Immobilienspekulation in München Die Schande von Giesing

Von Maik Rosner 

Ein denkmalgeschütztes Haus in München wird in einer Nacht-und-Nebelaktion abgerissen. Führt der Skandal zu einem Umdenken im überhitzten Immobilienmarkt?

Wohnträume: In den Städten sind sie fast nur noch für Reiche erreichbar. Die Spekulation blüht. Foto: dpa
Wohnträume: In den Städten sind sie fast nur noch für Reiche erreichbar. Die Spekulation blüht. Foto: dpa

München - Die grüne Abdeckplane erinnert beinahe an ein Leichentuch, und ein bisschen lässt sie sich auch als solches wahrnehmen. Mehr als ein Schutthaufen ist ja nicht geblieben von dem denkmalgeschützten Haus, das hier seit 1840 bis zum 1. September stand. Nun, Anfang Oktober, türmen sich unter der Plane hinter einem Baugitter noch immer die Überreste des sogenannten Giesinger Uhrmacherhäusls. Grabkerzen wurden vor dem Zaun mit dem rot-weißen Absperrband aufgestellt und eine handgeschriebene Todesanzeige angebracht. „Obere Grasstr. 1 – Durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommenes, unwiederbringlich zerstörtes Stück Obergiesinger Heimat. Die trauernden Nachbarn“, steht darauf.

Der Bagger kam und machte alles platt

Was hier im Münchner Stadtteil Giesing passiert ist, als ein Bagger am Freitag vor fünf Wochen anrückte und das Haus dem Erdboden gleichmachte, klingt wie ein schlecht erfundenes und kaum glaubhaftes Kriminalstück. Bereits am Vortag war es zu einem ersten Abbruchversuch gekommen. Diesen hatten die herbeigeeilten Anwohner mithilfe der sofort gerufenen Polizei noch unterbinden können. Am Tag danach aber ging alles so schnell, dass kein Einschreiten mehr möglich war. Zwei Männer seien mit einem gemieteten Bagger gekommen, an den Nebenstraßen hätten Komplizen Schmiere gestanden, erzählen Augenzeugen. Nach nur neun Minuten war nichts mehr übrig von dem Uhrmacherhäusl. Die Täter ließen den Schutt auf der Straße liegen, den Bagger einfach stehen und flüchteten zu Fuß. Die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk mussten anrücken, um die Straße wieder freizulegen und die Abrissstelle notdürftig zu sichern. Erst drei Tage später wurde der Bagger von der Verleihfirma vom Tatort Uhrmacherhäusl abgeholt.

Seither hat sich hier nicht viel geändert, auch nicht an der Fassungslosigkeit, die der illegale Abriss weit über das Viertel hinaus ausgelöst hat. Zwar kommen inzwischen nicht mehr ganz so viele Passanten in die kleine, abgelegene Straße, um sich selbst ein Bild von der Zerstörung zu machen, doch unvermindert geblieben ist die Wut. Viele erkennen in der Tat ein besonders dreistes Beispiel für das rücksichtslose Vorgehen von Investoren und ungebremste Fortschreiten der Gentrifizierung, also der systematischen Verdrängung alteingesessener, aber einkommensschwacher Schichten. Wie Monika Maier, 51, die seit 13 Jahren gleich ums Eck wohnt, den Abriss als Augenzeugin miterlebt hat und seither mit ihrer Bürgerinitiative Heimat Giesing darum kämpft, Zeichen zu setzen. Sie sagt: „Für mich ist es ein Präzedenzfall für die ganze Stadt – und vielleicht für die ganze Bundesrepublik.“

War eine Sanierung nie geplant?

Marco Gariboldi, 29, wohnt im Haus gleich hinter der Abbruchstelle. Er kennt die Vorgänge rund um das Gebäude, in dem bis vor zwei Jahren ein Uhrmacher lebte und arbeitete. „Das ist hochgradig kriminell“, sagt Gariboldi über den illegalen Abriss. Dass zunächst von einem „Unfall“ die Rede war, halten die Anwohner für lachhaft. Sie glauben, es sollten schlicht Fakten geschaffen werden.

Anfang August hatten sie ein Schreiben des inzwischen abgetauchten Eigentümers Andreas S. erhalten. Daraus ging hervor, dass das alte Handwerkerhaus saniert und „aus Gründen des Denkmalschutzes nach außen wie vorhanden erhalten“ werden solle. Als eine Dachabdeckung angebracht worden war, habe alles nach einer ganz normalen Sanierung ausgesehen. Dann kam der Bagger. „Die Sanierungspläne waren nur vorgeschoben“, sagt Gariboldi, und er fürchtet: „Andere kommen wegen Kleinigkeiten ins Gefängnis. Hier wird nichts passieren, und die schieben sich noch zwei Millionen Euro Gewinn rein.“ Der Eigentümer äußert sich zu diesen Vorwürfen nicht – er ist schlicht nicht erreichbar.

Die Strafe kann sich der Immobilienunternehmer leisten

Es ist jene Befürchtung, die auch Gariboldis Mitstreiter umtreibt. Denn an der Stelle des seit 2016 leer stehenden kleinen Hauses, das als Teil der sogenannten Feldmüllersiedlung mit vielen anderen kleinen Handwerkerhäuschen auch unter Ensembleschutz stand, solle nun ein Mehrfamilienhaus errichtet werden, das viel Gewinn abwirft, vermuten die Anwohner. Trotz der drohenden Strafe, die nach dem Denkmalschutzgesetz ein Bußgeld von maximal 250 000 Euro vorsieht, nach der bayerischen Bauordnung wären sogar bis zu 500 000 Euro fällig.

Die historische Feldmüllersiedlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts prägt das Viertel nach wie vor. Als Giesing noch ein Dorf vor den Toren Münchens war, lebten hier Arbeiter und Handwerker. Es waren jene Menschen, die für Giesing noch bis weit ins vergangene Jahrhundert standen. Der Verein TSV 1860 München ging aus diesem Viertel hervor. Franz Beckenbauer wuchs nur ein paar Ecken weiter in der Zugspitzstraße auf. Zwar gilt Giesing weiterhin als eines jener zentrumsnahen Viertel der teuersten Stadt Deutschlands, in dem sich noch vergleichsweise günstiger Wohnraum finden lässt, doch die Gentrifizierung schreitet im beengten München mit besonderer Rasanz voran und hat längst auch Giesing erreicht. Kleine Häuser mit wenig Wohnraum stehen dem Gewinnstreben von Investoren bei den explodierenden Grundstückspreisen nur im Wege. Das gilt auch anderswo, in Berlin, Hamburg oder Stuttgart.

Tausende protestieren gegen den Abriss

Offenbar beauftragte der Eigentümer die CSH Baubetreuung GmbH mit dem Abriss. Doch auch hier erhält man keine Informationen – nur der Anrufbeantworter meldet sich, wenn man die Nummer wählt. Die Bürgerinitiative von Monika Maier will verhindern, dass diese Methode zum Erfolg führt. Maier war es auch, die die Todesanzeige am Absperrzaun anbrachte, Trauerkerzen aufstellte und eine Unterschriftenliste auslegte, auf der sich rasch viele Hundert Menschen eintrugen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Inzwischen seien „um die 2000 Unterschriften“ zusammengekommen, sagt Angelika Luible, die sich gemeinsam mit Maier engagiert. Eine Facebook-Seite wurde eingerichtet, sogar einen Wikipedia-Eintrag gibt es zu dem Fall. 1000 Handzettel wurden gedruckt und verteilt, Plakate in den Geschäften Giesings ausgehängt. Traditionsbewusste Fans des TSV 1860 starteten mehrere Aktionen, auch mit dem Verein steht die Bürgerinitiative in Kontakt. Ebenso mit dem Liedermacher Konstantin Wecker, der einst das „Kaffee Giesing“ betrieb. Die Nachbarn reichten zudem Klage gegen den Abriss ein. Man habe sich so aufgestellt, „dass wir einen langen Atem haben“, sagt Maier, „wir werden nicht nachlassen – das ist die Botschaft“.

Für sie geht es um mehr als um das Uhrmacherhäusl und dessen Wiederaufbau. Ihr ist bewusst, dass es weiter reichende Beispiele für die voranschreitende Gentrifizierung gibt, in München und anderen Großstädten. „Aber hier ist es die Symbolkraft, die eine besondere Wucht entfaltet“, sagt Maier. Sie erkennt in dem „kriminellen Akt der brutalen Zerstörung das Potenzial zu etwas Größerem“.

Wem gehört die Stadt?

„Es muss ein Zeichen gesetzt werden, dass sich so etwas nicht lohnt. Die Empörung muss sich in Entscheidungen niederschlagen“, fordert Monika Maier von der Politik. Sie greift jene Frage auf, die sie in einem Zeitungskommentar gelesen hat: „Wem gehört die Stadt?“ Das treffe es ziemlich genau, findet Maier. Sie fragt sich: „Wie geht man in der Gesellschaft miteinander um? Setzen sich diejenigen mit der größten Brachialität wirklich immer durch?“

Am Bauzaun in der Oberen Grasstraße hängt auch noch immer jener Brief, den ihre Bürgerinitiative an Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben hat. Darin wird als zentrale Forderung nicht nur die Wiedererrichtung des denkmalgeschützten Hauses formuliert, sondern auch nach den Konsequenzen für die Urheber gefragt: „Wird rücksichtsloses, kriminelles Vorgehen zur Durchsetzung von Einzelinteressen geduldet, nur minimal sanktioniert oder vielleicht sogar noch durch zusätzlichen finanziellen Gewinn belohnt?“

Die Anwohner wollen endlich Taten sehen

Die große Unterstützung aus der Bevölkerung interpretiert Maier als Zeichen, „dass das Maß einfach voll ist“. Auch die Signale, die sie aus der Politik quer durch alle Rathausfraktionen vernommen hat, klangen zunächst ermutigend. Inzwischen allerdings, zumal nach der Bundestagswahl, entsteht der Eindruck, dass Stadt und Politik „sehr zäh und langsam“ agieren, wie es Luible formuliert. Gegen die Gefahr, dass die Angelegenheit im Sande verlaufen könnte, „werden wir vehement vorgehen“, kündigt sie an.

Bei der Bürgerinitiative dringen sie darauf, dass Reiters Ankündigungen Taten folgen werden. Sie wissen aber auch, dass viel Geduld und Hartnäckigkeit nötig sein wird, zumal juristische Fragen geklärt werden müssen. Und sie wissen, dass ihre Idee, nach dem erhofften Wiederaufbau ein Begegnungszentrum oder Museum zu errichten, kaum realistisch ist. Maier: „So etwas rechnet sich halt nicht – nicht für die Stadt und nicht für den Investor.“