Ein Stuttgarter Investor zeigt Interesse an der Calwer Passage, die jetzt noch im Besitz einer Versicherung ist. Dabei fällt auch der Name Piëch. Die Zukunft der Einkaufsmeile hängt nicht zuletzt davon ab, ob sie zum Denkmal erklärt wird.

Stuttgart - Die Calwer Passage hat ihre besten Zeiten hinter sich – und einschneidende Veränderungen vor sich. Nach Jahren des schleichenden Niedergangs mit vielen Leerständen, immer weniger Passanten und häufig wechselnden Geschäften steht die einst renommierte Einkaufspassage jetzt vor dem Verkauf. Was danach aus ihr und dem dazugehörenden Bürokomplex an der Ecke Rotebühlplatz/Theodor-Heuss-Straße werden wird, ist ungewiss.

Wie jetzt durchsickerte, werden die Verkaufsverhandlungen der Württembergischen Lebensversicherung als Eigentümerin von einer Denkmalprüfung beim Regierungspräsidium durchkreuzt. Abriss oder Erhalt – das ist die zentrale Frage, die für Verkäufer und Käufer lästig, hinderlich und je nach dem teuer, für die Stadt aber spannend ist. Schließlich galt die parallel zur Calwer Straße erbaute Passage mit ihrem markanten Glasdach bei ihrer Eröffnung 1978 als Musterbeispiel für die Verknüpfung von denkmalgeschützter Bausubstanz mit moderner Architektur. Einige der Ladenflächen reichen zu den bereits denkmalgeschützten Häusern an der Calwer Straße durch.

Landesamtes für Denkmalpflege pflegt das Ensemble

Ob die Denkmalschützer aufgrund der Verkaufsabsichten auf den Plan gerufen wurden oder der Zufall die Prüfung diktierte, ließ sich am Donnerstag nicht abschließend klären. Das Regierungspräsidium bestätigte jedoch die laufende Untersuchung des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium. „Die Denkmalpflege prüft routinemäßig Bauwerke aus den sechziger und siebziger Jahren, ob sie Denkmal sind oder nicht“, so die Sprecherin Nadine Hilber. Und darunter falle eben auch die Calwer Passage.

„Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Passage zum Denkmal wird. Es war schließlich die erste Passage dieser Art in Deutschland“, sagt der Baubürgermeister Matthias Hahn. Diverse Kaufinteressenten haben sich im Rathaus nach den Baumöglichkeiten erkundigt, die einen wollen abreißen, andere könnten sich auch einen Neustart vorstellen. Die Meinung des Baubürgermeisters ist klar: „Ich würde das begrüßen, wenn die Passage erhalten bleibt“, sagt Matthias Hahn.

Ob freilich der Denkmalschutz auch über den wohl von kaum jemandem als städtebaulichen Lichtblick empfundenen kupferbraunen Büroklotz zum Rotebühlplatz reichen muss, dahinter setzt man auch im Rathaus ein Fragezeichen. „Das müssen die Fachleute entscheiden, mein Interesse gilt vor allem der glasüberdachten Passage“, sagt Bürgermeister Hahn und wünscht sich für die Zukunft „eine attraktive Nutzung“.

Händler kämpfen mit dem Attraktivitätsverlust der Passage

Davon träumen auch die Einzelhändler, die sich seit Jahren mit dem Attraktivitätsverlust der Einkaufspassage arrangieren müssen. Neuzugänge haben seit geraumer Zeit nur noch kurzfristige Verträge bekommen, jetzt können auch die alteingesessenen Läden nicht mehr langfristig planen. „Wir bekommen nur noch halbjährige Mietverträge“, sagt Birgitta Wrensch vom angestammten Optikerladen Früngel + Ulmer. Der Firmenname wird deshalb schon bald aus der Passage verschwinden. „Ab 10. September sind wir in der Calwer Straße 39“, sagt Wrensch.

Verträge gibt es nur noch für ein halbes Jahr

Insgesamt beschleicht einen beim Gang durch die Passage das Gefühl, dass bereits der Ausverkauf vor dem Gesamtverkauf begonnen hat. Überall locken Rabatte, beim Buch-und-Musik-Laden Kiederer stehen leer geräumte Regale und Umzugskartons hinter der verschlossenen Ladentüre. Auch der Antiquitätenhändler ist verschwunden, ein Goldankäufer kündigt sich als Nachfolger an. Das Pfeifenarchiv wirkt da mehr den je wie ein Fels in der Brandung. Auch für diesen Mieter der ersten Stunde verlängert sich der Vertrag nur nach im Halbjahresrhythmus, aber Händler Günter Peschanel lässt sich nicht nervös machen. „Wir wissen, dass die uns brauchen, wir sind ja noch einer der wenigen Magnete hier.“ Auch zahle man regelmäßig die Miete, was einige mangels Umsatz offenbar nicht mehr machten und machen, wie der Passagenfunk meldet.

Viele Händler beklagen, dass sie vom Vermieter im Unklaren gelassen würden, was mit der Passage passiere. Offiziell erklärt der Sprecher der Wüstenrot & Württembergische AG, Immo Dehnert: „Wir haben mit mehreren Interessenten Gespräche über einen Erwerb der Passage geführt. Dabei hat sich jetzt ein sehr ernsthafter Interessent herauskristallisiert.“ Ob und wann es mit diesem zum Abschluss komme, sei aber noch nicht vorherzusagen.

Interesse bei lokalen Investoren

Unter den Kaufinteressenten sind nach Brancheninformationen auch lokale Investoren. Als Favorit gilt demnach die Firma Argon, eine Tochtergesellschaft der Ferdinand Piëch Holding. Teilhaber Dirk Wehinger bestätigt Kaufgespräche, lässt sich aber bezüglich konkreter Baupläne nicht in die Karten schauen. Er verweist auf längere Büromietverträge, weshalb die Calwer Passage „zunächst ein Bestandsobjekt“ sei, für die Läden müsse man sich „etwas überlegen“. Und wie stünde es längerfristig um Abriss und Neubau? „Da sage ich nichts dazu“, so Wehinger.

Das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium will bereits in den nächsten Wochen sein Votum abgeben, ob die Calwer Passage auf die Denkmalliste gesetzt wird oder nicht. „Bis September oder Oktober wird das Prüfungsergebnis vorliegen“, sagt Präsidiumssprecherin Hilber.