Immobilie in Wendlingen Plötzlicher Ansturm auf das Ein-Euro-Haus

Bis Ende des Jahres machten rund 50 Interessenten von ihrem Recht Gebrauch, das Großmann’sche Haus zu besichtigen. Foto: /Kerstin Dannath

Erst schien keiner Interesse zu haben am Großmann’schen Haus in Wendlingen. Mittlerweile kann sich die Stadtverwaltung, die die Immobilie zum symbolischen Preis verkaufen will, vor Anfragen kaum retten. Doch viele Interessenten scheint nur die Neugier anzutreiben.

Ende November schlug die Berichterstattung in unserer Zeitung über das Wendlinger „Ein-Euro-Haus“ hohe Wellen – was Jens Fritz, dem Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Grundstücksverkehr und Recht im Wendlinger Rathaus, und seinem Team reichlich Arbeit bescherte. „Wir waren schon ein bisschen von dem Feedback überrascht“, sagt er. Schließlich sei auch zuvor bereits in der Presse über das ungewöhnliche Immobilienangebot berichtet worden – jedoch ohne die entsprechende Resonanz in den sozialen Medien.

 

Ein Mann wollte gleich in bar bezahlen

Den Advent über seien die Telefone im Wendlinger Rathaus jedenfalls nicht mehr stillgestanden. Viele Interessenten hätten einfach irgendwo in der Verwaltung angerufen, anstatt sich direkt bei den Wirtschaftsförderern zu melden, berichtet Fritz. Teils seien die Kollegen etwas genervt gewesen: „Der kurioseste Vorfall in diesem Zusammenhang war ein Mann, der ins Bürgerbüro marschiert kam, einen Euro auf den Tresen legte und das Haus direkt kaufen wollte“, erzählt der Wirtschaftsförderer.

Bis Ende des Jahres machten schließlich mehr als 50 Parteien von ihrem Recht Gebrauch, das Großmann’sche Haus zu besichtigen – aufgrund Personalmangels in der Stadtverwaltung fanden teils Sammeltermine statt. Selbst in der Woche nach Weihnachten waren noch Besichtigungstermine angesetzt. „Es gilt der Gleichheitsgrundsatz“, sagt Fritz. Das heißt, dass prinzipiell jedermann das Recht hat, das Objekt anzuschauen. Auch wenn offenkundig sei, dass der Interessent weder das nötige Kapital für die geforderte Sanierung des Gebäudes noch die erforderliche Expertise habe. Die Stadt schätzt, dass mindestens 200 000 Euro investiert werden müssen, um die Immobilie adäquat herzurichten. „Vermutlich trieb zwei Drittel der Interessenten die pure Neugier“, meint Fritz. Wobei Neugier relativ sei: „Bei einigen kristallisierte sich erst vor Ort heraus, dass das Angebot nichts für sie ist.“

Manche winken wegen des Zustands gleich ab

Dennoch seien auch einige ernsthafte Interessenten vorstellig geworden. Darunter ein Zimmerermeister aus Frickenhausen, der das Haus zusammen mit seiner Frau begutachtet habe. Er habe detaillierte Fachfragen zum Fachwerk, dem Dachstock und den Fenstern gestellt. „Wenn es um Holz geht, ist er in seinem Element“, habe seine Frau bekräftigt. Ob sie – falls sie den Zuschlag erhalten sollten – selbst einziehen würden oder etwa der Sohn mit seiner Familie, sei offen.

Ein weiterer Interessent habe gleich seinen Architekten mit zur Besichtigung gebracht, berichtet Fritz. Allerdings habe dieser in Anbetracht des Zustands der Immobilie direkt abgewunken. Große Investoren oder Immobilienfirmen hätten sich derweil nicht blicken lassen. Aber auch der ein oder andere Handwerker sei unter den Interessenten gewesen. Manche hätten durchblicken lassen, das Objekt nach der Sanierung weiterverkaufen zu wollen.

Vier offizielle Bewerbungen

Bis Anfang der Woche gingen bei der Stadtverwaltung laut Fritz vier offizielle Bewerbungen ein, weitere seien angekündigt. Wegen des großen Interesses und mit Blick auf die Feiertage wurde die Abgabefrist für die Bewerbung mittlerweile bis zum 31. Januar verlängert. Besichtigungen sind aber nur bis zum 31. Dezember möglich. „Damit sollen die Bewerber, die erst in der Endphase einen Besichtigungstermin erhalten haben, die Chance bekommen, ein entsprechend vollständiges Konzept zu erstellen“, sagt Fritz. Denn nur eine grobe Skizze reiche für eine offizielle Bewerbung nicht aus – und eventuell müssten auch Experten wie Architekten und Statiker hinzugezogen werden, so der Wirtschaftsförderer weiter.

Fritz und seine Kollegen wollen die Bewerbungen im Februar sichten und für den Gemeinderat aufbereiten, der bei der Vergabe das letzte Wort habe. Er geht davon aus, dass über die Bewerbungen zunächst auch noch im zuständigen Ausschuss beraten werde, der dann eine Empfehlung an den Rat ausspricht. Insofern sei mit der endgültigen Entscheidung, wer das Ein-Euro-Haus bekommt, vermutlich erst im März zu rechnen.

Das Großmann’sche Haus in Wendlingen

Historie
Das Gebäude in der Kirchstraße 21 im Wendlinger Stadtteil Unterboihingen, das als ehemaliger Widdumhof aus dem 15. Jahrhundert als eines der ältesten Häuser Unterboihingens gilt, wurde der Stadt von der letzten Besitzerin, Mathilde Großmann, 2018 vermacht. Nach langem Hin und Her entschied der Stadtrat, dass die sanierungsbedürftige Immobilie für einen symbolischen Euro verkauft werden solle.

Angebot
Das Haus steht nicht unter Denkmalschutz – die Stadt fordert jedoch eine „denkmalgerechte“ Sanierung. Wünschenswert sei, dass etwa das alte Fachwerk wieder freigelegt wird. Eine offizielle Bewerbung muss über einen Grobentwurf hinausgehen, so sollen auch Beschaffenheit und Statik miteinbezogen werden. Laut der Homepage der Stadt muss eine Interessensbekundung für das Objekt zwingend bis zum 31. Dezember vorliegen. Neue Anfragen werden nicht mehr bearbeitet.

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