Stuttgart - Klotzen statt kleckern – dieses Prinzip hat die wegen ihrer anfangs zögerlichen Einkaufspolitik heftig kritisierte Europäische Union für die kommende Zeit berücksichtigt. Egal, was kommt, und egal, ob die Impfstoffe tatsächlich an die in rasantem Tempo auch in Europa zirkulierende Omikron-Variante angepasst werden müssen – es ist sind genug Dosen vorhanden, um die ganze EU mehrfach durchzuimpfen.
Doch bei genauerem Hinsehen gibt es durchaus problematische Aspekte. Dazu gehört die praktisch vollkommene Abhängigkeit von der Impfstoffstrategie von Biontech/Pfizer. Sicherlich, dieses Unternehmenspaar hat bisher perfekt geliefert, nicht nur was die Qualität des Impfstoffs angeht, sondern auch bei Produktionskapazitäten und Termintreue. Die mRNA-Technologie, die auch die Konkurrenten von Moderna und potenziell Curevac aus Tübingen verwenden, ist sehr anpassungsfähig und milliardenfach bewährt.
Und dennoch hat Omikron mit seiner Vielzahl von Mutationen die Experten nicht nur überrascht, sondern geradezu schockiert. Bisher ging man von einer Strategie aus, wonach es reicht, vielleicht einmal im Jahr eine Impfstoffversion zum Boostern zu entwickeln. Die schon ein halbes Jahr nach der dominierenden Delta-Variante praktisch aus dem Nichts aufgetauchte, radikal mutierte Variante droht diese Strategie über den Haufen zu werfen. Selbst radikal beschleunigte Entwicklungs- und Genehmigungsverfahren werden mit dem Tempo der Ausbreitung, das ein Vielfaches von Delta ist, nicht Schritt halten können.
EU muss stärker in Forschung investieren
Es reicht nicht, allein den Impfstoffherstellern die Strategie zu überlassen. Die EU muss noch schneller und noch stärker in die Forschung zu Impfstoffen einsteigen, die viel konsequenter als die bisherigen von vorneherein veränderte Versionen des Coronavirus ins Visier nehmen können. Die gute Nachricht: Auch der bisherige Impfstoff dürfte schon gegen schwere Erkrankungen mit der Omikron-Variante helfen. Doch die Hoffnung, mit schnell angepassten Impfstoffen der herkömmlichen mRNA-Technologie wie jetzt bei Delta auch Infektionen und Verbreitung stoppen zu können, dürfte bald zerstieben. Noch ist diese potenziell dramatische Entwicklung in der Öffentlichkeit und der Politik nicht angekommen.