In Holzgerlingen Tausende Astrazeneca-Dosen drohen zu verfallen

Etliche bereits ausgelieferte Impfdosen werden in Deutschland wohl verfallen. Die derzeitigen Bestimmungen in den Lieferverträgen verhindern, dass der Impfstoff ans Ausland gespendet werden kann. Foto: imago images/Martin Wagner

Der Apotheker Björn Schittenhelm schlägt Alarm: Ungenutzte Astrazeneca-Dosen vom Holzgerlinger Impfmarathon laufen Gefahr, zu verfallen. Der Plan, den Impfstoff ins Ausland zu spenden, lässt sich bis jetzt nicht umsetzen, weil es die Regelungen in den Lieferverträgen nicht erlauben.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Holzgerlingen - In Arztpraxen in Deutschland drohen Corona-Impfstoffe massenhaft zu verfallen. Laut einem Bericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland lagern momentan rund 1,1 Millionen Dosen Astrazeneca und 400 000 Dosen von Johnson&Johnson in deutschen Praxen. Aus dem Bericht geht hervor, dass vor allem diese beiden Vektorimpfstoffe in Deutschland kaum noch unter die Leute zu bringen seien.

 

Grund dafür seien hauptsächlich Zweifel am Wirkstoff. Gleichzeitig warten viele Menschen in ärmeren Länder auf das Vakzin, das in Deutschland Gefahr läuft, im Müll zu landen.

Auch in Holzgerlingen lagern rund 4000 ungebrauchte Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs, der beim zweiten Holzgerlinger Impfmarathon nicht zum Zuge kam. Der Impfstoff konnte damals nicht benutzt werden, weil die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlung kurz vorher auf Biontech umgeändert hatte. Mehrere hundert Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs sind bereits verfallen – dem Rest droht das gleiche Schicksal. „Das ist ein Drama“, sagt der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm. Eigentlich hatte der Apotheker vor, die Holzgerlinger Impfdosen an andere Länder zu spenden. Kontakte zu den jeweiligen Staaten und Organisationen bestehen bereits. Doch die derzeitigen Lieferverträge verbieten, die Impfstoffe einfach weiterzugeben. „Da müsste die Bundesregierung aktiv werden und neue Regelungen mit den Impfstoff-Unternehmen vereinbaren“, erklärt Björn Schittenhelm. Wenn dies nicht passieren sollte, dann hat der Apotheker keine Hoffnung mehr für den restlichen Impfstoff: „Astrazeneca ist Sauerbier“, sagt er über den Ladenhüter.

Überschüssige Johnson&Johnson Dosen konnte das KIZ verwenden

Erfreulicher sieht es für die rund 700 Dosen Johnson&Johnson aus, die bei der Aktion in Holzgerlingen nicht verwendet wurden. Den Überschuss konnte der Apotheker im Impfzentrum in Sindelfingen unterbringen. Astrazeneca allerdings wird auch dort nicht mehr verimpft.

Der Vorsitzende des Zentralinstituts, Dominik von Stillfried, fordert in dem im August veröffentlichten Bericht, dass die Bundesregierung die Dosen in den Praxen einfach zurücknimmt. Das Problem sei dabei, dass es sich um Kleinstmengen handele, erklärt Björn Schittenhelm. Die Rücknahme wäre mit einem immensen logistischen Aufwand verbunden, vor dem sich die Bundesregierung wohl scheue. Was seiner Meinung nach nun nötig wäre, seien kreative Einzellösungen, sodass größere Impfstoffmengen, wie sie bei dem Apotheker lagern, unkompliziert weltweit verteilt werden könnten.

1,7 Millionen Dosen Biontech lagern in deutschen Praxen

Nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sind momentan außerdem rund 1,7 Millionen Dosen von Biontech in deutschen Praxen eingelagert. Hier bestehe allerdings die Hoffnung, dass diese noch Verwendung finden würden.

Der Böblinger HNO-Arzt Ursmar Kleiner hat bereits seit Monaten kein Astrazeneca mehr auf Lager. Allerdings hat er 70 Stück Biontech-Dosen für die nächsten drei Wochen in seiner Praxis. Doch das Sommerloch macht sich auch bei den Impfterminen bemerkbar: „Man muss zur Zeit konservativ planen“, sagt er über die Impfstoffbestellungen. Er vermutet aber, dass nach Ende der Urlaubszeit und mit der Freigabe des Impfstoffes für Jugendliche ab zwölf Jahren die Nachfrage wieder anzieht.

Auch die Tatsache, dass die kostenlosen Tests auf das Coronavirus auslaufen, könnte nach der Einschätzung des Mediziners zu einer erhöhten Impfwilligkeit führen. Bei ihm sind schon einige Biontech-Dosen abgelaufen, erzählt Ursmar Kleiner. Der große Impf-Boom sei vorbei, sagt er. Deshalb sei es schwer, den Impfstoff zeitnah unter die Leute zu bringen, wenn beispielsweise eine Person nicht zum Termin erscheint.

Björn Schittenhelm jedenfalls hofft, dass die Regierung sich noch einmal Gedanken darüber macht, wie die eingelagerten Dosen weiterverwendet werden könnten. Auf seiner Tour durch den Südwesten hätten auch Kollegen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht nur um kleine Mengen in den Praxen geht, sondern wie im Fall von Holzgerlingen um weitaus mehr. Ob tatsächlich eine Lösung gefunden wird, bleibt abzuwarten.

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30 Millionen Dosen für ärmere Länder

Impfstoff spenden
Im Mai hatte Angela Merkel beim Global Health Summit in Rom angekündigt, bis Ende des Jahres 30 Millionen Impfdosen an ärmere Länder abzugeben. Dies läuft hauptsächlich über die Impfstoffinitiative Covax ab. Alle neuen Lieferungen von Astrazeneca gehen nun an ärmere Länder mit hohem Bedarf. Für das Vakzin, das bereits in deutschen Praxen lagert, aber keine Abnehmer mehr findet, sieht es allerdings schlecht aus: Bis jetzt gibt es weder rechtlich noch organisatorisch eine Möglichkeit, die Dosen zu spenden.

Erste Tranche ausgeliefert
Am 10. August vermeldete die Bundesregierung, dass die erste Tranche von Astrazeneca und Johnson&Johnson ausgeliefert wurde. 213.600 gingen an Afghanistan, 271.200 an Äthiopien, 357.600 an den Sudan, 100.800 an Tadschikistan und 355.200 an Usbekistan.

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