Immun gegen das Coronavirus Wie sinnvoll sind Impfungen für Kinder?

In Kanada und den USA sind zwar Corona- Impfungen für Jugendliche ab zwölf Jahren erlaubt. Dennoch gibt es noch keine aussagekräftigen Daten darüber, wie die Immunisierung in dieser Altersgruppe vertragen wird. Foto: dpa/A3542 Karl-Josef Hildenbrand

Auch Kinder und Jugendliche können wohl bald gegen Corona geimpft werden. Doch ist dies wirklich medizinisch sinnvoll und epidemiologisch notwendig? Das sagen Experten.

Stuttgart/Reutlingen - In dem Werbefilm eines Impfstoffherstellers sieht alles so einfach aus: Ein Piks genügt, und schon steht Kindern und Jugendlichen die Welt wieder offen. Schulunterricht, Sport, Treffen mit Freunden und Ausflüge – alles wieder so wie vor der Pandemie. Doch ist es wirklich medizinisch sinnvoll und epidemiologisch notwendig, Schulkinder gegen das Coronavirus zu impfen? In unserem Überblick geben Impfexperten, Kinder- und Jugendärzte Antworten auf die wichtigsten Fragen.

 

Wie wirksam sind die Impfstoffe für Kinder?

Aktuell gibt es in Europa keine zugelassenen Corona-Impfstoffe für Kinder und Jugendliche, die jünger als 16 Jahre sind. Allerdings haben Biontech und Pfizer bei ihrem Impfstoff Comirnaty eine Erweiterung der bedingten Marktzulassung für Jugendliche ab zwölf Jahrenbereits Ende April beantragt. In einer Studie mit mehr als 2200 Jugendlichen sei keiner der geimpften Teilnehmer an Covid-19 erkrankt, so die Unternehmen. 18 Personen seien es in der Placebo-Vergleichsgruppe gewesen. Es gebe „sehr hohe Antikörperantworten“ bei den Studienteilnehmern. Zudem haben die Hersteller bereits eine klinische Studie für Babys ab sechs Monaten und jüngere Kinder begonnen. Auch andere Unternehmen wie Moderna, Astrazeneca sowie Johnson & Johnson wollen ihre Zulassungen erweitern: Erste Impfstoffe für Jugendliche ab zwölf Jahren werden in der zweiten Jahreshälfte 2021 verfügbar sein. Mit Impfstoffen für jüngere Kinder rechnen Kinderärzte erst im kommenden Jahr.

Kinder haben ein aktives Immunsystem: Sind bei Corona-Impfungen daher häufigere und heftigere Nebenwirkungen zu erwarten?

In Kanada und den USA sind zwar Impfungen für Jugendliche ab zwölf Jahren erlaubt. Dennoch gibt es noch keine aussagekräftigen Daten darüber, wie die Immunisierung in dieser Altersgruppe vertragen wird. Hiesige Experten empfehlen daher erst einmal keinen breiten Einsatz dieser Vakzine bei gesunden Kindern und Jugendlichen. „Bislang ist nur bekannt, dass die verfügbaren Corona-Vakzine bei jüngeren Erwachsenen deutlich mehr und stärkere Nebenwirkungen als bei Senioren zeigen, da das junge und fitte Immunsystem auf diese hochwirksamen Substanzen hin massiv aktiviert wird“, sagt der Infektiologe Markus Rose, Leiter des Zentralen Impfzentrums des Klinikums Stuttgart und Ärztlicher Leiter der Pädiatrischen Pneumologie, Allergologie und des Mukoviszidosezentrums am Klinikum.

Wäre es sinnvoll Kinder und Jugendliche mit Blick auf die Herdenimmunität zu impfen?

In Deutschland leben rund 13 Millionen Kinder und Jugendliche. Das sind etwa 16 Prozent der Bevölkerung. Ohne sie wäre eine Herdenimmunität kaum möglich. Doch das allein ist aus Sicht vieler Experten kein hinreichender Grund, um ein Kind gegen Covid-19 zu impfen. „Zumal es sich in anderen Ländern gezeigt hat, dass die Durchimpfung der Erwachsenen dazu führt, dass die Infektionen bei Kindern zurückgehen“, so Till Reckert, Sprecher des baden-württembergischen Landesverbands des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Außerdem, so wendet Markus Rose ein, müsse zuvor unter anderem geklärt werden, wie wirksam und verträglich die Impfstoffe bei Kindern sind und ob es deutlich mehr Vorteile als Risiken gibt. Doch dafür lägen für diese Altersgruppe noch nicht genügend Daten vor.

Könnte eine Impfung die Ansteckungsgefahr durch Kinder mindern?

Grundsätzlich ja. Allerdings gelten Kinder nicht als hochansteckende Infektionsquelle. „Der typische Superspreader ist kein Kindergartenkind, sondern ein übergewichtiger rauchender älterer Mann“, sagt Rose. Kinder tragen zwar die Viren in ihren Körpersekreten. „Doch aufgrund ihrer milden Krankheitsverläufe und des schwachen Hustenstoßes spielen sie aber nur eine nachgeordnete Rolle.“ Große Studien aus verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass sich infizierte Kinder meistens innerhalb des Familienkreises angesteckt haben, nicht umgekehrt. Jugendliche beeinflussten das Infektionsgeschehen dagegen stärker, so Reckert.

Wäre es sinnvoll, zumindest Kinder mit chronischen Erkrankungen jetzt schnell zu impfen?

Chronisch kranke Kinder haben keine Übersterblichkeit durch Covid-19, sagt Markus Rose. „Die für Erwachsene definierten Risikogruppen und somit Impfberechtigungen können nicht 1:1 auf Kinder übertragen werden.“ Das entspricht auch den Erfahrungen von Till Reckert, der in Reutlingen eine Covid-19-Schwerpunktpraxis betreibt: So sei etwa Adipositas bei Erwachsenen ein Risikofaktor, bei Kindern aber nicht. Auch Asthma und Rheumaerkrankungen erhöhen bei Kindern nicht das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs. „Neue wissenschaftliche Daten zeigen, dass selbst nach Organtransplantationen Kinder nicht so bedroht sind wie entsprechende Erwachsene.“

Wie gefährlich ist eine Covid-19-Erkrankung für Kinder und Jugendliche?

Es ist mittlerweile recht gut erforscht, dass Kinder nur ein ganz geringes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe haben, sagt Markus Rose. „In der Regel zeigen Coronakranke Kinder Husten, Halsweh, Durchfall, Erbrechen – jedes sechste infizierte Kind ist sogar komplett beschwerdefrei.“ Auch die Geruchs- und Geschmacksstörungen sind bei Kindern nicht so typisch wie bei Erwachsenen. Ähnlich sind Till Reckerts Erfahrungen. „Nach Angaben des Robert Koch Instituts liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen bei den rund 98 000 Patienten, die seit Januar 2021 an Covid-19 erkrankt sind, bei weniger als zwei Prozent.“ Davon hätten fünf Prozent eine intensivmedizinische Behandlung gebraucht, bei sechs Kindern sei es zu Folgeschäden gekommen. Vier Kinder sind im Laufe der gesamten Pandemie aufgrund einer Coronainfektion ums Leben gekommen. Auch haben Kinder und Jugendliche vereinzelt nach einer Erkrankung Long-Covid-Symptome gezeigt, sagt Reckert.

Was hat es mit PIMS auf sich?

Bei dem Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) handelt es sich um eine Folgeerscheinung einer Covid-19-Erkrankung: Etwa eines von 1000 Kindern wird vier bis sechs Wochen nach der Infektion plötzlich krank und entwickelt Symptome wie hohes Fieber, Probleme am Herzen, im Darm und Hautausschlag. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hat bislang 314 Kinder mit PIMS registriert, sieben haben bisher Folgeschäden davongetragen. Sorgen machen den Pädiatern eher die Langzeitfolgen der monatelangen Isolierungsmaßnahmen: „Viele kranke Kinder – sei es mit einem Diabetes, mit Leukämien oder Blinddarmentzündungen – werden erst spät Ärzten vorgestellt“, sagt Rose. „Es häufen sich Depressionen, die Kinder sind aufgrund des Bewegungsmangels zunehmend übergewichtig und untrainiert.“

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