Impfzentrum in Bondorf Ehrenamtliche organisieren die Institution

Cornelia Biesenthal impft im Minuten-Takt. Foto: Eibner/Jürgen Biniasch

In zahlreichen Kommunen im Kreis gibt es mittlerweile Zentren, in denen Hausärzte impfen. Während bei den meisten die Gemeindeverwaltung federführend sind, leiten in Bondorf Ehrenamtliche die Institution.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Bondorf - Am Mittwochmittag kurz vor zwei Uhr ist noch nicht viel los vor der Zehntscheuer in Bondorf. Lediglich eine Frau mit langen, grauen Haaren, zusammengefasst in einem Pferdeschwanz, hievt geschäftig einen Koffer aus ihrem Auto heraus und öffnet die Tür zum Gebäude. Innen ist noch alles dunkel, Tische und Stühle sind schemenhaft zu erkennen. Die Hausärztin Cornelia Ikker-Spiecker stellt ihren Koffer ab, die Lichter gehen an, die Glastüren, die hinaus auf den Hof führen, werden geöffnet. Wie auf Knopfdruck kommt Leben in die Zehntscheuer, Menschen tröpfeln aus allen Ecken herein. Die Stille, die noch vor einigen Minuten geherrscht hat, weicht einem stetigen Summen. „Wie in einem Bienenstock“, sagt Cornelia Ikker-Spiecker mit einem Zwinkern. Dann verschwindet sie in dem stetigen Fluss von Menschen, die geschäftig ihrer Arbeit nachgehen.

 

Seit Anfang April impft das Team in Bondorf

Seit 7. April impfen die Hausärzte Cornelia Ikker-Spiecker und Ulrich Ikker nicht mehr in ihrer eigenen Praxis. Denn schnell war Cornelia Ikker-Spiecker klar, dass ihre Praxis nicht die Räumlichkeiten bot, um effektiv impfen zu können. Zunächst verlagerten sie das Impfen ins katholische Gemeindezentrum. Und fleißige Helfer ließen nicht lange auf sich warten. Aus der Facebook-Gruppe „Bondorf hält zusammen“ entwickelte sich ein Team aus Ehrenamtlichen, das mittlerweile das Impfzentrum organisiert. „Ein echtes Dreamteam“, schwärmt Cornelia Ikker-Spiecker. Als auch das Gemeindezentrum zu klein wurde, stellte die Kommune schließlich die Zehntscheuer zur Verfügung.

Die Koordination der insgesamt 30 Helfenden übernimmt Cornelia Biesenthal, eine gelernte Krankenschwester, die mittlerweile als Coach Menschen in schwierigen Lebenslagen zur Seite steht. Sie scheint die gute Seele der Gruppe zu sein: Bevor es losgeht, ruft sie alle Ehrenamtlichen zusammen, schwört sie auf die gemeinsame Aufgabe des Tages ein. Wer ins Impfzentrum nach Bondorf kommt, wird direkt am Eingang von Helferinnen begrüßt und mit Formularen ausgestattet. In der Zehntscheuer selbst übernehmen dann drei weitere Ehrenamtliche die Prüfung der Formulare und lesen die Krankenkassen-Karte ein.

Und dann geht’s auch schon ans Eingemachte: Vor den insgesamt vier Impfkabinen steht jeweils ein Stuhl. Vier medizinische Fachangestellte, darunter auch Cornelia Biesenthal, versorgen die Patienten dann mit dem lang ersehnten Piks. „Das aufgezogene Gold“, wie Cornelia Ikker-Spiecker die Spritzen mit dem Impfstoff nennt, bereitet die Hausärztin zusammen mit zwei weiteren Helferinnen auf. Dazu gehört viel Geschick: Aus einem Töpfchen Impfstoff können in der Regel sechs Impfungen gewonnen werden. Wer besonders viel Feingefühl hat, bekommt auch noch eine siebte Dose raus. „Dazu braucht es aber die richtige Kanüle und die richtige Spritze“, weiß die Hausärztin. „Wir kämpfen um jeden Tropfen“, sagt sie.

Das Impfzentrum erleichtert für die Medizinerin vieles: Denn der Biontech-Impfstoff muss innerhalb einer Stunde an sieben Personen verimpft werden. Eine logistische Herausforderung, die ein eingespieltes Team voraussetzt. „Etwas besseres konnte mir nicht passieren“, sagt die Hausärztin über die Gruppe von Ehrenamtlichen. „Das macht einfach Laune.“

Auch hier gibt es noch zu wenig Impfstoff

Die letzten Wochen impfte das Team zumeist an einem Tag in der Woche, in dieser Woche sind zum ersten Mal zwei Nachmittage fürs Impfen reserviert. Der Impfstoff sei der große limitierende Faktor, erklärt die Hausärztin. „Wenn ich mehr zur Verfügung hätte, könnten wir hier jeden Tag von 12 bis 20 Uhr impfen.“ Trotz Impfstoffknappheit legt das Impfzentrum ordentlich Tempo vor: Im Eineinhalb-Minuten-Takt werden die Spritzen gesetzt. Das Ziel an diesem Nachmittag sind 90 Menschen in zwei Stunden.

Auch anderen Hausärzten in der Umgebung hat sie angeboten, beim Impfzentrum mitzumachen. Doch diese hätten gezögert, sagt sie. Die meisten würden in ihrer Praxis impfen. „Da haben sie aber bei weitem nicht den Durchlauf, wie wir hier“, sagt sie. Wenn am Montag die Impfpriorisierung fällt, beginnt die Hausärztin zunächst ihre Warteliste abzuarbeiten, auf der mittlerweile an die 740 Impfwillige stehen.

Bereits nach wenigen Minuten ist das Impfzentrum gefüllt. Diejenigen, die ihren Piks bekommen haben, sitzen bereits in einem Kreis ihre 30 Minuten ab und werden von einem weiteren Ehrenamtlichen mit Adleraugen beobachtet. „Das ist unser medizinischer Bademeister“, scherzt Cornelia Ikker-Spiecker und nickt in die Richtung von Peter Sohns, einem Holzgerlinger Rettungssanitäter, der seit Anfang der Aktion dabei ist und nach möglichen Impfreaktionen Ausschau hält. Doch er gibt Entwarnung: Bis jetzt sei nichts vorgefallen. Einmal in der Woche fährt er eine halbe Stunde bis an den südlichen Rand des Landkreises, um auszuhelfen. „Jeder hat hier im Team seinen Platz gefunden“, erzählt er begeistert. Und auch die geduldig Wartenden scheinen beeindruckt von der Arbeit im Impfzentrum. Thomas Altrieth aus Öschelbronn hat nun bereits seine zweite Impfung erhalten. „Es ist alles super gelaufen“, sagt er.

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