seien, berichtet Ursula Jung. Ein freies Becken zwischen 13 und 15 Uhr helfe da nicht weiter.

Auch beim Schulschwimmen gibt es laut der DLRG Engpässe. Vielerorts finde dieses nicht mehr statt. Etwa 25 Prozent der Grundschulen hätten keinen Zugang mehr zu einem Bad, was die Schwimmausbildung erheblich erschwere. In Stuttgart habe man die Not etwas lindern können. Dort leisteten zwei junge Frauen ihren Bundesfreiwilligendienst bei der DLRG und unterstützten Lehrer beim Schwimmunterricht. Laut Ursula Jung ist die Situation zudem durch Flüchtlingskinder, von denen viele nicht schwimmen könnten, verschärft worden. Auch diese müssten Schwimmen lernen.

Die DLRG fordert zunächst eine „systematische Bedarfsplanung“. Es müsse ermittelt werden, in welchem Umfang die Bevölkerung, die Schulen und Sportvereine Wasserflächen benötigten. Die Politik müsse eine Gesellschaft gründen, die sich ausschließlich um die Koordination der Bädersanierung kümmere. Zudem schlägt die DLRG vor, die Finanzierung der öffentlichen Bäder nachhaltig zu sichern, was nur durch eine übergeordnete Bäderentwicklung möglich sei. Denn der hohe Sanierungsstau zeige, dass dies mit einer „grundsätzlichen kommunalen Zuständigkeit“ offensichtlich nicht zu stemmen sei.

Schwimmverband sieht „erste positive Anzeichen“

Darin ist die DLRG mit den Schwimmverbänden und -vereinen einig. Gemeinsam haben sie die „Bäderallianz Deutschland“ gegründet, deren Ziel „die Erhaltung der Wasserflächen“ sei, sagt Emanuel Vailakis, der Geschäftsführer des Schwimmverbands Württemberg. Es gebe zwar „erste positive Anzeichen dafür“, dass dieses Problem in den Kommunen angekommen sei, sagt Vailakis und führt exemplarisch Pläne in Oberkochen (Ostalbkreis) und in Tübingen an, wonach dort reine Sportbäder gebaut werden sollen. Aber das könne bei weitem nicht den Bedarf decken, sagt Vailakis, denn es gebe viele Negativbeispiele wie etwa das Hallenbad in Plochingen, das seit einigen Jahren geschlossen sei.

Schwimmen zu lernen, sei ein „Grundbedürfnis“, das im Schulunterricht fest verankert sein müsse, betont Emanuel Vailakis. Und er merkt an: „Wenn die Menschen nicht mehr schwimmen können, besuchen sie auch keine Spaßbäder.“