Immobiliencoup Stihl schnappt sich Waiblinger Syntegon-Areal – auch wegen der Hochwassergefahr

Die Produktion von Stihl im Waiblinger Stammwerk könnte durch den Grundstücksdeal mit dem Syntegon-Gelände hochwassersicher werden. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Der Motorsägenhersteller Stihl informiert seine Belegschaft über einen spektakulären Immobiliencoup. Der Kauf des Syntegon-Areals könnte vielfältige Standortwechsel auslösen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Im Ringen um eine zukunftssichere Produktion in der Region Stuttgart kann der Waiblinger Motorsägenhersteller Stihl einen Befreiungsschlag vermelden. Mit einem spektakulären Immobiliendeal hat sich das Familienunternehmen das Werksgelände der für Verpackungstechnologie bekannten Firma Syntegon gesichert.

 

Die Übernahme des 114 000 Quadratmeter großen Standorts am Waiblinger Wasserturm wird bei Stihl als Investition in mehr Effizienz und eine verbesserte Logistik verstanden – und könnte betriebsintern in den nächsten Jahren eine ganze Reihe neuer Standort-überlegungen anstoßen. „Der Erwerb des Areals ist ein wichtiger Schritt, um unser Stammhaus effizienter aufzustellen“, wird der Aufsichtsratsvorsitzende Nikolas Stihl in einer Mitteilung des Unternehmens zitiert.

Immobilie aus den 1980er Jahren: das Syntegon-Gelände Foto: Stihl

Denn mit dem stillschweigend eingefädelten Kauf des Syntegon-Areals steht plötzlich ein Ausweichquartier zur Verfügung, um auch nennenswert große Teile der Produktion vorübergehend oder auch dauerhaft zu verlagern. Eine erste Idee könnte sein, die bisher in Werk 1 am Ufer der Rems angesiedelte Fertigung von Kurbelwellen an einen vor Überschwemmungen besser geschützten Standort umzuziehen.

Ein Wechsel der Produktionssparte aus der Talaue in den Gewerbepark zwischen OBI-Baumarkt und Bahnlinie soll im Zweifelsfall verhindern, dass die für Stihl eminent wichtige Antriebstechnik bei künftigen Hochwasser-Ereignissen möglicherweise doch mal unverhofft nasse Füße bekommt – und bei einer Überschwemmung auch die Lieferfähigkeit baden geht.

Stammsitz in Waiblingen: Auslaufmodell mit Sanierungsbedarf

Ohnehin gilt der Stammsitz am Remsufer zwar als Keimzelle der Weltfirma, betriebsintern aber als Auslaufmodell. Logistisch ist der traditionsreiche Standort schon wegen der Anfahrt über die schmale Badstraße nicht zwingend für die Produktion geeignet, bei der Gebäudetechnik und der Bausubstanz spricht die Finanzvorständin offen von einem sichtlichen Sanierungsbedarf.

„Eigentlich ist das hier ein Bürostandort“, sagt Ingrid Jägering, im Vorstand für die Bereiche Finanzen und IT zuständig, über den Stammsitz – wie gemacht für in parkähnlichen Grünanlagen stehende Verwaltungsbauten und die auch als touristisches Ausflugsziel gedachte Stihl-Markenwelt, aber eben nicht für alles, was kracht, lärmt und stinkt.

Mehr als 30 000 Quadratmeter Produktionsfläche bietet das Waiblinger Syntegon-Areal. Foto: Gottfried Stoppel

Doch bisher ist eine Verlagerung der Kurbelwellen-Produktion nicht mehr als ein Gedankenspiel – und beileibe nicht die einzige Option, die das Syntegon-Areal dem Motorsägenbauer bieten könnte. Ebenso in der Schublade liegt ein Konzept, die in der Region verstreuten Stihl-Standorte auf angemieteten Flächen unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln – und auf dem Syntegon-Areal mit mehr Effizienz und kürzeren Wegen nicht nur beim Pachtzins, sondern auch bei den Produktionskosten zu sparen.

Nur in Miete ist das Familienunternehmen beispielsweise an der Fellbacher Höhenstraße, auch der Standort in Kernen und das Werk 9 an der Stuttgarter Straße in Waiblingen verursachen monatlich auflaufende Kosten. Beschlossene Sache allerdings ist eine Auflösung dieser Zweigstellen bisher keineswegs – auch wenn Nikolas Stihl verlauten lässt, dass die „perspektivische Zusammenführung von Standorten künftig Synergien schaffen und Prozesse optimieren“ soll. Wie genau die neuen Chancen durch das neue Grundstück genutzt werden sollen, wird wohl erst im kommenden Jahr spruchreif.

„So eine Gelegenheit gibt es nicht oft – schon gar nicht vor der Haustür“

30 200 Quadratmeter Produktionsfläche hat das Werksgelände im Gewerbepark am Wasserturm, außerdem steht laut Christine Gruna vom Stihl-internen Immo-Management ein Bürokomplex mit etwa 18 200 Quadratmeter und verschiedene Nebengebäude vom Kantinenbau bis zum Pförtnerhaus zur Verfügung. Auch 900 ebenerdig liegende Parkplätze für Mitarbeiter sind auf dem Areal vorhanden. Über den Kaufpreis für das Syntegon-Areal, etwa halb so groß wie das 230 000 Quadratmeter umfassende Werk 2 in Neustadt, ist nichts bekannt.

„So eine Gelegenheit bietet sich nicht oft – schon gar nicht direkt vor der Haustür“, sagt Ingrid Jägering und lobt die vorbildliche Zusammenarbeit mit der Stadt Waiblingen. Die Stihl-Mitarbeiter werden an diesem Mittwoch über den Kauf informiert, auch Syntegon will seine Belegschaft über den Stand der Dinge in Kenntnis setzen. Waiblingens OB Sebastian Wolf spricht von einem Glücksfall. Die Übernahme durch Stihl sei ein ausgesprochen positiver Abschluss der monatelangen Bemühungen um eine gute Nachnutzung des Areals.

Zeit für ein gründliches Durchdenken seiner Optionen hat der Motorsägenhersteller: Obwohl die Unterschriften unter den Kaufvertrag am Montag notariell beglaubigt worden sind, werden bis zur Räumung des Syntegon-Areals noch Monate ins Land ziehen. Der auf die Lebensmittelbranche und den Pharmabedarf spezialisierte Verpackungsspezialist, vor fünf Jahren aus dem Bosch-Konzern ausgegründet, will seinen Firmensitz bekanntlich ins schweizerische Beringen bei Schaffhausen verlagern. Welche konkreten Auswirkungen der mit dem geplanten Börsengang verbundene Umzug auf die 700 bisher in Waiblingen beschäftigten Mitarbeiter hat, ist nach wie vor unklar.

Bis mindestens Mitte 2026 allerdings laufen die Mietverträge von Syntegon und anderen auf dem Werksgelände untergebrachten Firmen. Und: Vor einer neuen Nutzung ist auch eine Sanierung der aus den 1980er Jahren stammenden Flächen angezeigt.

Dennoch bekommt Finanz-Vorständin Ingrid Jägering fast schon leuchtende Augen, wenn sie an die neuen Nutzungsmöglichkeiten denkt. „Das gibt uns so viel Flexibilität, ich bin richtig happy“, sagt sie über den Immobiliendeal.

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