Die Diskussion über den Tempo-Flickenteppich in Esslingen setzt sich fort. Nun meldet sich ein Landtagsabgeordneter zu Wort. Bringt das die Stadt einer Lösung näher?

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Verkehr ist in Esslingen schon immer ein großes Thema gewesen, doch seit dem „Blutzoll“-Zitat von Matthias Klopfer hat es in der sonst eher nachrichtenarmen Sommerzeit neue Dynamik bekommen.

 

Oberbürgermeister Klopfer hatte gefordert: „40 auf den Hauptstraßen und ganz konsequent in allen anderen Bereichen Geschwindigkeit 30.“ Zur Begründung nutzt er ein starkes Substantiv: „Wir zahlen in Deutschland einen unglaublich hohen Blutzoll für unser Verkehrsverhalten.“ Nun äußerte sich auch der Landtagsabgeordnete Dennis Birnstock (FDP) aus dem Wahlkreis Nürtingen dazu: Zwar ist er kein Freund von Tempo 30, aber in zwei entscheidenden Punkten springt er OB Klopfer (SPD) bei.

FDP-Landtagsabgeordneter: „Freund des Flüssigverkehrs“

Birnstock stört – wie Klopfer – der permanente Wechsel von Geschwindigkeiten. „Dieser Flickenteppich bringt einen schon zur Weißglut.“ Der Landtagsabgeordnete bezeichnet sich selbst als „Freund einheitlicher Geschwindigkeiten und Flüssigverkehr.“ 50 sei ihm dabei lieber als 30 Stundenkilometer, aber Bereiche vor Kitas und Schulen müssten weiterhin besonders geschützt bleiben. Das sieht auch die Straßenverkehrsordnung in Deutschland so vor.

Insgesamt wünscht sich Birnstock weniger Regelungen, dafür aber eine bessere Kontrolle. Zu viele Regeln und Anlagen auf Hauptverkehrsstraßen bremsten den Verkehr aus und förderten den Schleichverkehr.

Was sagt die CDU zu einem Tempolimit in Esslingen?

Ähnlich argumentierte bereits CDU-Stadtrat Tim Hauser: „Diese Straßen sind dafür ausgelegt, große Verkehrsströme aufzunehmen. Wenn niedrigere Geschwindigkeiten dazu führen, dass sich der Verkehr in Nebenstraßen verlagert, steigt dort das Unfallrisiko – insbesondere, weil in Wohngebieten oft Kinder spielen.“

Der Kampf auf den Straßen nimmt zu: Es kommt immer häufiger zu Unfällen. Foto: Roberto Bulgrin

Hauser sieht überdies die Gefahr, dass eine weitere Temporeduzierung den Busverkehr durch längere Fahrzeiten verteuern und unattraktiver machen könnte: „Aufgrund der veränderten Taktung müssten wir zahlreiche zusätzliche Busse beschaffen und mehr Personal einstellen – so wie es zuletzt wegen des Lärmaktionsplans und der Reduzierung auf Tempo 30 in der Krummenackerstraße der Fall war.“ Dort würden mittlerweile sogar Autos von Fahrradfahrern überholt. „Auch das ist nicht gerade etwas, das ich als sicher bezeichnen würde.“

Einfach des Tempolimit in Esslingen ändern – das geht nicht

Stadtweit das Tempolimit zu ändern, ist aber nicht einfach, so Brigitte Länge, Leiterin des Esslinger Ordnungs- und Standesamts, im April. „Weil es die Straßenverkehrsordnung nicht hergibt.“ Grund sei, dass eine Abweichung von der bundesweit innerorts vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 Kilometer pro Stunde immer rechtlich begründet werden müsse. Die Überschreitung eines bestimmten Lärmpegels ist eine solche Begründung, aber auch Sicherheitsfragen gehören dazu.

Sicherer ist es auf den Straßen des Landkreises Esslingen in den vergangenen Jahren nicht geworden. Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt seit dem Jahr 2020 kontinuierlich an. Das zeigt der Verkehrsunfallbericht des Polizeipräsidiums Reutlingen für das Jahr 2024. Demnach wurden im vergangenen Jahr insgesamt 14 879 Unfälle registriert – 475 mehr als im Vorjahr. Eine häufige Unfallursache ist dabei überhöhte Geschwindigkeit.

Die Verkehrsdichte nimmt zu im Kreis Esslingen

Dabei werden von dieser Statistik eine Reihe von Unfällen gar nicht erfasst. „Wenn es nur zu kleineren Sachschäden kommt, werden die häufig nicht bei uns gemeldet“, so Andrea Kopp, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums.

Steigende Zahlen sind auch in anderen Regionen zu beobachten. Sie hätten damit zu tun, dass der Verkehr immer dichter wird, so Kopp. Besonders gefährdet sind Radfahrer: Bundesweit war jeder sechste Verkehrstote ein Fahrradfahrer. Laut Statistischem Bundesamt starben deutschlandweit 441 Radfahrer im Straßenverkehr. Vor allem ältere Menschen und Fahrer von E-Bikes sind den Statistiken zufolge häufig unter den Unfallopfern.

Auch Fußgänger sind oft Opfer. Ein besonders tragischer Verkehrsunfall, bei dem eine Mutter und ihre zwei Söhne im Oktober letzten Jahres von einem Auto erfasst und getötet wurden, passierte in Esslingen. Die Stadt reagierte: Seit Dezember gilt in der Straße Tempo 30.