Reutlingen - Die Fenster darf man nicht öffnen im sonnig-warmen Wartezimmer der Kinderarztpraxis von Dr. Till Reckert, wäre zu riskant hier im zweiten Stock eines Altbaus in Reutlingen, dass Kinder auf einen Stuhl klettern und herunterfallen. Gelüftet wird also über die offene Tür und die Arzthelferin achtet darauf, dass der Raum nicht zu voll wird, Corona ist ja das andere Risiko. Irgendwie scheint der ganze Alltag ein ständiges Abwägen von Gefahren zu sein, und als Reckert nach elf Stunden Arbeit um 19 Uhr den letzten Patienten verabschiedet – eine Afrikanerin mit aus gutem Grund schreienden Baby (Vorsorgeuntersuchung mit Impfung) – und ins Behandlungszimmer bittet, kommt er gleich zur Sache.
Die Schulen sind offen, die Krankheiten kehren zurück
Natürlich kann jedes Risiko gen Null gedimmt werden, und das war im Lockdown der Kitas und Schulen im Winter auch der Fall. Die Infektionen seien in seiner Praxis da um 70 Prozent zurückgegangen, schätzt Till Reckert. Wie sollen sich Kinder auch anstecken, wenn sie daheim sitzen? Keine Atemwegserkrankungen, kein Scharlach, kaum Schnupfen, Husten, Heiserkeit: „Wir haben eine neue Weiterbildungsassistentin. Der konnte ich keine Mittelohrentzündung zeigen!“ Aber jetzt ist alles wieder da, Kitas und Schulen sind offen, die üblichen Kinderkrankheiten steigen auf Normallevel, und Jugendliche, die ihre Vorsorgeuntersuchungen verschoben hatten, sind zurück und fragen: Brauche ich eine Corona-Impfung, wie sie für 12- bis 17-Jährige zugelassen ist, aber von der Ständigen Impfkommission (Stiko) nicht generell empfohlen wird, außer bei Vorerkrankungen wie Fettleibigkeit, Krebs und Diabetes?
In den Club nur mit der Impfung?
Hört man sich an Schulen um – etwa in Stuttgart – scheint das Impfen im Trend zu liegen, besonders bei 17- bis 18-Jährigen, die sich davon eine Befreiung von der Maskenpflicht erhoffen und Freiheiten wie Zugang zum Sport, zu Konzerten, Reisefreiheit. Demnächst öffnen die Clubs bei Inzidenzen unter zehn – Eingangsbedingung sind die drei G’s: genesen, geimpft oder getestet. „Die Jugendlichen vertrauen der Politik nicht mehr. Sie wollen nicht erneut Beschränkungen erleben, wenn es im Herbst eine neue Welle geben sollte – und viele wollen ungefährdet in die Schule und ihr Abitur schreiben“, sagt etwa Annette L., die Mutter einer 17-Jährigen, für die sie mühelos einen Termin im Impfzentrum erhalten hat. Ihren 13-jährigen Sohn aber lässt sie erst einmal nicht impfen – wegen der für dieses Alter unzureichenden Datenlage.
Für den 54-jährigen Arzt Reckert ist solch ein Abwägen richtig. Bei ihm gibt es keinen Schnellschuss als Rat. Das macht er auch nicht bei anderen Impfungen, denn mehr als ein Dutzend Schutzimpfungen für Kinder empfiehlt die Stiko, aber sie hat auch Empfehlungen zum Impfen für besondere Risikogruppen im Angebot, die nicht generell sind, etwa das Impfen gegen Grippe für Ältere. Wenn es beispielsweise um die FSME geht, die Frühsommer-Meningoenzephalitis, weist Reckert, schon mal darauf hin, dass ein Kind im Schwarzwald, wo es mehr Zecken gibt, ein anderes Risiko trägt als eins in Reutlingen-Mitte.
Dr. Reckert impft viel – aber meist Eltern
Vereinzelt hat der Arzt schon Jugendliche mit Biontech gegen Covid-19 geimpft, aber die Masse seiner Corona-Impfungen – insgesamt 500 – habe seine Praxis bei Erwachsenen durchgeführt, meist bei Eltern, die in seiner Praxis ein und ausgehen und dort öfter sind als beim Hausarzt. Reckert sieht eigentlich nur zwei „vernünftige“ Gründe fürs Impfen gegen Corona bei Jugendlichen: individuelle Vorerkrankungen oder, wenn das soziale Umfeld geschützt werden soll: „Eine Jugendliche hat eine Großmutter, der ein Organ transplantiert worden war. Deren Impfung wirkt nicht so sicher, die Enkelin möchte sie aber oft besuchen.“ Also ja, den Teenager impfen. In anderen Fällen ist Reckert zurückhaltender. Neulich war ein 16-Jähriger da, der nächstes Jahr Abitur macht und die Impfung will: „Der hat Pläne für einen Auslandsaufenthalt und will nicht, dass ihm Corona die verhagelt.“ Man einigte sich im Gespräch aufs Abwarten.
Einige Turbulenzen hatte im Berufsverband der Kinder und Jugendärzte (BVKJ), in dessen Landesverband Reckert im Vorstand ist, die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Mai ausgelöst, er wolle allen Kindern und Jugendlichen bis Ende August ein Impfangebot machen und die sichere Rückkehr in die Schulen daran knüpfen. Ein Vorpreschen vor der Entscheidung der Stiko, ob die Impfung sinnvoll sei? Wie Erwachsene hätten auch Kinder ein Recht auf die Nutzen- und Risikoanalyse eines Impfstoffs, erklärte der BVDKJ daraufhin, und Reckert lobt im Rückblick: „Die Ständige Impfkommission stand mit ihrer Entscheidung wie ein Fels in der Brandung.“
Der Verlauf bei Jugendlichen sei „mild“, sagt die Stiko
Unvergessen ist der Auftritt des vollbärtigen Stiko-Vorsitzenden Thomas Mertens vor den Kameras am 8. Juni, der mit Verweis auf die dünne Datenlage bei der Erforschung der Nebenwirkungen des Impfstoffs für Kinder und Jugendlichen keine allgemeine Impfempfehlung aussprach. Dem Risiko stehe ein bescheidener Nutzen gegenüber, anders als bei älteren Erwachsenen verliefen Sars-Cov-2-Infektionen bei 12- bis 17-Jährigen „überwiegend mild bis moderat“. Laut einer Statistik des Robert-Koch-Instituts sind bisher zehn Kinder im Alter von zehn bis 19 an Covid verstorben, in der Altersgruppe der 50 bis 59-jährigen sind es über 2000 Tote – in höheren Altersgruppen steigen die Todesraten dramatisch. Aber der politische Druck auf die Stiko wächst. Am Montag meldete sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der „Rheinischen Post“ zu Wort. Die Stiko müsse ihre eingeschränkte Empfehlung für die Corona-Impfung von Kindern überdenken, denn in Großbritannien, wo die Delta-Variante grassiert, seien bereits viele Kinder mit Covid in der Klinik. Lauterbach: „Die Durchseuchung der Kinder mit der Delta-Variante ist zu riskant. Und Wechselunterricht ist keine Lösung.“ Die Stiko aber habe nur die „alten“ Varianten analysiert.
Erwachsene sollen sich impfen lassen, sagt der Kinderarzt
Als Kinderarzt steht man in einer solchen Lage zwischen allen Fronten. Die Entscheidung der Stiko sei „ja nicht in Stein gemeißelt“, sagt Kinderarzt Reckert, sie könne angepasst werden bei besserer Datenlage oder wenn im Herbst durch die Delta-Variante eine ganz neue Lage entstanden sei. Aber was komme, wisse keiner. Wenn die Erwachsenen gut durchgeimpft seien, werde das eine vierte Welle verändern, so der Kinder- und Jugendarzt, vielleicht gelange man von der Pandemie zur Endemie, eine Krankheit wie die Grippe, die komme und gehe.
Das ist überhaupt Reckerts Credo: die Älteren sollten sich impfen lassen, um die Jungen zu schützen. Die drei G’s für Erwachsene müssten für Kinder ergänzt werden durch ein viertes: „Gesellschaftlich geschützt“. Bisher seien viele Coronamaßnahmen in Deutschland „auf Kosten der Kinder“ ausgetragen worden, meint Reckert, in anderen Ländern sei der Schullockdown nicht so lang gewesen wie hier. Die Nebenwirkungen hat Reckert in der Praxis gesehen: Psychische Auffälligkeiten hätten sich verdoppelt oder verdreifacht, Depressionen, Essstörungen, Ritzen. „Da kamen Schüler und sagten, sie hätten keine Lust mehr, das Video nerve.“
Der Arzt schildert die Nebenwirkungen
In Reckerts Praxis sind zwei Kinder nach einer Covid-Infektion wegen des Pädiatrisch Inflammatorischem Multiorgan-Syndrom (PIMS) behandelt worden. Sie litten unter hohem Fieber – aber mittlerweile seien sie wieder wohlauf. Insgesamt haben Kinderärzte im Kreis Reutlingen fünf Long-Covid-Patienten im Kindesalter gezählt – eine überschaubare Zahl. Wenn Reckert Jugendliche berät, schildert er mögliche Impfreaktionen wie Schwäche, Fieber, Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Aber gut möglich, dass viele Jugendliche und Eltern gar nicht mehr seinen Rat suchen. In Baden-Württemberg können für 12- bis 17-Jährige Impftermine über die Hotline in Impfzentren gebucht werden, die notwendige ärztliche Beratung kann dort von Impfärzten vorgenommen werden. Gesellschaftspolitisch aber bleibt Reckert bei seiner Botschaft: „Wir müssen Kinder und Jugendliche wieder mehr in den Blick nehmen. Wir müssen Freiheit und Impfung trennen!“