In den Stuttgarter Wagenhallen Gute Stimmung auf dem Flohmarkt zu später Stunde
Der Nachtflohmarkt in den Wagenhallen kann wohl getrost als Kult bezeichnet werden. Schon vor der Eröffnung war der Andrang enorm.
Der Nachtflohmarkt in den Wagenhallen kann wohl getrost als Kult bezeichnet werden. Schon vor der Eröffnung war der Andrang enorm.
Das Gebäude ist noch geschlossen. Dennoch stehen sie schon bis zur Heilbronner Straße Schlange: Jugendliche, Mittzwanziger und –Dreißiger, Großeltern mit Enkelkindern warten fröhlich darauf, dass der Nachtflohmarkt in den Wagenhallen startet. Punkt 18 Uhr geht es dann schnell, zwei Euro auf den Tresen des Kassenhäuschens, Stempel auf Hand oder Arm – hinein in das Vergnügen. Das beginnt, kaum hat sich die Glastür zum Foyer geschlossen. „Sway“ schwingt durch die Halle, danach Michael Jackson und andere Beats; DJ Turnbeutelvergesser, vor über elf Jahren Ideengeber für den Flohmarkt zwischen 18 bis 23.30 Uhr, legt eine coole Mucke auf, die manche zum Hüftwackeln und Moonwalk zwischen den 100 Ständen anregt.
Auch ein Neuaussteller aus Stuttgart, der Vasen, farbenfrohe Weingläsern, goldgerandete Schüsseln, einen Designerteller mit JFK-Porträt und mehr feilbietet, freut sich. „Wir verkleinern uns“, sagt er und: „Gute Stimmung hier!“ Susan Fischer aus Leinfelden-Echterdingen, die Klamotten und mehr ihrer Söhne im Sortiment hat, stimmt zu: „Die Uhrzeit ist viel besser wie bei anderen Flohmärkten.“ Anja aus Ludwigsburg kennt den Ansturm, sie ist zum elften Mal dabei. „Klasse Atmosphäre, die Stuttgarter handeln nicht runter, der Umsatz ist gut“, sagt sie. Ihr Stand ist wie eine Wunderkammer: Ein Klappzylinder ist genauso zu entdecken wie Puppenteile, Kissen, geschmiedeter Zierrat, Sammeltassen und Bilder. „Manches ist von Haushaltsauflösungen, manches von der Familie und Bekannten“, sagt sie.
Karin Hein hat eine Sammlung an Püppchen, Mobiliar, Bettchen, Töpfchen und Väschen in Miniaturformat, die jedem Setzkastenfan Freudentränen entlocken dürfte, zu bieten. Instrumente von Verwandten gehören auch zum Angebot. „Die Leute hier haben gute Laune, schätzen das Besondere, Wertige“, sagt sie. Da ist manches zu finden, wenn man sich Zeit zum Schauen nimmt: kunstvoll geschnitzte Schachspiele und ziselierte Kerzenständer aus Messing, eine Jugendstiluhr, auf Schichtholz aufgezogene Fotos mit Motiven der Clubszene. Jonatan Karasanti hat Khussas, also Schnabelschuhe, in Glitzer dabei – aus Dubai. „Sind mir zu klein“, sagt er und lobt das „Generationen übergreifende Publikum“ des Flohmarkts.
Kleidung macht das Gros der Angebote aus, aus allen Jahrzehnten und auch von Marken wie Hugo Boss, Tommy Hilfinger, Dolce & Gabbana, Joop, Maje oder Sandro. Das eine oder andere gute Stück wird vor dem Spiegel an den Körper gehalten. „Zu erschwinglichen Preisen“, nickt eine Studentin, 1920er-Look tragend. „Es gibt nichts Nachhaltigeres als einen Flohmarkt! Man erhascht immer was“, betont sie. Dilara Hackenberg, häufige Besucherin des Nachtflohmarkts, hält Mark Mansons „The Subtle Art of Not Giving a F*ck“. A counterintuitive approach to living a good life“. Die angehende Psychologiestudentin lacht: „Das passt. Hierher kommen Leute mit besonderem Style, die Vintage suchen. Das macht Spaß.“