Ob durch Vandalismus oder geplante Demontage – Telefonzellen verschwinden immer mehr aus dem Stadtbild. Die Telekom will ihren Bestand noch mehr ausdünnen.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Böblingen - Die Telefonzelle hat nicht den leisesten Hauch einer Chance gehabt. Die Vandalen kamen nachts, ausgerüstet mit Sprengstoff. In ihrer Zerstörungswut suchten sie ein wehrloses Opfer – und fanden es schließlich. Ein lauter Knall, Rauch. Zurück blieb ein vollkommen zerstörtes Telefonhäuschen. Das passierte Ende November des vergangenen Jahres in Sindelfingen. Seitdem sind in Stuttgart und Umgebung fünf weitere Telefonzellen Opfer von ganz ähnlichen Anschlägen geworden. Zuletzt musste am vergangenen Wochenende in Althengstett ein Telefonhäuschen dran glauben.

 

Eine Telefonzelle kann sich nicht wehren

„Diese Pyromanen spielen gerne mit Sprengstoff“, sagt Uwe Vinçon, Sprecher der Polizeidirektion Böblingen, „und eine Telefonzelle kann sich nicht wehren und sie spricht nicht.“ Das perfekte Opfer also, das ganze Jahr über. Und abgesehen vom ganz alltäglichen Wahnsinn – eingetretene Scheiben oder herausgerissene Bedienelemente – nimmt die Anzahl der Brand- und Bölleranschläge vor allem während der Silvesterzeit stark zu. „Während dieser Zeit kann man sich das ganze Zubehör kaufen“, sagt Vinçon, „aber mit einem ganz normalen Silvesterkracher ist eine solche Explosion wie etwa die in Sindelfingen nicht möglich.“ Der Polizeisprecher erinnert sich noch genau – damals flog durch die Wucht der Detonation das Dach der Telefonzelle in hohem Bogen durch die Luft. „In solchen Fällen ermitteln wir nicht bloß wegen Sachbeschädigung, sondern wegen des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion“, so der Polizeisprecher. Strafmaß: sechs Monate bis hin zu fünf Jahren Haft.

„Wir glauben, dass sich da die Täter gegenseitig übertrumpfen wollen“, sagt Uwe Vinçon, „sie erfahren von einer solchen Aktion und denken sich‚ oh, das können wir aber besser.“ Vinçon vermutet, dass in den meisten Fällen Gruppen von Jugendlichen dahinterstecken.

Noch rund 730 Telefonzellen

Zwar dünnt die Telekom ihr Netz an öffentlichen Telefonzellen seit wenigen Jahren bereits ganz allmählich aus – solche Zerstörungen führen aber dazu, dass es noch schneller geht. In den Landkreisen Böblingen, Ludwigsburg und Pforzheim stehen zurzeit noch rund 730 Telefonzellen – nur 100 davon im klassischen Gelb. „Für die gibt es auch keine Ersatzteile mehr“, bestätigt Udo Harbers, der Telekom-Ansprechpartner für die Region Süd.

Vielmehr sind es in der Zwischenzeit graue, eckige Kästen mit magentafarbener Banderole, die die Telefonzellenlandschaft prägen. Doch seit dem Jahr 2008 geht auch der Bestand dieser durch das Handy stark gefährdeten Spezies immer weiter zurück. „Seit diesem Zeitpunkt reagieren wir“, so Udo Harbers, „weil die Lücke zwischen Umsatz und Unterhalt letztendlich zu groß wurde.“

Was ist aus den gelben Häuschen geworden, die einst, gefühlt in grauer Vorzeit, so unverzichtbar waren? „Die mussten zum großen Teil dem neuen Design weichen“, sagt Udo Harbers, „oder sie sind ganz verschwunden, weil sie an ihren Standorten nicht mehr gebraucht wurden.“ Das Handy macht’s möglich. Außerdem stehen vielerorts nur noch abgespeckte Telefonsäulen, ohne Dach, ohne Wände. Das spare Reinigungs-, Strom- und Reparaturkosten. Der sinnlose Vandalismus tut sein Übriges. „Vorbeugen können wir dagegen nicht“, sagt Harbers. Eine Million Euro plant die Telekom jährlich für die Reparatur und Instandsetzung von zerstörten Telefonzellen ein. Doch oft kommt jede Hilfe zu spät. Wie am späten Abend des Dreikönigstages, erneut in Sindelfingen. „Die einzige Überwachung, die wir haben, ist die Anzeige bei uns, dass ein Telefon nicht mehr funktioniert“, so Harbers.

Aussichtslose Spurensuche

Laut der Polizei ist die Spurensuche so gut wie aussichtslos. „Fingerabdrücke gibt es in solchen Fällen sowieso keine, bei einer Explosion bleibt da kaum etwas zurück“, sagt Uwe Vinçon. Man hoffe zu allererst auf Zeugenaussagen. „Vor allem, weil die Täter da oft recht unverblümt zu Werke gehen.“

Die Ära der Telefonzellen neigt sich also langsam, aber sicher, ihrem Ende zu – entweder sind sie Ziel sinnloser Zerstörungen, oder sie werden einfach nicht mehr gebraucht. Die Zukunft liegt schon lange beim Handy. „Und bei Multimediastationen, die in großen Städten schon die normalen öffentlichen Telefone ersetzt haben“, fügt Udo Harbers hinzu. Internet, kostenlose Fahrplanauskunft und sogar eine Webcam sind an diesen Terminals für jeden zugänglich.

Das Dumme ist nur: sollte eine dieser Stationen in die Luft fliegen, wird die Reparatur noch wesentlich teurer als die einer Telefonzelle des alten Typs.