In Mannheim ist man zufrieden Nachtbürgermeister kommt gut an

Hendrik Meier gibt sein Amt als Nachtbürgermeister ab. Foto: Capadol/Lih Tsan

Ansprechpartner sein für die Betreiber von Bars, Clubs, Kneipen sowie deren zuweilen lärmgeplagte Nachbarschaft – das ist die Aufgabe eines Nachtbürgermeisters. Hendrik Meier hat den Job in Mannheim vor zwei Jahren übernommen – eine Erfolgsgeschichte.

Mannheim - Ein Honorar von 1000 Euro netto, 50 Arbeitsstunden monatlich und ein Co-Working-Arbeitsplatz samt Büromaterial, Diensthandy und Rechner: Das veranschlagte man im Mannheimer Rathaus, als die Stadt vor knapp zwei Jahren als erste bundesweit eine Stelle für einen Nachtbürgermeister ausschrieb. Der neue Mann – von einer Frau war seinerzeit in der Anzeige nicht die Rede – sollte Ansprechpartner, Interessenvertreter und Koordinator für alle sein, die abends Leben in die Innenstadt bringen: die Betreiber von Bars, Clubs und Kneipen sowie deren Gäste – aber auch die zuweilen unter dem nächtlichen Trubel leidende Nachbarschaft.

 

Das Interesse an dem neuen Job war groß; bekommen hat ihn am Ende Hendrik Meier. Im Sommer 2018 hat der 28-jährige Nürnberger, der die Mannheimer Pop-Akademie besucht und mit einem Masterabschluss in Musik- und Kreativwirtschaft verlassen hat, die Arbeit aufgenommen. Wer Zweifel hatte am Sinn seines Postens, wurde rasch eines Besseren belehrt. Inzwischen interessieren sich etliche große Städte in ganz Deutschland für das Projekt. In Stuttgart und Heidelberg haben sich die Gemeinderäte für Einführung eines Nachtbürgermeisters ausgesprochen. Der erste Mannheimer Nachtbürgermeister hat mittlerweile eine Vollzeitstelle als Projektmanager. Er wird aber noch bis zum Jahresende bleiben, um seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger einzuarbeiten.

Bald wurde auf 70 Stunden aufgestockt

„Es war anfangs schon ein bisschen ein Experiment – aber eines, das sich sehr positiv entwickelt hat“, sagt Matthias Rauch, der Leiter der Kulturellen Stadtentwicklung bei der Gesellschaft der Gründerzentren, bei der der Nachtbürgermeister angesiedelt ist. „Wir haben schnell gemerkt, dass 50 Stunden für die Arbeit nicht reichen und haben das Budget auf 70 Stunden aufgestockt. Gerade in der Corona-Krise zeigt sich, wie wichtig die Arbeit ist“, sagt Rauch „Ich glaube, alle Gastronomie- und Clubbetreiber sind sehr froh, dass es eine solche Stelle gibt.“

Auch der Gemeinderat und der Oberbürgermeister sind zufrieden mit der Arbeit des Nachtbürgermeisters. „Er hat die Clubszene und die Bewohner besser zusammengebracht und zu mehr Verständnis für den Wert der Nachtkultur in den Gremien beigetragen“, sagt Matthias Sandel, der Geschäftsführer der Mannheimer CDU-Ratsfraktion. „Es hat sich gezeigt, dass eine Position zwischen Betreibenden, Gästen, Anwohnern und Stadtverwaltung die Kommunikation und Einbindung aller Beteiligten deutlich verbessern kann“, erklärt auch der Mannheimer OB Peter Kurz (SPD). Der Nachtbürgermeister könne „auf andere Weise auf die Beteiligten zugehen als die klassische Ordnungsverwaltung“ und dabei Lösungsmöglichkeiten erarbeiten oder Konflikte „schon im Vorfeld verhindern“. Zugleich könne er Impulse zur Weiterentwicklung der Nachtökonomie setzen.

Lärm ist das häufigste Thema

In dem turbulenten Szene- und Ausgehviertel Jungbusch ist die Zahl der Beschwerden seit Meiers Amtsantritt um 25 Prozent zurückgegangen. Das, sagt der OB, „führen wir auch auf die Arbeit des Night-Mayors zurück“. Der Rat hat auf dessen Initiative hin schon vor Längerem einen Live-Kultur-Fonds zur Unterstützung lokaler Clubs eingerichtet. Gleich am Beginn seiner Tätigkeit hat Meier Kneipen- und Barbetreiber davon überzeugt, dass es Wasser aus dem Hahn in Gaststätten kostenlos geben sollte. „Es muss nicht immer ein Mineralwasser für 3,50 Euro sein“, findet er. Das ist allenthalben gut angekommen. Zudem gibt es auf seine Initiative hin inzwischen in Mannheim an etlichen kritischen Stellen Kisten zum Einstellen leerer Flaschen, um Glasscherben auf Gehwegen zu vermeiden.

Auch 120 erfolgreiche Mediationsgespräche hat Meier in seiner Bilanz vermerkt. „Prinzipiell ging es meist um Lärm“, sagt er. Im direkten Kontakt habe sich aber auch gezeigt, dass oft weniger die Lautstärke das Problem gewesen sei, „sondern persönliche Befindlichkeiten oder Vorurteile“. Da seien Gespräche hilfreich – wenn auch nicht immer die Lösung. „Wo es um echte Lärmbelästigung geht, ist das im Endeffekt Sache der Polizei, des Ordnungsamts oder des Baurechts“, erklärt Meier. „Ein Nachtbürgermeister muss etwas anderes sein als nur ein Lärmbürgermeister.“

Gezeigt hat sich das seit der Corona-bedingten Schließung der Gastronomiebetriebe. Gleich zu Beginn ist er da zur zentralen Anlaufstelle geworden für Fragen zu neuen Anordnungen, Soforthilfen oder Kurzarbeitergeld. 500 Leute haben sich in eine Telefonkonferenz eingewählt, die Meier Mitte März organisiert hat und an der der OB und Vertreter aller zuständigen Behörden teilnahmen. Regelmäßig versorgt er die Gastroszene mit einem Newsletter und Informationen für die Branche von Bund, Land und Stadt, er unterstützt Kulturschaffende, die sich mit Streaming-Angeboten ein neues Standbein schaffen wollen. „All das habe ich zu meinem Thema gemacht, seitdem bin ich zu mehr als 100 Prozent beschäftigt“, sagt der Mannheimer Nachtbürgermeister.

Eine Idee aus Amsterdam

Aufgaben
Mit dem Einsatz des Nachtbürgermeisters verfolgt Mannheim mehrere Ziele: Er soll die Zusammenarbeit aller Beteiligten des Nachtlebens – von Gastronomen und Gästen bis zu Ordnungsbehörden und Verkehrsbetrieben – verbessern und deren Vernetzung vorantreiben. Mögliche Konflikte soll er frühzeitig erkennen und bei Lösungen helfen sowie neue Impulse für die Nachtkultur setzen.

Vorbild
Die Idee, mit einem solchen Posten eine Schnittstelle zwischen Akteuren des Nachtlebens und den Behörden zu schaffen, kommt aus Amsterdam, wo vor acht Jahren der erste Night-Mayor eingeführt wurde. Mehrere Großstädte weltweit sind dem Beispiel seither gefolgt. Auch Stuttgart und Heidelberg wollen eine Stelle schaffen. Die Verfahren liegen derzeit wegen Corona auf Eis.

Ausblick
In Mannheim wird ein Nachfolger für den Amtsinhaber gesucht. „Die Nachtökonomie ist ein wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor für eine dynamische, lebendige Stadt“, erklärt OB Kurz. „Die Funktion der Night-Mayors ist hier zentral.“

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