Immobilienmarkt Bezahlbarer Wohnraum: Wie Esslingen zwischen Eigentümer und Mieter vermittelt
Die Stadt Esslingen unterstützt seit 2019 Menschen in schwierigen Lebenssituationen bei der Wohnungssuche. Für 46 Haushalte hat dies geklappt.
Die Stadt Esslingen unterstützt seit 2019 Menschen in schwierigen Lebenssituationen bei der Wohnungssuche. Für 46 Haushalte hat dies geklappt.
Das Grundprinzip des Wohnraummanagements ist einfach: Wohnungseigentümer, die bislang nicht oder nicht mehr vermieten wollen, und Wohnungssuchende zusammenzubringen. Dabei tritt die Stadt als Vermittlerin auf. 2019 wurde diese Stelle geschaffen, um vor allem Menschen aus der städtischen Notfallkartei zu unterstützen, die auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt fast chancenlos sind. Durch den Abschluss eines Kooperationsvertrags gehen die privaten Vermieterinnen und Vermieter langfristige Mietverhältnisse zwischen fünf und zehn Jahren ein.
Sie profitieren dabei von finanziellen Anreizen wie Sanierungszuschüssen sowie von Sicherheiten wie Mietausfallgarantien und Schadenswiedergutmachung. So erhalten Vermieter beispielsweise pro Person, die einzieht, einen zweckgebundenen Sanierungszuschuss von bis zu 3500 Euro. Seit Beginn des Programms konnten auf diese Weise 41 Objekte in ganz Esslingen akquiriert und 46 Haushalte mit insgesamt 132 Personen vermittelt werden. Darunter waren auch 62 Kinder. Dies geht aus dem jüngsten Evaluationsbericht hervor, der nun im Sozialausschuss vorgestellt wurde.
Welchen Hintergrund die vermittelten Wohnungsnotfälle haben, ist sehr unterschiedlich. Die Personen kommen beispielsweise aus Notunterkünften, dem Esslinger Frauenhaus, Obdachlosenunterkünften und anderen sozialen Einrichtungen, heißt es in dem Bericht. Andere mussten ihre bisherige Unterkunft verlassen, weil sie zu beengt war oder die Miete unbezahlbar wurde. „Es ist teilweise kein einfaches Klientel“, räumte Gunnar Seelow, Leiter der Stabsstelle Wohnen, in der Ausschusssitzung, ein. Die Menschen so zu betreuen, dass das Mietverhältnis erhalten werden kann, sei teilweise aufwändiger als anfangs gedacht, sagte er. Dafür arbeitet das Wohnraummanagement eng mit den Sozialdiensten zusammen. Gleichzeitig spiele die intensive Begleitung eine große Rolle für den Erfolg einer Vermittlung. „Die Vermieter sind froh, dass wir sie unterstützen“, so Seelow.
Aus Sicht der Stadt ist das Wohnraummanagement unverzichtbar. „Eine Verbesserung der Situation auf dem Wohnungsmarkt, vor allem für Haushalte in schwierigen Lebenssituationen, ist derzeit nicht absehbar“, heißt es in dem vorgelegten Evaluationsbericht. Das Wohnraummanagement leiste einen wichtigen Beitrag, um benachteiligten Haushalten angemessenen Wohnraum und damit die Perspektive auf ein Leben in Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu ermöglichen.
Die Stadt gibt dafür pro Jahr rund 180 000 Euro aus. Seit Beginn belaufen sich die Kosten auf insgesamt rund 440 560 Euro, wie aus der Sitzungsvorlage hervorgeht. Davon werden drei Viertel allein für Sanierungszuschüsse verwendet. Allerdings konnte die Verwaltung auch rund 176 400 Euro Fördermittel des Landes abrufen. Die Vermittlung in feste Wohnungen durch das Wohnraummanagement entlastet gleichzeitig die städtischen Notunterkünfte. „Das bringt langfristig betrachtet auch Kosteneinsparungen in anderen Bereichen mit sich“, heißt es in der Vorlage. Dennoch lehnt die Stadt teilweise auch Angebote von Vermietern ab, etwa für Einliegerwohnungen. „Wir haben festgestellt, dass das auf Dauer zu viele Probleme mit sich bringt“, sagte Gunnar Seelow.
Von den Vertreterinnen und Vertretern aller Fraktionen im Sozialausschuss gab es viel Anerkennung. „Es ist wichtig, auch privaten Wohnraum nutzbar zu machen“, sagte beispielsweise Jörg Freitag von den Grünen, „eine eigene Wohnung ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.“ Joachim Schmid sagte, die Bilanz von 41 Wohnungen in sechs Jahren zeige, wie schwierig die Vermittlung sei. „Aber jeder Euro ist gut investiert“, lobte der SPD-Stadtrat. Stephan Köthe (AfD) regte an, dass die Stadt eine andere Rolle auf dem Wohnungsmarkt spielen müsse. „Nur wenn wir eine signifikante Zahl von Wohnungen im Besitz der Stadt haben, können wir die Not lindern“, sagte er.
Martin Auerbach (Linke/FÜR) wies darauf hin, dass in Esslingen viele Wohnungen leer stünden. „Solange wir uns diesen Luxus leisten, wird die Wohnungsknappheit bleiben“, kritisierte er. Für Irritationen sorgte der Vorschlag von CDU-Stadtrat Enrico Bertazzoni, dass Mitarbeiter „mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt gehen, um zu schauen, wo etwas leer steht“. Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar zeigte sich erstaunt und wies ihn darauf hin, dass sich gerade die CDU für die umstrittene Abschaffung des Zweckentfremdungsverbots stark gemacht habe. Die Christdemokraten hatten dies unter anderem mit zu viel Aufwand und einer Gängelung der Eigentümer begründet.
Kontakt
Wer eine Immobilie anbieten möchte, kann vorab auf der städtischen Homepage ein Online-Formular ausfüllen. Die Mitarbeiterinnen des Wohnraummanagements sind telefonisch unter 711/ 3512-2630 oder per Mail unter lisa.drescher@esslingen.de oder deborah.nafz@esslingen.de zu erreichen.
Hürden
Seit dem Start des Wohnraummanagements im Jahr 2019 gab es 332 Kontaktaufnahmen mit Eigentümern. Davon wurden 41 Kooperationsverträge am Ende abgeschlossen, was einem Anteil von 12,3 Prozent entspricht. Die Gründe, weshalb Vermieter abspringen, sind vielfältig, wie aus dem Evaluationsbericht hervorgeht. Oft entsprachen die möglichen Mieteinnahmen nicht den Vorstellungen der Eigentümer. Es wird maximal die ortsübliche Vergleichsmiete gezahlt, die sich aus dem Mietspiegel ergibt. Häufig wurde auch angeführt, dass der Zuschuss für die nötige Sanierung nicht ausreichen würde und die Eigentümer die restlichen Kosten nicht selbst tragen können oder wollen.
Werbung
Um Vermieterinnen und Vermieter gezielt anzusprechen, hat die Stadt ihre Öffentlichkeitsarbeit zuletzt verstärkt. So gab es etwa Werbung auf Bussen oder Flyer wurden den Grundsteuerbescheiden beigelegt. Laut Gunnar Seelow, dem Leiter der Stabsstelle Wohnen der Stadt Esslingen, hat sich die Plakatwerbung als besonders wirksam erwiesen. Wenig Resonanz habe es dagegen auf Veröffentlichungen in den sozialen Medien gegeben.