Impfgegner aus Baden-Württemberg Drei Menschen erklären, warum sie sich nicht impfen lassen

Eine Impfpflicht gegen Corona gibt es in Deutschland nicht, doch einen verstärkten Druck sich zu impfen zu lassen, verspüren Impfgegner schon. Foto: imago//Sachelle Babbar

Impfgegner haben viele Argumente. Drei Menschen aus Baden-Württemberg erklären, warum sie sich nicht impfen lassen wollen, trotz wachsenden gesellschaftlichen Drucks.

Stuttgart - Das Haustier lärmt, Marie Müller bittet um Ruhe und schaltet dann den Lautsprecher am Telefon ein, damit ihr Ehemann mitreden kann. Die Müllers bitten für das Gespräch um Anonymität, ihr Name ist daher geändert worden. Sie und ihr im Haushalt lebendes Kind sind ungeimpft, ein älterer Sohn ist schon ausgezogen, er hat sich impfen lassen: „Der Druck hat ihn dazu gebracht, er geht gerne in Discos, die Belastung durch teure PCR-Tests war zu hoch für ihn“, sagt Marie Müller. Die Familie lebt im Bodenseeraum in einem Landkreis, in dem die Zahl der Ungeimpften in etwa dem Durchschnitt Baden-Württembergs entspricht – 35,4 Prozent aller Bürger von jung bis alt haben keine Corona-Impfung.

 

Frau Müller arbeitet im sozialen Bereich, Wolfgang Müller ist Unternehmer. Er sagt: „Wir leben in einem schönen Haus mit Garten, wir sind nicht eingepfercht. Wir führen ein gutes Leben.“ Man habe einen Freundeskreis, der beruflich erfolgreich sei, die meisten seien nicht geimpft. Marie Müller liefert den Kern der Motivation: Sie habe Respekt vor Corona und wolle nicht beatmet auf einer Intensivstation landen. Aber noch größer sei ihr Respekt vor der Impfung – obwohl schwere Nebenwirkungen sehr selten sind, wie sämtliche Studien zeigen. Die Impfung brauche sie auch gar nicht, sagt Müller: „Ich habe so ein gutes Immunsystem, ich war seit 20 Jahren nicht krank, hatte noch nie eine Grippe“, sagt sie. Sie fahre mit dem Rad zur Arbeit, sie werde dort täglich getestet, sagt Marie Müller. Und überhaupt sei vielfaches Testen besser, denn auch bei Geimpften gebe es doch Impfdurchbrüche.

Jeder soll selbst entscheiden dürfen

Die Verbindung zum Milieu der Querdenker weist sie zurück. Das spalte die Gesellschaft: „Jeder hat doch seine Gründe, warum er sich nicht impfen lasse. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren.“ Dann erinnert sie an die Startschwierigkeiten, die der Impfstoff Astrazeneca gehabt habe, der im Verdacht stand, Blutgerinnsel auszulösen. Jeder müsse selbst entscheiden, sagt Marie Müller.

Vor Kurzem sind alle drei Müllers an Corona erkrankt, es ging glimpflich ab. Das Kind sei nach ein paar Tagen mit Husten und Schnupfen wieder fit gewesen, Marie Müller hatte anderthalb bis zwei Wochen Grippesymptome, Fieber sowie Geschmacksverlust, fühlte sich schlapp und „wie betoniert“. Das sei alles wieder weg. „Ende November gelten wir als genesen“, sagt Marie Müller. „Dann haben wir die volle Freiheit wieder.“

Kretschmann: Ungeimpfte haben sich falsch entschieden

Im September hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einem Videoclip die Ungeimpften angesprochen. Laut Sozialministerium sind von den 9,2 Millionen Erwachsenen im Land zwei Millionen nicht gegen Corona geimpft. Eigensinn verdiene Respekt, hatte Kretschmann gesagt, und er habe auch Respekt vor den Ungeimpften „als Mensch und Bürger“, auch wenn sie eine falsche Entscheidung getroffen hätten.

Danach sagte er, dass die Freiheit ende, wo sie andere in Gefahr bringe, und das sei beim Nichtimpfen der Fall. Damit bringe man unter anderem eine Million Kinder in Gefahr, die sich nicht impfen lassen könnten. Weltärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery spricht sogar von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ über eine Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung. In Ländern wie Portugal seien 97 Prozent der über Zwölfjährigen geimpft. Dort seien einschränkende Maßnahmen nicht mehr nötig.

„Ich fühle mich ausgegrenzt von Kollegen“

Bei ihrer jüngsten Konferenz hatten die Gesundheitsminister von einer „moralischen Impfpflicht“ für bestimmte Berufe gesprochen, wenngleich alle der Ansicht waren, dass es eine Impfpflicht nicht geben soll: Damit spalte man die Gesellschaft noch mehr, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), und es bestehe die Gefahr, dass man „einige gar nicht mehr erreicht“. Aber das scheint bereits der Fall zu sein.

Der öffentliche Druck auf Ungeimpfte ist da, keiner der Interviewten möchte seinen wahren Namen in der Zeitung lesen. Auch Viktor nicht, der 38-jährige ist in der Medienbranche in Stuttgart tätig. „Sobald die Leute merken, du bist ungeimpft, bist du abgestempelt. Ich fühlte mich ausgegrenzt von Kollegen.“ Es sei ihm vermittelt worden, dass er persönlich „das Infektionsrisiko“ sei und dass Ungeimpfte die Gesellschaft ausbremsten und man ihretwegen „nicht aus der Spirale der Pandemie“ finde. „Die Leute versuchen sich deshalb, im Schatten zu halten.“

Bis zum Zeitpunkt, wo die Coronatests gratis waren, sei die Lage halbwegs erträglich gewesen, danach habe er kaum noch arbeiten können. Tiefpunkt sei ein Geschäftstermin in Nordrhein-Westfalen gewesen, wo er von einer Begleitperson freundlich im Auto abgeholt und zum Essen eingeladen worden sei. Als er im Auto gesagt habe, er sei ungeimpft, habe aber den Antigen-Schnelltest, sei die Stimmung gekippt. „Ich gehe in zwei Wochen in Rente, ich will mich von Ihnen nicht infizieren lassen“, habe der Begleiter gesagt. Und wenn seine Ehefrau und er, also Viktor, gemeinsam auf einer Intensivstation liegen würden, würde er ihm „das Beatmungsgerät aus dem Hals ziehen“ und seiner Frau geben. „Das war eigentlich ein gebildeter Mensch, der das gesagt hat“, so Viktor.

Jetzt gibt es Streit in der Familie

Auch er hat mehr Bedenken vor dem Vakzin als vor der Erkrankung. Der Mensch komme seit Millionen von Jahren mit der Natur klar und werde dies auch mit Corona tun. „Aber mit den Querdenkern möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden.“ Über den Staat ist Viktor erbost: Er gebe die Wahl vor, vom Felsen oder vom Hochhaus zu springen. Vor zwei Tagen hat Viktor seine Erstimpfung mit Biontech bekommen, aus „privaten Gründen“, die er nicht erläutern möchte. Die Nebenwirkungen seien heftig, sagt Viktor. Er habe Atemnot, Herzfrequenzstörungen und erhöhten Blutdruck.

Der 35-jährige Matthias Schneider (Name auch geändert) ist Bauleiter, er lebt in einer Kleinstadt und wiederholt wortgleich die Argumente von Marie Müller: Er habe mehr Respekt vor der Impfung als vor Corona. Dass es keinen Hinweis für schädliche Langzeitfolgen der Impfung gibt, ändert nichts an seiner Haltung. Schneider nimmt für seine Weigerung Einschnitte in Kauf. Mit seiner Freundin mal im Restaurant essen gehen, das gehe gar nicht mehr: „Zusammen mit dem PCR-Test 80 Euro für ein Essen, das ist happig.“ Sein privates Freizeitverhalten – Radausflüge mit Freunden und anschließendem Lokalbesuch – liege brach. Kürzlich musste Schneider für seinen Arbeitgeber nach Bayern und dort übernachten. „Das ging gar nicht, wegen der 2-G-Regel oder weil der PCR-Test kurzfristig nicht zu schaffen war.“ Sein Abteilungsleiter wisse über seinen Impfstatus Bescheid, die Sekretärin, die die Reisebuchungen macht, ebenso. Man habe die Dienstfahrt nach Bayern zur Ein-Tages-Reise hinbiegen können, den Rest mit Mails und Telefonaten erledigt.

Schlimmer sei die Diskussion im Familienkreis. Da habe er sich vorwerfen lassen müssen, dass er mit einem Besuch „das Leben der Großmutter aufs Spiel“ setze. Sein Bruder ließ ihn nicht ins Haus, um das Neugeborene nicht zu infizieren. Schneider versteht das nicht. Er werde häufiger getestet als Geimpfte, allein am Arbeitsplatz zweimal in der Woche. Und die Politik baue mit Worten wie „Pandemie der Ungeimpften“ zusätzlich Druck auf. Das sei schon fast Erpressung. Schneider schließt nicht aus, sich impfen zulassen. „Aber ich möchte es so lange wie möglich hinauszögern, und hoffe, dass fleißig an Nebenwirkungen geforscht wird.“

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