Viertelfinale in Wimbledon, Viertelfinale beim größten Turnier der Welt, das gab es noch nie für Tatjana Maria aus Bad Saulgau – vorher hatte sie noch nie viermal nacheinander bei einem der Grand-Slam-Turniere gewonnen. Dass es nun obendrein noch im deutschen Duell gegen die Senkrechtstarterin Jule Niemeier (22) bei deren ersten Grand-Slam-Turnier überhaupt geht, setzt alledem die Krone auf.
Bundestrainerin Barbara Rittner ist vor dem großen Spiel wenig überraschend eine gefragte Frau. Sie grüßt freundlich am Telefon und sagt, dass sie längst nicht alle Anfragen bearbeiten und annehmen könne. Klar, die ehemalige Fedcup-Teamchefin kennt ihre Schützlinge Niemeier und Maria seit Jahren aus dem Effeff – wobei man bei Tatjana Maria besser sagen sollte: seit Jahrzehnten.
Die Williams-Schwestern sind Nachbarinnen
Mit Blick auf die jüngere Vergangenheit der zweifachen Mutter ist das Bild Marias mit dem Kinderwagen auf den Anlagen der Welt für Rittner nichts mehr Neues. Beeindruckend bleiben für sie die Haltung und die Ruhe der Bad Saulgauerin, die mit ihrer Familie längst in Florida lebt – in direkter Nachbarschaft zu den berühmten Kolleginnen Serena und Venus Williams, die bei der Geburt der zweiten Tochter eine Mamaparty für Maria organisierten, aber das nur am Rande.
„Tatjana ruht in sich“, sagt Bundestrainerin Rittner also, „sie ist ein total glücklicher und ausgeglichener Mensch, wobei sie das schon früher zu Fedcup-Zeiten war, als es ein Segen war, sie im Team zu haben.“ Jetzt hat sich diese innere Ruhe als Mutter nochmals ausgeweitet, was auch an ihrem Lebenspartner Charles-Edouard Maria liegt – der, so sagt es Rittner, „Tatjana total den Rücken freihält“. Dann lacht die Bundestrainerin und platziert eine Pointe zu dem Mann, den Tatjana Maria im Jahr 2012 als privaten Coach kennenlernte: „Und zufällig hat Charles-Edouard ja auch noch ein bisschen Ahnung von Tennis, also ist er seit Jahren ihr Trainer.“ Und der Ehemann ist er auch, weshalb aus der einstigen Tatjana Malek Tatjana Maria wurde.
Der reisende Tennisbetrieb mit den zwei Töchtern schöpft nun Kraft aus der Familie. So sagt Rittner, dass Maria im besten Sinne auch für ihre achtjährige Tochter noch so Tennis spiele: „Für Tatjana ist es toll, wenn sie weiß, dass Charlotte sich etwas von ihr abschauen kann, und das völlig ungezwungen – das ist ein großer Antrieb für sie.“
Dass sich Maria mit ihrem Mann nebenbei noch für bessere Bedingungen für Mütter auf der Tennistour einsetzt, etwa für bessere Betreuungsmöglichkeiten im Alltag während der Turniere oder für kinderfreundlichere Spiele, die nicht spätabends beginnen, überrascht Rittner nicht. „Tatjana war schon immer eine Frau, die sich auch für die Belange anderer eingesetzt hat“, sagt sie.
Heftige Schicksalsschläge
Marias Blick auf die wesentlichen Dinge entwickelte sich dabei auch aus der eigenen Lebensgeschichte, in der sie früh Schattenseiten kennenlernte. So erlitt sie 2008 aufgrund einer Thrombose eine Lungenembolie, kurz darauf verstarb ihr Vater Heinrich, zu dem sie ein enges Verhältnis hatte, an Krebs. Wie das dann oft so ist bei jungen Menschen – sie reifen nach Schicksalsschlägen, werden unbewusst schneller erwachsen und wissen, worauf es ankommt im Leben: Es ist ein Prozess, den auch die junge Tatjana Malek durchlebt hat und der sie noch heute, als zweifache Mutter, ruhiger und gelassener macht. Auch auf dem Platz.
Dort also, wo sie nach Barbara Rittners Ansicht gerade „ihr bestes Tennis spielt“. Maria, so sagt das die Bundestrainerin vor dem Viertelfinale von Wimbledon, sei topfit und bewege sich derzeit so hervorragend wie kaum eine andere Spielerin. Dazu, so Rittner weiter, habe sie noch ein „extrem geschicktes Händchen“.
Bälle im Netz
So ist Marias Slice, den sie auch mit der Vorhand spielt, eine Waffe, weil die Bälle mit Unterschnitt auf einem schnellen Belag wie Rasen so schwer zurückzuspielen sind. Oft bleiben sie im Netz hängen, zu beobachten war das bei den favorisierten und am Ende frustrierten Gegnerinnen Maria Sakkari (dritte Runde) und Jelena Ostapenko (Achtelfinale).
Jetzt also steigt für Maria das große deutsche Viertelfinalduell. Mit der Gegnerin Jule Niemeier hat es vorher längst einen entspannten Plausch auf der Anlage des All England Clubs gegeben. Man kennt sich, man schätzt sich. Oder, wie es die junge Dortmunderin Niemeier mit dem Blick auf die Tennisfamilie Maria sagt: „Ich ziehe wirklich meinen Hut davor, wie sie das machen – ich finde es einfach unglaublich, mit zwei Kindern zu reisen.“