Indianer-Museum in Bretten Der „weiße Indianer“ aus dem Kraichgau

Von Volker Knopf 

Ein 63-jähriger Deutscher betreibt das Indianer-Museum in Bretten. Von seinem nahezu lexikalischen Wissen über die „Native Americans“ profitieren Schulklassen.

Thomas Merbt kennt sich mit Indianern aus. Foto: Knopf
Thomas Merbt kennt sich mit Indianern aus. Foto: Knopf

Bretten - Thomas Merbt ist die Begeisterung anzumerken, wenn er durch sein Museum schreitet. „Das hier ist einer der ältesten Gegenstände, den man aus New York kennt. Und zwar aus Manahatta. So nannten die Indianer den Ort, der später von den Weißen Manhattan genannt wurde. Es ist eine Pfeilspitze, und die ist etwa 3500 Jahre alt“, sagt der 63-Jährige und bewegt sich im Laufschritt zum nächsten Unikat. Seit etlichen Jahren betreibt er sein „Indianer-Museum“ in Bretten im nördlichen Landkreis Karlsruhe. Besonders stolz ist er darauf, dass pro Jahr rund 300 Schulklassen das liebevoll eingerichtete Museum besuchen, das sich akribisch der Kultur der „Native Americans“ widmet.

Aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Hessen kommen die Schüler und erhalten Informationen quasi aus „erster Hand“. Thomas Merbt ist nämlich Stammesmitglied der Creek-Indianer, schnell hat er einen Ausweis zur Hand, der dies belegt. Aus Freundschaft nahmen die „First Nations“ ihn einst in ihren Kreis auf. Missverständnisse möchte der Wahl-Badener ausräumen. Er sieht sich als Botschafter der ersten Einwohner Nordamerikas. „Oft ist beispielsweise von den Sioux die Rede. Das ist ein französischer Begriff, der meist falsch ausgesprochen wird und zudem den Kern nicht trifft. Es handelt sich dabei nämlich in der Regel um Lakota- oder Dakota-Indianer.“

Mehr als 3000 Utensilien hat er in dem Museum im Kraichgau ausgestellt. Von Mokassins über Tomahawks, holländisches Porzellan, das die ersten Siedler nach New Amsterdam (so hieß New York zunächst) mitbrachten und mit den Indianern tauschten, Trommel, Tipi oder Amulette. Alles Originalstücke – darauf legt der Museumsbetreiber Wert. Die meisten von ihnen erhielt er auf ziemlich kuriose Weise. Viele Jahre war Merbt Rettungstaucher im Landkreis Ludwigsburg. Aus den Seen in Baden-Württemberg holte er in seiner Freizeit allerhand Devotionalien aus dem Zweiten Weltkrieg herauf. Dolche mit NS-Emblem, Stahlhelme, verrostete Waffen. Die tauschte er mit Soldaten der hier stationierten US-Army, die ihm wiederum Stücke authentischer Indianer-Kultur vermachten. Durch seine Kontakte in die USA erhielt er viele Objekte, manches über indianische Pfandhäuser.

Stammesführer sind im Kraichgau zu Besuch

Und er erwähnt gern, dass immer mal wieder Stammesführer im Kraichgau zu Besuch sind. Erst vor wenigen Wochen war Dennis Banks, Gründer des American Indian Movement, sein Gast. „Er meinte, meine Sammlung hier wäre größer als die des Staatsmuseum in Washington. Solch ein Lob freut mich natürlich“, meint der „weiße Indianer“, der ursprünglich aus Leipzig stammt. Und im Sommer will ihn der Ur-Enkel von Sitting Bull besuchen.

Wo seine Begeisterung herrührt? „Mit Sicherheit nicht von Karl May“, sagt er, „seine Bücher durfte ich als Kind gar nicht lesen“. Als Halbwüchsiger war er oft Besucher des Völkerkunde-Museums in Leipzig. Bei der Abteilung über die Indianer blieb er hängen. „Das hat mich einfach fasziniert. Wie die aus einfachsten Dingen Werkzeug hergestellt haben und wie sie in der Natur zurechtkamen. Ich fand das großartig“, erzählt Werbt weiter.

Die Liebe zu dem indigenen Volk ging sogar so weit, dass er im Alter von 14 Jahren – die Familie war längst von Ost- nach Westdeutschland umgesiedelt – als Schiffsjunge anheuerte und Kurs auf die USA nahm. „Da rannte ich als kleiner Knirps durch New York und habe Indianer gesucht. Es war verrückt. Der Erste, den ich sah, lag besoffen vor einer Kneipe. Das war natürlich desillusionierend.“ Auch über diese Schattenseiten weiß er mittlerweile bestens Bescheid: „80 Prozent der in Reservaten lebenden Indianer haben keinen Job, viele zudem massive Alkoholprobleme“. Dieses Schicksal teilten sie mit anderen Völkern, die ihrer Kultur beraubt wurden. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines männlichen Indianers beträgt 48 Jahre.

Der Wahl-Badener hat in sein Museum viel Mühe, Zeit und Geld investiert, um der verloren gegangenen Kultur zu huldigen. Selbst die Modelle der Indianer in ihren Stammestrachten hat er selbst hergestellt. Am liebsten referiert der Museumsbetreiber mit dem nahezu lexikalischen Wissen über die ersten Bewohner Nordamerikas vor Schulklassen im Tipi. Und wenn er dann die Stammesgesänge der Indianer täuschend echt intoniert, dann sind ihm staunende Gesichter gewiss.

Die StZ porträtiert besondere Menschen in Baden-Württemberg

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