In der Galerie Schlichtenmaier Die stille Magie der Erdmut Bramke
Hochgeschätzt von Künstlerinnen und Künstlern und doch immer einen Schritt neben dem Rampenlicht: 21 Jahre nach ihrem Tod ist die Malerin Erdmut Bramke neu zu entdecken.
Hochgeschätzt von Künstlerinnen und Künstlern und doch immer einen Schritt neben dem Rampenlicht: 21 Jahre nach ihrem Tod ist die Malerin Erdmut Bramke neu zu entdecken.
Ein Blau wie je nur eines. Es tritt hervor, zieht sich zurück, kommt uns entgegen und lockt doch in einen Tiefenraum, in dem doch nur eines wartet: Farbe. Erdmut Bramkes „Saturnin 14“ von 1993 dominiert die Ausstellung „Erdmut Bramke – Am Pulsschlag der Farbe“ in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 11) kaum von ungefähr. Es ist ein Programmbild der 2002 in Stuttgart gestorbenen Malerin, ein Schlüssel zu jener ganz eigenen Faszination, die Bramkes Schaffen früh auf andere Künstlerinnen und Künstler ausübte – ein Schlüssel auch zu jener „Transparenz des Anderen, Unaussprechlich-Poetischen“, mit der die Münchner Galeristin Gudrun Spielvogel das Werk von Erdmut Bramke in Verbindung bringt.
Dabei scheint es im Rückblick durchaus interessant und vielleicht noch zu wenig beachtet, dass die 1940 in Kiel geborene Bramke an der Stuttgarter Kunstakademie auf zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten trifft. Hier Heinz Trökes, scheinbar jeden Millimeter bildnerisch befragend und zudem Farbe bis hin zur schwarzen Tusche stets als Materie identifizierend. Dort K.R.H. Sonderborg, vom Jazz getrieben, immer von Neuem auf der Suche nach dem einen gültigen bildnerischen Moment. Präzision bis zur Manie und überbordender Anspruch auf ein „Jetzt!“ – das sind die Pole, zwischen denen Erdmut Bramke in den späten 1960er Jahren in den Aufbruch der Farbformen gerät.
Bramke gibt mit ihren „Randbildern“ den Raum zunächst frei – und konstruiert diesen in der Folge für sich neu. Gitterstrukturen bilden ein Gerüst, das doch nur existiert, um durch Farbe umgarnt, umspielt und doch auch beherrscht zu werden. Welche Virtuosität Bramke hier erreicht, notiert Johannes Meinhardt 1990 für das Fachmagazin „Kunstforum“: „Im Spiel der Schichtungen“, so Meinhardt, „werden die einzelnen Schichten, aus relativ homogenen Strichen, durch Überlagerungen mit weiteren transparenten Schichten zerrissen und optisch vieldeutig; die Überlagerung erzeugt teilweise scharfkantige, trockene ,Inseln’, stark farbige Reste der früheren, tieferen Schichten, teilweise wolkige Auflösungen und ,Auswaschungen’ der artikulierten Kanten und Flächen.“
Genau hier setzt die Ausstellung „Am Pulsschlag der Farbe“ in der Galerie Schlichtenmaier an. Es ist, als ob ein Satz aus Paul Uwe Dreyers Trauerrede bildnerisch erfahrbar würde: „In den Arbeiten“, sagte der Maler, wiederholt Rektor der Stuttgarter Akademie, „wird nicht mimetisch Realität gesucht, sondern werden uns visuelle Wunder als Ergänzung unserer Welterfahrung geschenkt.“ Zu jenen, die diese Position teilten, zählte früh Ulrike Gauss. Die langjährige Leiterin der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart förderte Erdmut Bramke auf eigene Weise, und ganz zweifellos ist es auch und gerade der 2021 gestorbenen Ulrike Gauss zu danken, dass Erdmut Bramke mit einem ungewöhnlichen Schritt ihr Werk über ihren Tod hinaus als Ganzes sichern konnte. Der Nachlass ging an die Freunde der Staatsgalerie, die nun mit der Öffnung des Bramke-Schatzes wesentlich eine Neuentdeckung der Malerin möglich machen.
Der Bogen spannt sich von den „Netz“-Bildern, die eine ewige Verstrickung in sich selbst andeuten, über die neue Offenheit in den späten 1980er Jahren und eine wunderbare kleine Collage von 1990 mit einem übermalten Zeitungsausschnitt bis hin zu Demonstrationen eingeübter Farbsouveränität bis hin zu einem letzten, unerfüllten Antritt: den Tauchbildern. Der (gewollte) Zufall spielt eine Hauptrolle, und doch führt eine Hand Regie, die auf einer immer stärkeren Tiefe in der Farbwirkung besteht.
Mit gutem Grund setzt die Ausstellung Konter – wie das flirrende „Parisblatt“ von 1986 oder auch die durch die Szenerie „Marrakesch“ angeführte Hochformat-Trilogie von 1997. Zuletzt, am 20. März 2002, legt sich Schwarz über den Farbraum eines Tauchbildes – und wird doch durch hoffnungsvolles Grün gebrochen.
„Erdmut Bramke – Am Pulsschlag der Farbe“ (Dienstag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 17 Uhr) ist eine verdienstvolle Ausstellung. Da passt ein Abend der Salon-Reihe bei Schlichtenmaier bestens, und so ist an diesem Freitag, 24. November (19 Uhr), die Kunsthistorikerin Susanne Grötz zu Gast. Die Erstellerin des Werkverzeichnisses zu Erdmut Bramke stellt den neuen dritten Band vor – er gilt den vielfältigen Kunst am Bau-Beiträgen Erdmut Bramkes.