Die Pleite des Luxushotels in Heiligendamm ist ein weiterer Fehlschlag für Anno August Jadgfeld. Nun misstrauen ihm die Anleger.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)

Heiligendamm - Höflich, charmant, ruhig, sachlich und entschieden – wenn es darum geht, den Anschein von Seriosität, Kompetenz und Verlässlichkeit zu vermitteln, macht dem ehemaligen Klosterschüler Anno August Jagdfeld kaum jemand etwas vor. Mehr als 56 000 Anleger hat der Finanzjongleur aus dem Rheinland dazu gebracht, über fünf Milliarden Euro in seine drei Dutzend geschlossenen Immobilienfonds und mehr als 800 Bauprojekte zu stecken. Immer gab es große Renditeversprechen. Doch selten hat Jagdfeld wirklich Wort gehalten – und so das Vertrauen der Anleger verspielt.

Jüngster Fall: die Insolvenz der Grand Hotel Heiligendamm GmbH & Co. KG an der Ostsee, die Experten kaum noch überrascht. Schon vor drei Jahren war der von Fundus zuvor gepriesene Hotelbetreiber Kempinski im Streit ausgestiegen. Das war kurze Zeit nach dem spektakulären G-8-Gipfeltreffen der Regierungschefs, das dem Luxushotel kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit und Auslastung brachte. Bereits damals ließ sich aber kaum verheimlichen, dass der erhoffte wirtschaftliche Erfolg ausbleibt.

Das älteste deutsche Seebad, zu DDR-Zeiten völlig heruntergekommen, sollte nach der Wiedervereinigung erneut zum Treffpunkt der Schönen und Reichen werden. „Gute Aussichten für Ihr Kapital!“ versprachen Jagdfeld und seine Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm Ende der neunziger Jahre vollmundig, zum Beispiel im Kurzexposé des Fundus-Fonds 34. Den Anlegern wurden „hohe Sicherheit“, massive Steuervorteile und auf Anhieb mindestens vier Prozent Ausschüttung zugesagt. Erst im zweiten Anlauf fanden sich rund 1900 Zeichner, die mindestens 50 000 Euro und insgesamt rund 130 Millionen Euro Eigenkapital für das waghalsige Hotelprojekt lockermachten. Zahnärzte, Handwerker, Pensionäre und mittelständische Unternehmer ließen sich von Jagdfelds Luxusvisionen locken – und von der Aussicht, künftig prestigeträchtig und zu Sonderpreisen im Kreise der erhofften Hotelschickeria verkehren zu können.

Der Wiederaufbau verschaffte Jagdfeld das Bundesverdienstkreuz

„Jagdfeld hat es schon immer glänzend verstanden, den schönen Schein zu verkaufen“, sagt Chefredakteur Uwe Kremer vom Informationsdienst Kapitalmarkt-Intern. Der Branchendienst warnte früh und wiederholt vor der „risikoreichen Beteiligung mit ungewissem Ausgang“. Mit der Insolvenz der Fonds KG in Heiligendamm, die das Hotel auch betreibt, sieht Kremer das damalige Urteil nun voll bestätigt. Schon Mitte der neunziger Jahre warnten die Experten zudem vor einem weiteren Fundus-Fonds mit der Nummer 31: dem Nobelhotel Adlon in Berlins Mitte.

Der gefeierte Wiederaufbau der im Krieg zerbombten Luxusherberge gelang zwar und verschaffte Jagdfeld nicht nur großen Medienrummel, sondern auch das Bundesverdienstkreuz. Für die Anleger aber ist das Adlon keine Erfolgsgeschichte, die versprochenen Renditen blieben aus. „Immer wieder wurden die Fondszeicher sogar gedrängt, auf Mieteinnahmen zu verzichten, um das Projekt am Leben zu erhalten“, sagt Kremer. Vom Schaden der Anleger hätten dann nicht selten Firmen aus Jagdfelds Dunstkreis profitiert, die bei dem Projekt mitverdienen.

Über das System Jagdfeld weiß auch Peter Mattil bestens Bescheid. Der Münchner Anwalt hat schon viele Anleger von Fundus-Fonds vertreten, die Verluste erlitten haben. „Ich kenne keinen Fundus-Fonds, der die versprochenen Ausschüttungen gezahlt hat, sogar Vertragsgarantien wurden nach meiner Erfahrung einfach nicht erfüllt“, sagt Mattil. Die Leistungsbilanz der Fundus-Fonds sei „unterirdisch schlecht“ . Auch in Heiligendamm drohe den Anlegern nun der Totalverlust und womöglich noch eine Nachzahlungspflicht.

Bei Insolvenz können Anleger ihr Geld abschreiben

„Ich würde in Fundus-Fonds niemals mein gutes Geld anlegen“, sagt der Rechtsexperte, der sich seit Langem für strengere Kontrollen der geschlossenen Immobilienfonds einsetzt, unter anderem als Sachverständiger im Finanzausschuss des Bundestags. Nach Mattils Erfahrungen verdient der Jagdfeld-Clan über ein undurchsichtiges Firmen- und Vertragsgeflecht an vielen Stellen der Fondsprojekte mit, beim Bau ebenso wie bei Beratung und Betrieb. Die Risiken dagegen würden den Fonds und ihren Anlegern aufgebürdet, die im schlimmsten Fall Totalverluste erlitten.

Denn wenn sich ein gepriesenes Büro- oder Hotelprojekt als unrentabel erweist, drohen am Ende Insolvenz und Zwangsversteigerung. Die Anleger können dann ihr Geld abschreiben. Bei mindestens drei Fundus-Fonds, darunter das Bürohaus Pyramide in Berlin-Marzahn, war das schon der Fall. Beim Adlon-Fonds probte eine Gruppe von Anteilseignern mittlerweile sogar den Aufstand, doch die versuchte Abwahl Jagdfelds in der Gesellschafterversammlung scheiterte. Denn die Mehrheit der Stimmanteile wird in der Regel von Treuhändern kontrolliert, denen die meist anonymen Fondsanleger ihre Stimmrechte abtreten. „Fondsinitiatoren wie Jagdfeld haben in Deutschland viel zu große Freiheiten“, kritisiert Rechtsanwalt Mattil die verbreitete Selbstbedienungsmentalität in der Branche auf Kosten der Anleger. Unfassbar sei, dass solche Immobilien-, Schiffs- oder Medienfonds von staatlicher Seite so lange gefördert und politisch protegiert worden seien. „Das hat den Wildwuchs noch verstärkt und den Steuerzahler sehr viel Geld gekostet“, beklagt der Experte.

Gewiefte Finanzjongleure wie Jagdfeld sind derweil mit ihren steueroptimierten Fondsmodellen steinreich geworden. Der 65-jährige Rheinländer stammt aus einer Schreiner- und Möbelhändlerfamilie, wuchs im Klosterinternat auf und verkaufte schon während des Studiums Kapitalanlagen. Er wurde Steuerberater, wagte sich in der alten Bundesrepublik an erste Immobilienprojekte und drehte nach dem Mauerfall vor allem in Berlin und Leipzig das große Rad. Dabei nutzte er geschickt die üppigen Möglichkeiten zu Sonderabschreibungen, die Topverdienern wie ihm und seinen Anlegern hohe Steuervorteile verschafften.

Schlagzeilen löste der Streit Jagdfelds mit dem Berliner Kulturzentrum Tacheles aus

Reihenweise kaufte die Fundus-Gruppe in den neunziger Jahren im Osten zu wahren Schnäppchenpreisen der öffentlichen Hand wertvolle Immobilien ab, neben dem riesigen Strandareal in Heiligendamm zum Beispiel auch die nicht weit entfernte Halbinsel Wustrow. In Berlin entstanden Bürohäuser wie die Pyramide im Stadtteil Marzahn, eine der ersten krassen Fehlinvestitionen, die aber in der Öffentlichkeit meist vom Glanz des Adlon-Wiederaufbaus überstrahlt wurde.

Wesentlich mehr negative Schlagzeilen löste der jahrelange Streit Jagdfelds mit dem Berliner Kulturzentrum Tacheles in der Oranienburger Straße aus, das einem Fundus-Projekt weichen sollte. Der Verein wehrt sich entschieden und hat sich mit einem „Schwarzbuch Fundus“ revanchiert, das viele fragwürdige Geschäfte sowie die Verbindungen Jagdfelds in die Politik beschreibt und leicht im Internet zu finden ist. Die Autoren sehen das System Fundus auch als Beispiel für den gescheiterten Neoliberalismus der neunziger Jahre.