Impfstoffe gegen Omikron EU hängt am Hoflieferanten Biontech
Es wird immer wahrscheinlicher, dass es für die Omikron-Variante des Coronavirus angepasste Impfstoffe braucht. Zumindest mengenmäßig hat Brüssel vorgesorgt.
Es wird immer wahrscheinlicher, dass es für die Omikron-Variante des Coronavirus angepasste Impfstoffe braucht. Zumindest mengenmäßig hat Brüssel vorgesorgt.
Stuttgart - Inzwischen hat es auch Biontech-Chef Ugur Sahin klar ausgesprochen: Angesichts der zahlreichen Mutationen der neuen Coronavariante Omikron würden schon bald angepasste Impfstoffe nötig sein, sagte er vor einigen Tagen. Doch jenseits der wissenschaftlichen Herausforderungen und der nötigen Genehmigungsverfahren sind auch Produktion und Logistik komplexe Themen. Und das beginnt schon mit der Frage: Hat sich die EU für das kommende Jahr mengenmäßig überhaupt genügend Vakzine reserviert?
Nachdem Brüssel für eher zaudernde und auf den Preis schielende Bestellungen im Jahr 2020 heftig gerügt wurde, hat man sich abgesichert. Zumindest gilt das für den Impfstoff von Biontech, das mit einem Großvertrag über 1,8 Milliarden Impfdosen in den Jahren 2022 und 2023 sozusagen zu einem europäischen Hoflieferanten geworden ist. Und in diesem Vertrag steht auch eine Klausel, dass der Impfstoff, falls nötig, an neue Varianten angepasst werden muss. Das würde rein rechnerisch reichen, die gesamte EU-Bevölkerung viermal mit Boostern durchzuimpfen. Hinter dieser großzügig bemessenen Menge steckt aber auch die Absicht, Impfdosen an ärmere Länder abgeben zu können.
Auf Platz zwei kommt erst mit weitem Abstand der US-Impfstoffhersteller Novavax, bei dem die EU inklusive Optionen bis 2023 insgesamt 200 Millionen Dosen bestellt hat. Hier wird eine traditionelle Technik verwendet – die unter Umständen Menschen überzeugen könnte, die der sogenannten mRNA-Technologie misstrauen – jene, die von Biontech und Moderna verwendet wird.
Auf dem dritten Platz folgt der US-Hersteller Moderna, der zurzeit in Deutschland insbesondere bei den Boosterimpfungen vorrangig zum Zug kommt – allerdings nur aufgrund der Abgabe von Millionen Biontech-Dosen an die UN-Initative Covax. Hier stehen aus dem bisherigen Vertrag weitere 150 Millionen Dosen für 2022 noch aus.
Die französische Firma Valneva soll inklusive Optionen insgesamt 60 Millionen Dosen bis 2023 liefern. Diese kleine Menge zeigt, dass es hier vor allem darum geht, die Tür zu anderen Impfstofftechnologien als mRNA offen zu halten und nicht um eine relevante Abdeckung des Bedarfs. Sowohl Novavax als auch Valneva müssen auch noch durch das derzeit laufende Genehmigungsverfahren der EU-Arzneimittelbehörde Ema. Wie schnell diese Impfstofftechnologien an die Omikron-Variante anzupassen sind, ist ungewiss. Die Impfstoffe der beiden Hersteller Biontech und Moderna sind indes in dieser Hinsicht relativ flexibel und werden sicherlich auch in Zukunft die zentrale Rolle spielen. Astrazeneca und Johnson & Johnson stehen für die EU zurzeit abseits.
Falls noch einmal, wie absehbar, eine massive Impfaktion der Gesamtbevölkerung notwendig sein sollte, dürfte aber Biontech nicht nur wegen des großen Vertragsvolumens, sondern auch wegen seiner großen, globalen Produktionskapazitäten absolut unverzichtbar sein. Der Chef des US-Partners Pfizer, Albert Bourla, hat bereits äußerst ehrgeizige Pläne für eine Produktionsumstellung vorgestellt. Binnen 100 Tagen will man bereit sein, entsprechende Genehmigungsverfahren vorausgesetzt, mit der Auslieferung zu beginnen. Die eigentliche Produktionsumstellung von der einen Impfstoffversion auf die andere sei in den Pfizer-Fabriken nur eine Sache von Tagen, sagte der Pfizer-Chef.
Auch der Tübinger Impfstoffhersteller Curevac, der Anfang des Jahres mit seiner ersten Version eines mRNA-Impfstoffs gescheitert ist, prüft eine Anpassung seines zurzeit mit dem britischen Pharmakonzern GSK entwickelten Impfstoffs der zweiten Generation. „Dieser Impfstoff zeigte im Tiermodell, dass er im Vergleich zu dem Kandidaten unserer ersten Generation einen verbesserten Schutz gegen alle bisher getesteten Varianten bieten kann“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Zurzeit prüfe man die Wirksamkeit bezüglich Omikron und bereite sich auf eine Anpassung vor. Doch für die hochinfektiöse Omikron-Variante könnte selbst ein solches für bisherige Maßstäbe atemberaubendes Anpassungstempo zu langsam sein. Es gibt Modellrechnungen aus Großbritannien, wo dieses teilweise gegen den Infektionsschutz der Impfungen resistente Virus schon im Januar oder Februar über Europa hinwegrollen könnte, bevor ein angepasster Impfstoff verfügbar ist.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass es künftig andere Impfstoffe braucht. Es scheint, als ob sich Coronavarianten in viel kürzeren Abständen entwickeln könnten als erwartet. Die Strategie, die bisherigen mRNA-Impfstoffe möglichst schnell auf die aktuelle Variante zuzuschneiden, könnte deshalb auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein. Eine Impfstoffanpassung im Jahr wäre logistisch zu stemmen – wenn das Virus im Halbjahresrhythmus mutiert, reicht das nicht.
Deshalb lotet beispielsweise Curevac nach Angaben des Unternehmens bereits seit einiger Zeit die Möglichkeit eines sogenannten multivalenten Impfstoffs aus, der in seinem Wirkmechanismus von vorneherein breiter aufgestellt ist. Moderna hat im Herbst erste Studienergebnisse zu einem sogenannten bivalenten Impfstoff vorgestellt, der auf zwei Varianten gleichzeitig angepasst ist. Biontech hingegen bleibt – zumindest was die öffentlichen Verlautbarungen angeht – bisher der Strategie treu, seinen Impfstoff möglichst schnell an die aktuell zirkulierende Variante anzupassen.
Kommen angepasste Impfstoffe noch rechtzeitig?
Wirksamkeit
Es ist nur noch eine Sache von Tagen, bevor erste Test zur Impfstoffwirksamkeit gegen die zuerst in Südafrika entdeckte, sogenannte Omikron-Variante des Coronavirus bekannt werden. Aber das genetische Profil stimmt nicht optimistisch: Omikron hat etwa drei- bis viermal so viele Mutationen an entscheidender Stelle wie die Delta-Variante.
Ausbreitung
Werden angepasste Impfstoffe, die vielleicht nach Ostern im kommenden Jahr zur Verfügung stehen, überhaupt rechtzeitig kommen? Die bisherigen Indizien stimmen nicht optimistisch. In Südafrika infiziert das Virus mehr Menschen in kürzerer Zeit als jemals in der Pandemie. Auch in Europa gibt es ein rasantes Wachstum. Das hier noch niedrige Niveau könnte sich abrupt ändern.