„Und ich schie-ße ei-ne Feu-er-werks-ra-ke-te in die Luft“, singt eine lakonische Stimme silbenbetont samt angedeutetem Chor im Hintergrund. Der Sänger im dazugehörigen Video steht mit dem Rücken zu den Zuschauenden, dreht sich um, blickt in die Kamera und vollendet die Strophe bitterernst mit den Worten: „aus mei-nem Arsch.“ Eine leiernde Balladenmusik setzt im Hintergrund ein, der Schlagzeug-Beat startet und mit ihm die Solokarriere von Future Franz, dem Sänger aus dem Video.
„Feuerwerk“ heißt diese erste Single, die der Wahl-Kornwestheimer Daniel Strohäcker unter dem Namen Future Franz im Jahr 2018 veröffentlicht hat. Heute ist Strohäcker als Indie-Musiker in der Szene deutschlandweit bekannt und bringt am 18. März sein zweites Album heraus. „Alleine vorm Computer“ soll es heißen und dort weitermachen, wo der Sänger angefangen hat: im Ironischen, Komischen, manchmal Vulgären und hier und da im Bedeutungsvollen.
This is Future Franz
Aber wer ist dieser Typ eigentlich, der schon für Maeckes und die Orsons gearbeitet hat? Wir treffen Strohäcker in seinem Studio in Kornwestheim, einem kleinen, gemütlichen Raum mit einem Schlagzeug, Gitarren, einem Klavier und einem Mischpult. An die Wand gelehnt steht ein Schild mit skurril gezeichnetem Comic-Kopf und den Worten „Heute Abend ist Party“ darauf. Strohäcker trägt weiße Sneaker und einen grauen Fischerhut. Der 36-Jährige wirkt leicht nervös, was auch kein Wunder ist, denn er steht im Mittelpunkt des Gesprächs. Und eigentlich fühle er sich nicht so wohl in der ersten Reihe, sagt der Sänger: „Mit Aufmerksamkeit kann ich nur schwer umgehen.“
Vor dem Start seiner Solokarriere arbeitete Strohhäcker eher im Hintergrund. Unter dem Namen Äh, Dings (nein, der Name hat keine tiefere Bedeutung) hat er unter anderem das Album „Tilt“ des Rappers Maeckes produziert und auch für die Orsons gearbeitet. Immer im Schatten der Großen – mittlerweile steht er selbst auf der Bühne.
Wie schreibt man deutsche Texte?
Aufgewachsen in Kornwestheim, tourte Strohäcker als Bassist mit Maeckes für Auftritte über die Grenzen Deutschlands hinweg. In Kornwestheim aber hat er sich niedergelassen, zusammen mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn. Das Familienpapa-Image will so gar nicht zu der skurrilen Musik passen, die Strohäcker unter seinem zweiten Künstlernamen Future Franz in die Welt hinaussingt. „Idiot“, „Frier’ mich ein“, „Nacktfoto“ oder „Computermann“ heißen die Songs, viele von ihnen sind gepaart mit Videos, die an Drogentrips erinnern. Strohäcker produziert sie selbst. Ohnehin ist Future Franz komplett selfmade. Alles, was er weiß, hat er sich selbst beigebracht – kein Musikstudium, kein Gesangsunterricht. „Ich habe ganz lang englische Songs für mich persönlich geschrieben“, erzählt er. „Aber da habe ich nicht so meine Stimme gefunden.“ Nach einer Weile habe er es auf Deutsch probiert. Seinen Freund Maeckes fragte er: „Hey, wie schreibt man deutsche Texte?“
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Und, wie schreibt man deutsche Texte? „Ich lerne das gerade immer mehr“, sagt Strohäcker. „Bei den Musikern, die ich kenne, funktioniert es so: Es kommt einem eine Zeile zugeflogen, beim Kochen oder beim Duschen, und darauf baut man auf.“ Ist dieser Grundstein gelegt, kommt die Future-Franz-spezifische Formel dazu. Wie die lautet? „Gute Frage“, meint Strohäcker und überlegt eine Weile. „Eigentlich muss immer ein Gag drin sein. Wenn ich mich selber zum Lachen bringe, dann kann es ein Future-Franz-Song sein“, sagt er. „Und wenn ich es dann anderen Leute zeige und die lachen auch, dann passt es.“
Mehr als Blödsinn
So vulgär und blödsinnig einige Songzeilen von Future Franz sind, ihn als reinen Blödel-Musiker abzutun würde ihm nicht gerecht. Viele seiner Texte sind durchzogen von Melancholie und regen in ihrer bewusst gewählten Einfachheit zum Nachdenken an. „Ich steuer’ blind durch das Leben. Das ist kein Problem, ich hab die Schachtel immer dabei. Warum ist es mir egal, dass ich daran verreck’? Bin ich dumm oder selbstzerstörerisch?“, singt er etwa in seinem mit Abstand bekanntesten Lied „Raucher“. Auf Spotify wurde es seit dem Release 2019 bereits mehr als 700 000-mal gestreamt.
„Raucher“ hätte damit der perfekte Beginn einer größeren Future-Franz-Karriere werden können. Dann kam Corona. Geplante Auftritte, etwa bei dem „Melt!“-Festival in Sachsen-Anhalt und anderen größeren Veranstaltungen, wurden abgesagt. „Das war schon ein krasser Dämpfer“, sagt Strohäcker. „Alles hat mehr oder weniger stagniert. Ohne Corona wäre man natürlich viel weiter.“ Weil die Musik von Future Franz so besonders ist, dürfte ihm seine Kernanhängerschaft allerdings treu bleiben.
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Dabei liegt Strohäckers Popularität beileibe nicht darin, dass er eine sonore, wohlklingende Stimme hätte. Die hat er nämlich nicht. Trotzdem ziehen seine Songs in den Bann, man will wissen, auf welche Ideen der Musiker wohl in der nächsten Zeile, im nächsten Song kommt. Es ist charakteristisch für ihn, dass seine Strophen amateurhaft wirken, aber gleichzeitig durchblicken lassen: Das soll genau so sein, ist authentisch – und sollte nicht immer überinterpretiert werden. „Sorry, aber wie kann man denn so was nur produzieren? Wo bleibt der Sinn?“, fragt ein Nutzer unter einem von Future Franz’ Songs auf Youtube. Die Antwort liefert ein User gleich darunter: „Blödsinn ist auch ein Sinn.“
Der Künstler Future Franz
Leben
Daniel Strohäcker ist in Kornwestheim geboren und aufgewachsen, ging auf das örtliche Gymnasium und später auf die Kunstakademie in Stuttgart. 14 Semester studierte er dort Kommunikationsdesign. Schon früh in seiner Kindheit interessierte er sich für Musik, spielte in Bands. Größere Bekanntheit, vor allem im Raum Stuttgart, erlangte er als Teil der Band Early Cascade. Seit seinem Studium arbeitet er freiberuflich als Grafiker, Musiker und Musikproduzent.
Neues Album
Am 18. 3. erscheint das neue Future-Franz-Album „Alleine vorm Computer“. Der Sänger selbst bezeichnet es als „Spielerei“. Gleichzeitig sollen die Lieder gewohnt witzig und melancholisch sein. Das Gefühl: isoliert und trotzdem mit dem Internet verbunden.