„Ich sehe das sehr kritisch, dass die Liederhalle so schnell aufgegeben wird“, sagte CDU-Stadträtin Beate Bulle-Schmid am Montag im Sozialausschuss. „Das ist keine gute Idee, das jetzt auch noch alles den Hausärzten aufzubürden.“ Auch Sibel Yüksel (FDP) hat „größte Bedenken, dass die Hausärzte die Schließung der Liederhalle auffangen können“. Luigi Pantisano vom Linksbündnis rät, über die Entscheidung „noch mal nachzudenken“. Jasmin Meergans von der SPD fragt, wie es dann beim Impfen mit mobilen Teams in sozial schwachen Stadtteilen weitergehen soll. Nicht nur Rose von Stein (Freie Wähler) ist unklar, wo die Menschen, die in den nächsten Wochen in der Liederhalle zum ersten Mal geimpft werden, dann ihre Zweitimpfung bekommen sollen. Die Stadträtin versteht auch nicht, warum man in der Liederhalle einen so langen Vorlauf vor dem Neustart benötige.
Sanierung der Liederhalle nicht abgeschlossen
Das Impfzentrum in der Liederhalle stellt für Stuttgart und die Region eine hohe Impfkapazität zur Verfügung. Es umfasst neben dem Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) nicht nur eines der beiden Zentralen Impfzentren, sondern auch die beiden Stuttgarter Kreisimpfzentren. An starken Tagen bekamen hier rund 5000 Personen ihren Piks, jetzt sind es etwa 3500, es könnten aber bis zu 6000 sein, sagt Jan Steffen Jürgensen, der medizinische Vorstand des städtischen Klinikums, welches das Impfzentrum betreibt.
„Wir hätten uns das anders gewünscht“, sagt Jürgensen. „Aber ich halte den Schritt für vertretbar.“ Der Mediziner ist überzeugt, dass „die leistungsfähige Struktur der niedergelassenen Ärzte und der Betriebsärzte das kompensieren können“. Und die städtische Veranstaltungsgesellschaft habe schon sehr viel möglich gemacht für das Impfzentrum.
Zuvor wurde der Bereich der Liederhalle ein Jahr lang saniert. „Aber die Sanierungsarbeiten waren noch nicht ganz abgeschlossen“, erklärt Abteilungsleiter Norbert Hartmann. Da man nun für den September wieder Veranstaltungen vorbereite, müssten noch die Restarbeiten gemacht werden. „Für Nacharbeiten, Abnahmen und Genehmigungen brauchen wir noch vier bis sechs Wochen“, erläutert Hartmann.
Suche nach Ersatzkapazitäten
Was die Zweitimpfungen angeht, gibt es bereits Überlegungen, wo die Impflinge aus der Liederhalle diese bekommen können. Es gebe beim Land den Wunsch, auch diese „im System der Impfzentren“ anzubieten, sagt Mark Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des RBK. Man habe dem Sozialministerium erklärt, „dass wir bereit sind, alle oder einen Teil dieser Zweitimpfungen zu übernehmen“. Es hänge von der Anzahl ab, ob man das alleine oder mit anderen Impfzentren leisten könne. Das RBK habe eine tägliche Kapazität von bis zu 3000 Impfungen, sagt der Mediziner, derzeit seien es aber maximal 1500. Alscher findet, dass man zumindest einen Teil der Impfzentren erhalten sollte. Er glaubt, dass eine dritte Corona-Impfung nötig werden dürfte, schon um im Herbst eine vierte Pandemiewelle zu verhindern, wenn gerade bei früh geimpften älteren Menschen der Impfschutz nachlassen sollte.
Ob also alle Impfzentren im Land Mitte August aufhören, ist offen. Beim Sozialministerium heißt es, die Impfzentren liefen „noch mindestens“ so lange. Das Weitere hänge vom Gang der Impfkampagne ab. Stuttgart berät diese Woche im Krisenstab über das Impfzentrum Liederhalle.