Rötungen an Kopf und Nacken, Juckreiz, Verkrustungen und bei manchen sogar Haarausfall – die Liste der Symptome, mit denen viele Menschen aus dem Raum Böblingen-Sindelfingen in den vergangenen Wochen eine Hautarztpraxis oder eine dermatologische Ambulanz aufsuchten, sind alles andere als schön. Der Grund für die Arztbesuche war wohl immer derselbe: Trichophyton tonsurans – ein Fadenpilz, der vor allem die Kopfhaut und den Nacken, aber auch andere Teile des Körpers befallen kann und vor allem durch verunreinigte Gegenstände wie – im Friseurkontext Rasierer, Scheren oder Kämmen – oder unhygienischen Flächen verbreitet wird.
In ganz Deutschland war der „Haarpilz“ jüngst ein Thema. Auch in der Region Stuttgart traten vermehrt Fälle auf. Viele der meist jungen Patienten waren, bevor sie die geröteten, stark juckende Stellen am Kopf bemerkten, bei einem Barbershop zum Haare oder Bart schneiden, wie Martin Schaller, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Hautklinik im Uniklinikum Tübingen, gegenüber dem SWR bestätigte. Schaller sprach diesbezüglich von einer Quote von 80 Prozent.
In den vergangenen Jahren führte der Hautarzt Buch, was die geografische Verteilung von Tonsurans-Patienten angeht. Darauf wird deutlich: Der Raum Böblingen/Sindelfingen war und ist in den Jahren 2023 und 2024 jeweils Hotspot. Von hier kamen in den beiden Jahren insgesamt 15 Patienten. Aus Gärtringen, Herrenberg, Nufringen, Renningen, Hildrizhausen und Holzgerlingen suchten weitere zehn die Ambulanz in der Unistadt auf. Zum Vergleich: Städte wie Reutlingen, Stuttgart oder Tübingen waren jährlich jeweils nur mit einem Patienten vertreten.
Auch Stuttgart nimmt mehr Fälle wahr
Wer einen Arzt aufsuchte, aber nicht in Tübingen oder bei einem niedergelassenen Dermatologen vorstellig wurde, landete oft auch in der hautärztlichen Ambulanz des Klinikum Stuttgart. Bei vielen war der Befund schnell klar: „Wir können den Trend bestätigen. In der Hautklinik des Klinikums behandeln wir zuletzt deutlich mehr Patienten mit Pilzinfektionen im Bart- und Haarbereich, die zuvor in einem Barbershop waren“, heißt es seitens des Klinikum Stuttgart. Der Ärztliche Direktor der Hautklinik, Peter von den Driesch, sagt: „Wir können etwa ein Drittel mehr Fälle im Jahresvergleich feststellen.“ Ein direkter Bezug zu den vor allem im Urbanen stark vertretenden Friseurdiensten sei zwar schwer herzustellen, ein Muster ließ sich aber dennoch erkennen.
Dramatisch ist eine Tonsurans-Erkrankung aus gesundheitlicher Sicht zwar nicht, sie kann aber sehr unangenehm werden. Unter Umständen kann sie auch bleibende Schäden hinterlassen. „Der Haarverlust bei einer Infektion an der einen Stelle kann irreversibel sein“, erklärt von den Driesch. Vernarbungen am Kopf, an denen die Haare nicht mehr nachwachsen, seien dann nicht unüblich. Grundsätzlich könne man den Pilz aber dadurch in den Griff bekommen, indem man schnell hautärztliche Hilfe sucht und für rund zwei Monate Lösungen und Shampoos verwendet und ein Antimykotikum, ein pilzabtötendes Medikament, einnimmt. Ein zeitnaher Facharztbesuch sei auch deshalb angeraten, weil sich der Pilz rasch von Mensch zu Mensch überträgt – erst Recht, wenn weniger auf Hygiene geachtet werde.
Ein Böblinger Shop sieht sich nicht betroffen
Diesem Vorwurf sehen sich denn auch einige Barbershops in der Region ausgesetzt. Welche Läden genau für die Häufung der Infektionen verantwortlich sind, lässt sich nicht sagen. Im 2006 eröffneten Barbershop „Final Cut“ in der Sindelfinger Straße in Böblingen jedenfalls, habe es noch keine Fälle gegeben. Halit, selbst Barber, erklärt: „Ich habe von dem Pilz gehört, bei uns ist das aber kein Problem.“ Auch in der Final Cut-Filiale in der Unteren Vorstadt in Sindelfingen sei Tonsurans bislang nicht aufgetaucht. Halit, der nicht mit Nachnamen genannt werden möchte, vermutet, dass dies daran liege, dass er und die Mitarbeiter besonders auf Hygiene bedacht seien: „Das Reinigen der Scheren oder Rasierer ist Alltag“. Immer morgens, mindestens, so der Barber, würden alle Utensilien gründlich desinfiziert.
Kontrollen der Handwerkskammer oder gar des Gesundheitsamts könnten den Druck auf jene Läden erhöhen, die es mit der Desinfektion von zum Beispiel Scheren, Rasierern oder Kämmen nicht so ernst nehmen. Auf Anfrage erklärt Thomas Wagner, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Böblingen: „Es ist bekannt, dass in Barbershops und Friseuren regelmäßig auf Verstöße wegen Schwarzarbeit beziehungsweise unerlaubte Handwerksausübung kontrolliert wird. Aufgrund der Verbreitung von Pilzen hat die Handwerkskammer die Anzahl der Kontrollen nicht erhöht.“
Gesundheitsamt statt Handwerkskammer
Dies hänge vor allem damit zusammen, dass die Handwerkskammer nicht befugt seien, auf Hygiene zu kontrollieren. Vielmehr sei dies Aufgabe des Gesundheitsamts. Von dort habe er allerdings erfahren, dass die Kontrolldichte erhöht werden werden soll. So könnten, meint Wagner, zumindest einige der „schwarzen Schafe“ identifiziert werden.
Der „Haarpilz“ Trichophyton tonsurans
Pilzart
Der Pilz Trichophyton tonsurans gehört zu den sogenannten Dermatophyten. Das sind Fadenpilze, die sich von Keratin ernähren.
Symptome
Gerötete Stellen, Bläschen und Verkrustungen. Auch Haarausfall kann die Folge sein.
Gefahr
Wird der Hautpilz nicht behandelt, kann die offene Stelle auch mit Bakterien kontaminiert werden.
Behandlung
Pilztötende Lösungen, Cremes und Shampoos aus der Apotheke sind notwendig, außerdem Anti-Pilz-Tabletten. Die Behandlung dauert mehrere Wochen. Eine Woche nach Behandlungsbeginn gelten die meisten Patienten als nicht mehr ansteckend. Erst bei einem negativen Nachweis endet die Behandlung.
Ansteckung
Trichophyton tonsurans kann über kontaminierte Stellen in die Haut eindringen, zum Beispiel durch Mikroverletzungen, wie sie beim Rasieren entstehen können.