In der Landeshauptstadt sollte der Wohnungsbau im vergangenen Jahr zulegen. Noch zur Jahresmitte prognostizierten die städtischen Statistiker mehr als jene 1357 Einheiten, die 2021 netto, also nach Abzug von Abrissen, den Bestand erhöhten. Nun sind es netto 2022 nur 801 Einheiten. Der Absturz ist heftig, mit Erklärungsversuchen tun sich die städtischen Experten schwer. Womöglich steigt die Zahl 2023 wieder an, am Grundsatzproblem wird sich allerdings so schnell nichts ändern. In Stuttgart entstehen deutlich zu wenige Wohnungen, vor allem bezahlbare. Die Stadt steht vor einer Durststrecke.
Der Traum von den eigenen vier Wänden hat sich 2022 für viele Bauwillige zum Albtraum entwickelt. Die Kreditzinsen zogen so schnell an, dass vielen Baufamilien die Luft wegblieb. Plätze wurden zurückgegeben, Anträge gar nicht mehr gestellt. Schon 2020 und 2021 war die Zahl der Genehmigungen mau, 2022 wurden nur noch 909 erteilt. Sie erlöschen übrigens nach drei Jahren, wenn nicht mit der Ausführung begonnen wird.
Angesichts der tatsächlichen Zahlen muten die politischen Zielsetzungen und Versprechungen des Gemeinderats und von Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) absurd an. 20 000 Wohnungen sollen bis 2033 entstehen, 2000 pro Jahr. Der Schnitt der letzten 20 Jahre liegt bei 1497 Einheiten.
Wer sich große Zahlen zum Ziel nimmt und Erwartungen weckt, muss sich kümmern und zugreifen, wo immer sich die Chance bietet. Das aber hat die Stadt nicht getan. 2012 bot sie als Mitglied einer Bietergemeinschaft nur halbherzig für 21 500 Mietwohnungen der Landesbank, darunter etliche günstige im Nordbahnhofviertel. Damals ging es um wenige Millionen Euro mehr aus der Stadtkasse, heute ist die Stadt den Forderungen des Konzerns Vonovia ausgeliefert, wenn sie günstige Bleiben erhalten will. Auch beim IBM-Areal in Vaihingen griff die Stadt nicht zu, es liegt brach. Womöglich zaudert die Kommune auch beim Stöckach-Areal der EnBW im Osten. Die EnBW sucht für den Bau von 800 Einheiten Hilfe. Ein konkretes Gespräch hat nicht stattgefunden.
Natürlich, es gibt noch neue Wohnungen in Stuttgart, zum Beispiel für 10 000 Euro pro Quadratmeter. Nicht auf Halbhöhe, sondern im Neckarpark. Wenn sich aber nur noch solche Marktpreise bilden, kommt letztlich die Zusammensetzung einer Stadtgesellschaft in Schieflage. Stuttgart wird viel Geld investieren müssen, um diese Schieflage zu vermeiden und den Wohnungsbau zu beleben.