Suche per Drohne Einäugige Hündin spektakulär gerettet
Pauline, eine einäugige Hündin, entläuft in Waldenbuch. Was dann folgt, rührt Besitzerin Claudia Beer zu Tränen: Mehr als 100 teils fremde Menschen helfen ihr dabei, Pauline zu suchen.
Pauline, eine einäugige Hündin, entläuft in Waldenbuch. Was dann folgt, rührt Besitzerin Claudia Beer zu Tränen: Mehr als 100 teils fremde Menschen helfen ihr dabei, Pauline zu suchen.
„Ich kann das immer noch nicht so wirklich realisieren“, sagt Claudia Beer, „wie viele Leute geholfen haben, wie engagiert, mit so viel Einsatzbereitschaft.“ Sie blinzelt, hinter ihren Brillengläsern schimmern ihre Augen feucht. Während sie spricht, streichelt sie sanft Paulines Kopf. Die Irish-Terrier-Mix-Hündin schläft selig neben ihr in dem knautschigen Sessel, das Köpfchen an Beers Bein geschmiegt. Nichtsahnend, wie viel Trubel sie in jüngster Vergangenheit ausgelöst hat. Denn am 16. Oktober entlief die Hündin bei einem abendlichen Spaziergang – und hielt daraufhin halb Waldenbuch und Umgebung in Atem.
„Abends geht mein Mann meist mit den Hunden Gassi“, erzählt Claudia Beer, die zusammen mit ihrem Mann noch zwei weitere Hunde hat. „Er hatte bei Pauline die Flexi-Leine genommen, weil sie manchmal einen kleinen Dickkopf hat und nicht gleich kommt. Doch als er am Auto war, fiel ihm das Griffstück der Leine aus der Hand und schepperte auf den Boden – da bekam Pauline Panik und rannte davon.“ Claudia Beer blinzelt, doch die Tränen lassen sich kaum noch aufhalten. Sie tupft sich die Augenwinkel mit dem Ärmel trocken. Nachdem sie sich ihre Brille wieder aufgesetzt hat, wirft sie einen zärtlichen Blick auf die schlafende Hündin an ihrer Seite. „Wir beide haben einfach eine ganz besondere Verbindung“, sagt die 66-Jährige, die Stimme noch etwas zitternd, als ob sie noch immer nicht fassen kann, dass ihre Pauline leibhaftig neben ihr sitzt.
Vor vier Jahren hat Claudia Beer die Hündin aus dem Tierheim Reutlingen geholt. „Ich kam an und da saß sie schon da – so richtig nach dem Motto: Ja, du holst mich.“ Viel weiß Beer nicht über Paulines vorheriges Leben, nicht einmal, wie sie ihr Auge verloren hat. Nur soviel kann man sich wohl denken: Wer nur ein Auge hat, hat wahrscheinlich so einiges erlebt – und muss vielleicht erstmal wieder Vertrauen in neue Menschen fassen. Bei den Beers hat die Hündin 2021 endlich ihr Zuhause gefunden. Und dann, an einem gewöhnlichen Donnerstagabend, hört Claudia Beer plötzlich die Worte, die kein Hundebesitzer hören möchte: „Pauline ist weg.“
Die Waldenbucherin erinnert sich noch genau an diesen Moment. „Wir sind sofort los, haben gesucht. Ein befreundeter Hundebesitzer hat noch gesehen, wie Pauline nach rechts einen Hang runter ist, dann war sie weg.“ Hilflos ruft Claudia Beer ihre Hundetrainerin Sabine Eckert von der Hundeschule Freestyle an. „Sabine kann man immer anrufen. Die hat sofort reagiert und mir den Kontakt zu ,Hund entlaufen Baden-Württemberg’ gegeben.“
Am anderen Ende der Leitung: Nadja Pawert. Sie kommt noch am selben Abend vorbei, zusammen mit ihrem Pet-Trailer-Hund, der speziell als Suchhund ausgebildet wurde. „Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, wie spät es ist. Die Nadja hat immer gesagt, sie müsse am nächsten Tag früh raus, aber sie hat nicht aufgehört zu suchen. Noch eine Runde, noch eine Runde“, erzählt Claudia Beer. Bis Mitternacht suchen sie gemeinsam beim Friedhof in Waldenbuch, wo Pauline weggelaufen ist. Dann müssen sie abbrechen. Ergebnislos.
Am nächsten Tag kommen weitere Suchhunde und am Freitag werden Drohnen mit Wärmebildkameras eingesetzt, alles organisiert von Nadja Pawert und diversen Helferinnen und Helfern. Gleichzeitig beginnt Hundetrainerin Sabine Eckert mit ihrem Team, in Waldenbuch und Umgebung Plakate zu verteilen. „Die haben wirklich alles plakatiert“, sagt Claudia Beer. „Fast 75 Prozent der Hundeschule waren unterwegs, um zu helfen.“ Sie schüttelt den Kopf, kann es immer noch nicht recht fassen. „Das war unglaublich.“
Am Samstag gibt es immer noch keine Spur von Pauline. Nadja Pawert organisiert weitere Suchaktionen. Die Waldenbucherin hat im Jahr 2013 „Hund entlaufen Baden-Württemberg“ gegründet und sucht seitdem mit zehn weiteren Ehrenamtlichen nach ausgebüxten Hunden. „Am Sonntag haben wir mit den Kolleginnen von ,Hund entlaufen Heidenheim/Brenz und Umgebung’ einen Suchtrupp aufgestellt – mehr als 100 Menschen haben sich auf unseren Facebook-Aufruf hin gemeldet“, sagt Pawert. „Mein Handy stand nicht mehr still, – bing, bing, bing – eine Nachricht nach der anderen ist da eingetrudelt.“
Die Suche war durchdacht: Jeder bekam eine Parzelle des Suchgebietes auf der Karte zugewiesen und meldete dann per WhatsApp, wenn sie durchsucht war. Pawert: „So konnten alle unabhängig voneinander suchen, ohne das Wild aufzuschrecken.“ Claudia Beer schüttelt den Kopf, als sie daran denkt. „Ich bin heute noch platt. Da waren Leute, die ich nicht kannte, die ich noch nie gesehen habe. Aus Stuttgart, aus Herrenberg, eine sogar aus Jockgrim in Rheinland-Pfalz – zweieinhalb Stunden Anfahrt!“
Gefunden wird Pauline schließlich am Sonntag gegen 14 Uhr – vier Tage nach ihrem Verschwinden. Nadja Pawert riet einem zwölfköpfigen Suchtrupp, es mal bei der Mülldeponie bei Steinenbronn zu probieren. „Ich habe ihnen gesagt: Geht mal da hin und durchsucht den Wald von oben nach unten.“ Und genau dort, am Zaun der Deponie, fast komplett getarnt von dichtem Gestrüpp in der Farbe ihres kastanienbraunen Felles, entdecken sie schließlich Pauline. „Sie war total ruhig, ganz verwickelt in der Leine, aber unverletzt“, sagt Pawert.
Die Erleichterung bei Claudia Beer und ihrem Mann ist riesengroß, als endlich der erlösende Anruf kommt. „Sie war abgemagert, aber gesund“, sagt Beer und streichelt Pauline über den Kopf. Noch immer muss sie schlucken, wenn sie an diese nervenaufreibenden Tage im Oktober denkt. „Ich dachte zwischendurch, ich sehe sie nie wieder.“ Die Irish-Terrier-Mix-Hündin schläft jetzt friedlich auf ihrem Platz neben Beer in dem Sessel – ob sie wohl an ihr großes Abenteuer denkt?
„Dass es noch so viel Hilfsbereitschaft gibt“, sagt Beer ungläubig und schüttelt den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Menschen zusammentun, um Pauline zu suchen.“ Noch heute trifft Claudia Beer beim Gassigehen immer wieder Menschen, die Pauline von den Suchplakaten erkennen. „Neulich begegnete ich einer völlig fremden Frau“, erzählt sie, „die, als sie uns sah, direkt auf uns zukam und sagte: ‚Jetzt will ich doch mal den Hund kennenlernen, den ich gesucht habe.‘“
Gründung
Die Initiative „Hund entlaufen Baden‑Württemberg“ wurde im Februar 2013 von Nadja Pawert gegründet und wird ehrenamtlich von ihr sowie rund zehn weiteren Helfenden betrieben. Seit Gründung haben die Mitwirkenden ein weitreichendes Spektrum an Erfahrungen im Bereich der Sicherung entlaufener Hunde gesammelt und konnten in diesem Zeitraum laut ihrer Website über 160 Hunde mittels Lebendfallen oder anderen Methoden wieder einfangen und sichern.
Service
Der Service umfasst sowohl beratende Unterstützung mit praxisnahen Ratschlägen als auch aktive Hilfe vor Ort – jedoch kann er ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis erbracht werden, da die Beteiligten beruflich anderweitig tätig sind. Darüber hinaus ist die Initiative über Baden‑Württemberg hinaus in verschiedenen bundesweiten Arbeitsgruppen vernetzt und nutzt Kooperationen mit erfahrenen Fachleuten zur Optimierung ihrer Such‑ und Sicherungstätigkeiten.
Kontakt
Pawert kann man entweder über die Facebook-Gruppe „Hund entlaufen Baden‑Württemberg“ oder unter der Website hund-entlaufen-baden-wuerttemberg.de erreichen. Sie freut sich auch über Spenden über Paypal: hund-entlaufen-baden-wuerttemberg@gmx.de