In Pavarottis Privathaus Die ganz große Oper

Pavarottis Witwe Nicoletta Mantovani hütet den Nachlass ihres ersten Mannes Foto: Susanne Hamann

Ein Traum aus Samt, Gold und Mahagoni: Gleich bei Modena lädt die Casa Museo Luciano Pavarotti in die Welt des großen Startenors ein

Leben: Susanne Hamann (sur)

Der Auftritt in Wien, so steht es im Kalender zu lesen, war „ok“. Das Konzert in Hannover sogar „okissimo“. Luciano Pavarotti pflegte sich selbst Bewertungen zu geben und notierte diese in einer Agenda. Das Heftlein liegt noch aufgeschlagen auf dem Tisch, daneben sein Handy, eine Spezialanfertigung von Nokia, Modell 2110 im Frack-Design. Dazu die Lesebrille, ein Brieföffner, ein Panamahut. Es wirkt, als könnte der Maestro gleich zur Tür hereinkommen.

 

Obwohl alle wissen, dass der Ausnahmetenor nicht mehr da ist. Er starb am 6. September 2007, hier in seinem Landhaus, an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs.

„Wir haben alles genau so gelassen, wie es zum Zeitpunkt seines Todes war“, sagt Nicoletta Mantovani, 56, beim Rundgang in der Gegenwart. Die Witwe trägt einen eleganten schwarzen Hosenanzug, die blonden Haare sind glatt geföhnt. Ihre Augen blicken gut gelaunt durch die Hornbrille. Mantovani hat aus dem Domizil im Grünen inzwischen ein Museum gemacht. „Es ist wie eine Zeitkapsel oder das Schloss von Dornröschen“, sagt sie, die 2003 Pavarottis zweite Ehefrau wurde. „Ich spüre überall seine Energie.“

Der Maestro war sehr abergläubisch

Wohl jeder kennt noch immer die gewaltige Stimme, eine der kraftvollsten des 20. Jahrhunderts. Problemlos in der Lage, selbst das hohe C exakt zu treffen. In Pavarottis Haus kann man dagegen auch viel über den Menschen Luciano erfahren. Dass er gern Karten zockte, vor allem die in Italien populären Spiele Briscola und Burraco. Dass er Handschriften und Autogramme sammelte. An der Wand im Salon hängt zum Beispiel ein Notenblatt aus der Hand von Giuseppe Verdi: das Liebesduett „Elixier“ aus der Oper „Luisa Miller“. Sein Heiligtum und Glücksbringer aber sei eine Notiz des großen Enrico Caruso gewesen. „Da steht: Wünsche für großen Erfolg“, übersetzt Nicoletta Mantovani die auf Italienisch geschriebenen Zeilen auf dem postkartengroßen Zettel. Ihr Mann habe den kleinen Rahmen auf jeder seiner Reisen, jeder Tournee mitgeschleppt.

Pavarottis Kalender ist im Museum ausgestellt Foto: Hamann

Überhaupt war Luciano Pavarotti sehr abergläubisch. Davon erzählen die krummen Nägel, die auf einem anderen Tisch im Wohnzimmer herumliegen. Pavarotti fand einst vor einem Auftritt ein verbogenes Stück Eisen auf der Bühne. Weil er diesen Abend besonders gelungen fand (wahrscheinlich „molto okissimo“) glaubte er fortan, nur dann gut singen zu können, wenn er einen vorher gefundenen Nagel in der Kostümtasche spürte. „Sein Team hat dann extra welche für ihn ausgelegt“, erzählt seine Frau.

Für Nicoletta Mantovani war es nach Lucianos Tod keine Option, mit der gemeinsamen Tochter in der Casa Pavarotti in Modena wohnen zu bleiben: „Das Haus ist viel zu groß. Außerdem war Alice damals noch sehr klein, vier Jahre alt, und ich wollte lieber in die Nähe meiner Eltern nach Bologna.“ Dort wohnt sie heute noch immer. Inzwischen gemeinsam mit ihrem zweiten Mann, dem Finanzier Alberto Tinarelli, den sie 2020 heiratete. Tochter Alice ist inzwischen 23 Jahre alt und macht gerade in Rom ihren Master in Journalismus. Sie komme „äußerlich total nach dem Vater“. Aber singen könne Pavarottis Jüngste nicht. „In der Hinsicht kommt sie nach mir“, sagt die Mutter.

Der Tenor war von ganzem Herzen Gastgeber

Die Idee mit dem Museum entwickelte sich aus einer Aktion während der Weltausstellung in Mailand im Jahr 2015. „Wir haben im Rahmen der Expo das Haus für kurze Zeit für Besucher geöffnet“, sagt Nicoletta Mantovani. Der Ansturm war so groß, dass sie beschloss, aus dem kurzfristigen Projekt eine Dauerausstellung zu machen. Ob er das gewollt hätte, weiß sie nicht. Aber fest steht: Luciano Pavarotti war von ganzem Herzen Gastgeber. Also: hereinspaziert.

Pavarotti-Denkmal in Modenas Innenstadt und Street Art an seinem Privathaus Foto: Hamann

Die von mächtigen Silberpappeln und Platanen umrahmte Villa steht mitten im Nirgendwo nahe dem Dorf Montale an der Staatsstraße, die in die Ferrari-Hochburg Maranello führt. Man kommt hier nicht zufällig vorbei wie an der Bronzestatue des Meisters neben dem Teatro Comunale Pavarotti-Freni in der Altstadt von Modena. Doch echte Fans pilgern überall hin, auch raus aufs Land. Der Weg zum Privathaus führt durch weite Felder über schmale Straßen mit kuchentellergroßen Schlaglöchern. Das riesige Grundstück misst 30 Hektar, darauf verteilen sich Pferdeställe, Reitplätze und Weinstöcke. Pavarotti trank gern Lambrusco und ließ ein paar Reben im Garten pflanzen. Er kaufte das Grundstück in den Achtzigerjahren, um Platz für sein Hobby zu haben: den Reitsport. Zum trauten Heim wurde das Anwesen erst viel später.

Ein Haus als Gesamtkunstwerk

1993 verliebte sich der Tenor in seine 34 Jahre jüngere Assistentin Nicoletta, trennte sich von seiner ersten Ehefrau Adua Veroni, mit der er drei Töchter hatte, und beschloss, neu zu bauen. Das Haus, so heißt es, sei ein Spiegel von Pavarottis Persönlichkeit. „Er hat alles selbst entworfen, alle Materialien selbst ausgesucht, viele Möbel extra anfertigen lassen“, sagt Nicoletta Mantovani. Zehn Jahre dauerte es, bis das Gesamtkunstwerk fertig war. Gibt es denn irgendetwas, das nicht er ausgesucht hat? Da muss die Dame des Hauses erst mal überlegen. Doch ja, die Eckvitrine im großen Salon im Erdgeschoss, neben dem Flügel. Das sei ein Geschenk ihrer Eltern.

Pavarotti mochte es gern opulent und konnte es sich als Gutverdiener auch leisten. Sein Haus ist als prunkvolle mediterrane Villa gestaltet, mit mächtigen Deckenbalken, massigen Eichenböden. Bei der Wandgestaltung wurde tief in den Malkasten gegriffen – eine Ode an die Farbe. Die Fassade leuchtet terrakottafarben mit kräftig grünen Fensterläden, innen dominiert ockergelb. Das teilverglaste Dach lässt viel Licht ins Haus. Er liebte nicht nur das Rampenlicht, sondern auch die Sonne.

Wie fühlt es sich an, das Haus zu besuchen, in dem sie einst wohnte? „Ein Mix der Gefühle. Einerseits Trauer, einerseits Freude und die Erinnerung an schöne Tage. Aber das Leben geht weiter.“ Die Witwe engagiert sich, um das Andenken ihres früheren Mannes zu erhalten. Sie leitet eine Stiftung, die in seinem Sinne junge Talente und die Oper fördert.

Pavarottis Handy und seine Glücksbringer: auf der Bühne gefundene Nägel Foto: Hamann

Das Museum gewährt auch privateste Einblicke, man darf sogar ins Schlafzimmer hinein. Nicoletta Mantovani findet das angemessen: „Wenn man Freunde einlädt, schließt man keine Tür.“ Nur der begehbare Kleiderschrank nebenan ist mit einer Plexiglasscheibe abgegrenzt. In den offenen Regalen kann man Pavarottis Sammlung an Hüten und bunten Hemden bewundern. Auf die Bühne kam er elegant im Frack, privat liebte er es wild gemustert. Und da liegen auch die berühmten Taschentücher. Der Maestro wusste bei Konzerten nicht, wohin mit den Händen, und gewöhnte sich daher an, immer ein Stück Stoff zu halten. Es wurde sein Markenzeichen.

Was sich wohl hinter den verschlossenen Schranktüren versteckt? Da befänden sich noch alle seine Kleider. Und auch viele ihrer eigenen Sachen, erzählt Nicoletta Mantovani. Ihr Hochzeitskleid zum Beispiel, eine traumhafte Kreation in Blassrosa, entworfen von Giorgio Armani. Die Trauung fand im Dezember 2003 im Teatro Comunale in Modena statt. Es geht weiter ins Badezimmer. Ein großzügiger, weiß und blau gekachelter Raum mit Wanne, Dusche und einem monströsen Waschtisch aus honiggelbem Marmor. Hinter der Tür steht – wie die 56-Jährige scherzt – „sein größter Feind“. Die Waage.

Jedes Jahr ein Serranoschinken von José Carreras

In Tochter Alices ehemaligem Kinderzimmer gibt es eine Auswahl der Kostüme aus Pavarottis Weltkarriere zu bewundern. Der junge Mann aus einfachen Verhältnissen – sein Vater war Bäcker, seine Mutter arbeitete in einer Tabakfabrik – debütierte 1961 als Rodolfo in Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“. Seine letzte große Partie sang er 43 Jahre später. Er gab den Mario Cavaradossi in „Tosca“, ebenfalls von Puccini. Dazwischen spielte er 29 verschiedene Rollen.

Auch eine Sauna gibt es. „Luciano saß da gern drin. Er hatte große Angst, sich zu erkälten“, erzählt die Witwe. Aus Furcht vor Zugluft ging der Sänger auch selten auswärts essen. Stattdessen lud er Freunde zu sich ins rote Haus ein und bekochte sie. Am Herd zu stehen entspannte den Künstler. Die sonnengelb möblierte Küche ist auf große Gesellschaften eingerichtet: zwei Spülmaschinen und zwei Backöfen, ein riesiger Gasherd, ein amerikanischer Side-by-Side-Kühlschrank. Auf der Arbeitsfläche aus weißem Carrara-Marmor stehen ein Thermomix der ersten Generation und eine schmiedeeiserne Halterung, in die man ganze Schweinekeulen klemmen kann, um sie in feine Scheiben zu schneiden. „José Carreras hat uns immer spanischen Serranoschinken zu Weihnachten geschickt“, erinnert sich Mantovani. Im Keller gibt es eine zweite Küche, in der Pavarotti Gerichte zubereitete, die mit Geruchsbelästigung verbunden waren. Zum Beispiel Frittiertes.

Aus dem Wohnzimmer wurden die alten Sofas entfernt, dafür ließ Nicoletta Mantovani Vitrinen aufstellen, die einen Teil der Korrespondenz und der Auszeichnungen des Sängers präsentieren: Gold- und Platinplatten, Grammy- und Emmy-Awards und einen versilberten Spaten, mit dem der italienische Opernstar 1991 gemeinsam mit dem heutigen König Charles im Londoner Hyde Park einen Baum pflanzte. Eine riesige Fotowand zeigt den Meister mit dem Who’s who aus Kunst, Politik und Königshäusern. Zu seinen Freunden und Bewunderern gehörten Stars wie Frank Sinatra oder Bono von U2, Prinzessin Diana, Präsident Clinton oder Kofi Annan. Wo die Sachen zu Pavarottis Lebzeiten aufbewahrt wurden? „Fragen Sie besser nicht“, sagt Nicoletta Mantovani, lacht und verrät es dann doch: „Im Keller in irgendwelchen Kisten.“

Privat lag es dem Maestro demnach also nicht, sich allzu sehr selbst zu feiern. Er hielt auch die Ölgemälde, die er auf der Galerie unter dem Glasdach pinselte, für nicht besonders bemerkens- und vorzeigenswert. Nicoletta Mantovani dekorierte mit den farbenfrohen Malereien – signiert mit dem Kürzel „LUPA“ – posthum die Wände des Hauses. Besonders gern mag sie eine bestimmt Wasserfarbenzeichnung, die Vater und Töchterchen Alice gemeinsam malten. Außenstehende sehen hier vielleicht nur Gekritzel in Blau und Gelb. Pavarotti sah einen „Vogel Strauß zwischen Tulpen“. Mit anderen Worten: Kunst.

Info

Das Museum
Casa Luciano Pavarotti bei Modena ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 13 Euro. Infos: www.casamuseolucianopavarotti.it/en/

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