In Zeiten von Corona Kindergeburtstag ja, aber Kita-Betrieb nein?

Von Florian Mader 

Seit drei Monaten sind Kindergärten und Schulen runtergefahren. Eltern wie Stefanie Klumpp oder Alexander Kruse aus Renningen sehen sich von der Politik zu wenig unterstützt.

Stefanie Klumpp (im roten Shirt) beteiligt sich an der Demo in Ludwigsburg vor drei Wochen. Foto: factum/Simon Granville
Stefanie Klumpp (im roten Shirt) beteiligt sich an der Demo in Ludwigsburg vor drei Wochen. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Urlaub macht die Renninger Familie Klumpp derzeit. Endlich raus, endlich wieder ein bisschen Leben wie früher. Die achtjährige Tochter hat bereits andere Mädchen kennengelernt, neue Freundinnen gewonnen. „Sie blüht richtig auf“, berichtet die Mutter Stefanie Klumpp. Denn für Kinder bedeutete der Lockdown, dass sie keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hatten. Die meisten Grundschüler und Kitakinder müssen seit drei Monaten zu Hause bleiben.

In immer mehr Lebensbereichen gibt es Lockerungen. Fitnessstudios, Restaurants, Kinos, Freizeitparks – alles wird wieder geöffnet. Nur eine Rückkehr der Kitas und Schulen zur Normalität ist nicht absehbar. „Ich könnte einen Kindergeburtstag mit 99 Kindern feiern, aber mein Kind darf nur alle zwei Wochen für zehn Schulstunden unterrichtet werden“, lautet das bittere Fazit von Stefanie Klumpp.

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Die Renningerin ist nicht die einzige, die mehr Einsatz der Politiker für Kinder und Jugendliche fordert. Schon vor drei Wochen war sie bei einer Eltern-Demo, die Mitstreiter in Ludwigsburg organisiert hatten. 120 Mütter und Väter waren gekommen. Im Internet hat der Renninger Alexander Kruse eine Petition initiiert, die die Öffnung der Kindergärten in Baden-Württemberg fordert.

Stefanie Klumpp und Alexander Kruse sind keine Bürger, die gleich bei jedem Problem Politiker schalu machen und bei jedem Schlagloch das Bundesverfassungsgericht anrufen. Sie wollen auch nicht mit den Reichsbürgern, den Rechten und den Impfgegnern in einen Topf geworfen werden, die die Lockdown-Kritik für sich nutzen – da muss man mittlerweile aufpassen. Aber sie wollen endlich gehört werden.

„Am Anfang konnten wir mit der Komplettschließung der Kitas leben“, sagt Alexander Kruse, Vater eines drei- und eines fünfjährigen Kindes. „Aber wir Eltern hatten das Gefühl, dass über alles geredet wird, nur nicht über Kinder.“ Er betont, dass es ihm auch weniger darum geht, dass seine Frau und er – beide berufstätig – wieder voll arbeitsfähig sind. „Es geht um die Kinder“, sagt er. „Soziale Kontakte, frühkindliche Bildung – das alles wurde mit einem Handschlag lahmgelegt.“

„Für uns alle ist das keine schöne Zeit“

All das beobachtet auch Stefanie Klumpp seit nun drei Monaten. Ihr Mann und sie arbeiten normalerweise im Büro. Von einem Tag auf den anderen mussten sie das ändern, haben ein richtiges Schichtmodell eingeführt. „Am Abend sprechen wir uns ab: Wer hat welche Termine und wer kann sich um die Kinder kümmern “, erzählt sie. Das bedeutet mitunter, dass ihr Mann Urlaub nehmen muss, natürlich unbezahlten, sie ihre aufgesparten Überstunden abbaut oder beide bis spätabends arbeiten müssen.

Dann ist zwar einer bei den Kindern, mit der Arbeit ist es aber trotzdem schwierig. Die Tochter geht in die zweite Klasse, bekommt Aufgaben. „Wir haben eine wirklich tolle Grundschullehrerin, die das super macht“, sagt die Mutter. „Aber zuhause funktioniert es eben nur, wenn die ganze Zeit jemand neben meiner Tochter sitzt.“ Zwischendrin saust der Fünfjährige unterm Tisch durch, dann klingelt das Telefon, weil die Arbeit doch irgendwie weitergeht. Stefanie Klumpp spricht von einer „Dauerstresssituation“. „Für uns alle ist das keine schöne Zeit“, sagt die Renningerin. Sie merkt, dass ihre Kinder viel gereizter sind, vereinsamen. „Neulich hat mein Sohn abends geweint, er will wieder in die Kita“, erzählt sie.

Keine Nörgler oder Wutbürger

Ähnlich wie Alexander Kruse ist auch Stefanie Klumpp keine Nörglerin, keine Wutbürgerin. Jetzt aber hat sie eine Mail an den Ministerpräsidenten, die Kultusministerin und den Sozialminister geschrieben. Darin berichtet sie, dass ihre Tochter bis zu den Sommerferien 30 Schulstunden in die Schule gehen wird, das sind 20 Prozent des regulären Unterrichts. In die Kita dürften aktuell nur Vorschüler oder Kinder in der Notbetreuung. „Alle anderen Kinder müssen ohne Perspektive zu Hause bleiben“, schreibt Klumpp an die Landesregierung. „Das Recht auf Bildung darf in Deutschland nicht länger ausgesetzt werden.“

Eine halbe Woche später bekommt sie eine Antwort von einer Referentin des Kultusministeriums. Alle Entscheidungen würden einem „sorgfältigen Abwägungsprozess“ unterliegen: „Oberste Prämisse war die Eindämmung des Virus.“ Man wollte weiter öffnen, weil aber einige Lehrer und Erzieher zu Risikogruppen gehören, müsse die vollständige Öffnung gründlich vorbereitet werden.

Überlegen, abwägen, vorbereiten. Stefanie Klumpp fehlt die Perspektive. Am Dienstag hat die Landesregierung bekannt gegeben, wann Tagungen, Kongresse und Messen mit 500 Menschen wieder erlaubt sind, nämlich vom 1. August an. Für den Regelbetrieb in Schulen und Kitas gibt es aber immer noch keine Pläne. Diese Nachricht hatte sie veranlasst, ihre Mail an die Regierung zu schreiben. „Ich habe den Eindruck, dass es nur mit Druck geht“, sagt sie. Nur, wenn sich mehr Eltern an Politiker wenden.

Kurtz: Wir sprechen ständig über die Anliegen der Eltern

Das tun sie, das merkt auch die Leonberger Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz (CDU). Sie werde derzeit mit Anliegen, Briefen und Mails überschüttet, erzählt sie. Neben den Unternehmern seien die Eltern die Gruppe, die sich am deutlichsten zu Wort meldet. Dass sich in Stuttgart niemand kümmert, weist Kurtz aber zurück. „Ich habe den Eindruck, dass wir ständig über die Anliegen der Eltern sprechen“, sagt die Abgeordnete, die auch im Schulausschuss des Landtags sitzt. Schon nach der Schließung der Kitas und Schulen am 17. März habe man eine Notbetreuung eingerichtet. Später zum Beispiel habe wurde dann bei der Universität Heidelberg eine Studie in Auftrag gegeben, die das Infektionsgeschehen von Kindern untersucht hat – und die jetzt die Grundlage für weitere Öffnungen ist.

„Ich bin selbst Mutter, ich weiß, wie viel Eltern seit März geleistet haben und vor welch riesiger Herausforderung sie standen“, sagt Sabine Kurtz. „Da liegen teilweise die Nerven blank.“ Sie sei aber dagegen, verschiedene gesellschaftliche Bereiche gegeneinander auszuspielen.

Eltern machen ihrem Unmut trotzdem Luft. Auch in unserer Redaktion treffen immer mehr Leserbriefe mit diesem Anliegen ein. Und 7260 Menschen haben die Petition von Alexander Kruse bereits unterschrieben.




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