Amazonas und Anden stellen 90 Prozent der Landesfläche von Peru. Doch der schmale Streifen Wüste an der Küste beherbergt nicht nur die meisten Einwohner und den Großteil der Produktion, sondern auch seltene Tiere und rätselhafte Sandbilder.
Wie viele Einwohner Perus Hauptstadt Lima hat, ist schwer zu sagen. Irgendwas zwischen elf und 18 Millionen, schätzt Stadtführer Jack Canari. Die Wüstenmetropole am Pazifik ist riesig und wächst noch immer. Wie einst Canaris Großeltern kommen bis heute täglich Menschen aus den Anden und dem Regenwald in die großen Küstenstädte, auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben.
Oben thront Jesus, unten hütet Pachamama
Die Fahrt aus dem Zentrum bis zur Stadtgrenze dauert ewig. Jeder Quadratmeter entlang der kargen, sandbraunen Küste ist bebaut, und die angrenzenden Wüstenhügel überzieht ein Gewirr aus ärmlichen Bretterbuden. Hier gibt es weder Strom noch Wasseranschluss. 65 Prozent der 32 Millionen Peruaner leben an der Küste, viele arbeiten als Tagelöhner, im Bergbau oder in den Fabriken. Auffällig ist, dass auf jedem größeren Hügel ein Kreuz oder ein Jesus steht – unübersehbar. „Der Mix aus Spaniern und Inka ist typisch für Peru“, sagt Ronny Vizcarra, der die Küstentour begleitet. „Am Fuß des Berges wohnt die Mutter-Erde-Göttin Pachamama, oben thront der katholische Glaube.“
Die zugebauten Wüstenhügel weichen unbebauten. Triste, kahle Flächen, durchzogen von Mauern und gespickt mit Warnschildern: Privatgelände! Reiseführer Ronny weiß, was dahinter steckt. „Landkauf ist in Peru einfach und günstig, denn die Regierung braucht Geld und verscheuert an jeden, der zahlt.“ So sei es zu einer beliebten Spekulation geworden, sich Wüstenteile zu sichern, um diese an Investoren zu verkaufen, die darauf Villen mit Meerblick bauen. Besonders beliebt sei der Kauf von Bergspitzen. „Die kann man an Mobilfunkanbieter vermieten, die ihre Handymasten drauf stellen wollen – ein echtes Boomgeschäft“, weiß Vizcarra.
Nach einer kleinen Ewigkeit erreicht der Minibus die Provinz Ica. Links und rechts der Straße, die zu großen Teilen auf der berühmten Panamericana, der Verbindung von Alaska nach Feuerland, verläuft, lockern erste Felder die Bebauung auf. Farbe zieht ein. „Hier wird produziert für Europa: Avocados, grüner Spargel, Artischocken, Orangen, Blaubeeren, Mango“, listet Vizcarra auf. Er verrät auch, wie das geht, mitten in der Wüste: Mit gezielter Tröpfchenbewässerung und mit eigenem Guano. Dieser Vogelkot, der Peru als Exportschlager einst reich machte, wird heute nur noch im eigenen Land genutzt, da aber nach wie vor erfolgreich. Wasser bleibt dagegen ein rares Gut. Ein durchschnittlicher Niederschlag von 1,9 Millimeter löscht keinen Pflanzendurst, und das von Bergbächen gespeiste Grundwasser ist nicht sehr üppig und liegt tief.
Foto: Bettina Bernhard
Riesige Flächen voller Paprika, aus denen hier Farbe für Lippenstift gemacht wird, ziehen vorbei, Tomaten- und Melonenfelder und Hecken voller Inkagurken namens Caigua säumen den Highway gen Süden. Auch Weinreben fehlen nicht, denn die Trauben sind Basis des Nationalgetränks Pisco. Das entstand, als die Peruaner auf Geheiß ihrer Eroberer versuchten, nach spanischer Tradition Brandy zu machen. Weil man aber keine Holzfässer hatte, ließ man den Stoff in Keramiktöpfen reifen. Dabei kam kein Brandy heraus, sondern ein fruchtiger Traubenschnaps. In der Inka-Sprache Quechua, die zu den Amtssprachen Perus zählt, heißt Pisco Vogel. „Nach dem Genuss meint man, fliegen zu können“, sagt Vizcarra und schmunzelt.
Mit dem Paracas Nationalpark kommt das Tagesziel in Sicht. Auf 335 000 Hektar Fläche, von denen 60 Prozent Meer, der Rest Wüste sind, leben Füchse, Leguane, Geier, Flamingos, Seelöwen und Delfine. Die Straßen durch den Park bestehen aus Salz, das hier mangels Regen problemlos den Asphalt ersetzt. Salz ist auch das Geheimnis des Kandelabers – eine riesige rätselhafte Sandzeichnung ähnlich den Nascalinien. 120 mal 50 Meter groß und bis zu 75 Zentimeter tief prangt sie an einem Hügels auf einer Halbinsel in der Paracasbucht. „Entstehungstheorien dazu gibt es viele, sie reichen vom Kaktus aus der Paracaskultur von 900 vor Christus über die Nascalinientheorie der Deutschen Maria Reichelt bis hin zur Orientierung für Seefahrer und Geheimzeichen der Illuminati“, erzählt Carlos Tasaico, während er sein Ausflugsboot entlang des Kandelabers steuert. Zuvor hatte es einen Hafen passiert, wo Schrott für die Stahlproduktion angeliefert wird und auch mal Kreuzfahrtschiffe vorbeikommen. Fotogener waren aber die Seelöwendamen, die auf einer Boje pennten, müde vom nächtlichem Jagen und Fressen.
Nach flotter Fahrt übers Meer erreicht Carlos’ Boot die unter Naturschutz stehenden Ballestas-Inseln. Hier leben tollpatschige Tölpel, große Kormorane, elegante Schwalben, Franklinmöwen und der Scherenschnabelvogel, der mit offenem rotem spitzem Schnabel dicht übers Wasser fliegt und Fische abschöpft. Auf einem Felsplateau tummeln sich Pinguine, die sich dank Humboldtstrom und 14 Grad Wassertemperatur hier wohl fühlen. Seelöwen spielen im Whirlpool des Bootsmotors. Im seichten Wasser sieht man Seesterne und Muscheln, und der Himmel ist voller Vögel.
Ein Kilo Guano bringt knapp drei US-Dollar
Kormorane sind die Hauptproduzenten des Naturdüngers Guano, der alle acht bis zehn Jahre auf den Ballestas-Inseln abgebaut wird. „Es ist eine gefährliche Arbeit, denn die Arbeiter müssen in den steilen Klippen den Guano weghacken und der dabei freigesetzte Ammoniak schädigt die Lunge“, erzählt Carlos. Zuletzt vor zwei Jahren „ernteten“ sie 19 000 Tonnen Guano – „1 Kilo bringt knapp 3 US Dollar“. So verdienten die Arbeiter in 3 bis 4 Monaten Dauereinsatz auf den Inseln mehr als ein Jahresgehalt.
Südküste von Peru Foto: Grafik/Yann Lange
Auch Denis Fajardo lebt in Paracas auf dem und vom Meer. Der 54-Jährige ist Fischer in dritter Generation und fährt an sechs Tagen die Woche von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens hinaus. Er fängt pro Nacht zwischen 60 und 90 Kilo kleinere Fische aus der Fünf-Meilen-Zone. „Früher war mehr Fisch, denn die Seelöwen waren fast ausgerottet. Jetzt fressen sie die Fischernetze leer“, sagt Denis Fajardo. Auch El Niño sei ein Problem, denn wenn Wasser zu warm wird, sind Plankton und Krill zu tief für Nahrungskette. Der Fischer bekommt 3 Soles pro Kilo Fisch, etwa 75 Cent.
Roher Fisch in Limette gebadet
Sein Fang kommt im Fischerdorf Paracas auf den Tisch, gerne als Ceviche, die peruanische Spezialität, bei der roher Fisch in Scheibchen geschnitten und in Limetten- Marinade gebadet wird. Zwiebeln drauf, weißen Riesen-Mais und leuchtorangene Süßkartoffeln dazu – lecker!
Unterkunft Das Mercure Hotel in Lima liegt ruhig und zentral und verwöhnt mit einem üppigen Frühstücksbuffet. Doppelzimmer mit Frühstück ab 74 Euro, https://all.accor.com/hotel/A7L9/index.de.shtml Die großzügig ausgestattete Hacienda Bahia de Paracas liegt direkt am Strand, Doppelzimmer mit Frühstück ab 236 Euro, www.lahaciendabahiaparacas.com.
Veranstalter Gebeco bietet mehrere Perureisen an, darunter die 13-tägige Erlebnisreise „Peru Clásico“ mit Stationen in Lima, Paracas und Machu Picchu. Preis ab 3795 Euro inkl. Flügen, www.gebeco.de. Perureisen bieten auch Enchanting Travels, www.enchantingtravels.com/de/ , und Papaya Tours www.papayatours.de.