Indien kämpft gegen den Plastikmüll In Mumbai gehen die Tütenfahnder um

Von Chaitanya Marpakwar 

Die 18-Millionen-Metropole Mumbai bestraft den Besitz von Plastiktüten. Damit will man die Müllberge in der Stadt verkleinern. Die Kritik an dem Vorhaben ist aber heftig.

Monsun in Mumbai – dagegen hilft wirklich nur noch Plastik. Foto: AP
Monsun in Mumbai – dagegen hilft wirklich nur noch Plastik. Foto: AP

Mumbai - Reisende mit dem Ziel ins indische Mumbai sollten lieber keine Plastiktüten bei sich tragen. Denn wer damit ertappt wird, dem drohen Strafen vom Bußgeld bis zur Gefängnishaft. Der indische Bundesstaat Maharashtra hat Ende Juni Ernst gemacht und ein strenges Verbot der Einkaufstüten erlassen. Seit Inkraftreten der Verordnung sind bereits Tausende von Plastiksündern bestraft worden. Inspektoren der Ordnungsbehörden beschlagnahmten 1507 Kilo Plastik und verhängten Bußgelder in Höhe von umgerechnet einigen Zehntausend Euro.

Mit dem Verbot ist die 18-Millionen-Stadt Mumbai die erste Großstadt in Indien, die energisch gegen die Plastikflut vorgeht. Die Tüten-Inspektoren sind in dunkelblauen Uniformen gekleidet, sie sind überall in der Stadt auf Posten und stoppen Geschäftsleute, Passanten oder Einkäufer, die noch Plastiktüten benutzen. Die erste Kontrollwelle richtet sich aber vor allem gegen Läden, die Plastiktüten anbieten. Selbst gegen Firmen wie McDonald’s und Starbucks wurden Strafen verhängt. Der Strafkatalog ist drastisch, er reicht von 5000 Rupien (umgerechnet 62 Euro) für „Ersttäter“ bis hin zu drei Monaten Haft bei wiederholtem Tütengebrauch.

Der Metger wickelt das Fleisch jetzt in Zeitungen ein

„Das ist eine gute Sache für den Umweltschutz, aber für uns ein großes Problem“, sagt Maheshwar Pujari, ein Taxifahrer in Mumbai. „Wie sollen wir Lebensmittel einkaufen? Das Verbot trifft wieder mal nur die armen Leute.“ Gerade jetzt in der Regenzeit seien die Tüten unverzichtbar. Wie solle er sein Mittagessen transportieren und feuchtes Gemüse oder ein Huhn in einer Papiertüte transportieren?

Pujari erzählt, dass er jetzt mit einer Stofftüte unterwegs sei. Der Metzger in seiner Straße wickle das Lammfleisch neuerdings in alte Zeitungen ein – bei Starkregen ein Problem. Von Geschäftsleuten und ­Ladenbesitzern liegen bereits Beschwerden über die Inspektoren vor. Diese würden die allgemeine Verunsicherung über das Verbot ausnutzen, um von ihnen Geld zu ­erpressen.

Doch Mumbai bleibt hart und hat auch den Plastikflaschen den Kampf angesagt. Dutzende von Recylingautomaten sollten aufgestellt werden, die nach dem Einwurf einen Bon herausgeben – aber man wartet noch auf sie. „Die Behörden hatten 100 Automaten versprochen, aber unsere Anträge auf Aufstellung der Geräte hängen in der Luft“, sagt Arvind Shah von der Firma Wild West Innovations, der Recylingautomaten auf öffentlichen Plätzen und vor Bahnhöfen aufstellen will. Ohne die Automaten werde es nicht vorangehen mit der Reduzierung der Plastikflaschen, fürchtet Arvind Shah.

Die Kunden sind zornig

Der Einzel- und Großhandel in Mumbai droht mittlerweile mit Streiks, sollte die Regierung auf dem Plastiktütenverbot beharren – denn die Händler sehen sich dem Zorn der Kunden ausgesetzt. Die Gastronomie klagen ebenfalls. Niranjan Shetty, Vorsitzender des Hotel- und Restaurant-Verbandes, hält das Verbot zwar für sinnvoll. „Man hätte es aber nicht ausgerechnet in der Monsun-Zeit erlassen und Ausnahmen für bestimmte Händler erlauben sollen.“ Umweltexperten hätten sich ohnehin eine Konzentration auf die Wiederverwertung von Plastik gewünscht. Stalin D. Vanashakti, Direktor eines in Mumbai ansässigen Umweltverbandes, nennt das Tütenverbot aber grundsätzlich eine kühne Entscheidung. „Die Dinger müssen verschwinden. Es darf keine Ausnahmen geben. Aber es ist noch ein langer Kampf, und wir stehen noch am Anfang.“

Auch der Umweltaktivist Chinu Kwatra hält ein Verbot für überfällig: „Millionen von Tüten ersticken unsere Meere und verschmutzen unsere Strände – sie vernichten die Artenvielfalt.“ An jedem Wochenende versuche man, die Strände am Indischen Ozean zu säubern. „Doch kurz darauf sehen wir wieder den ganzen Plastikmüll im Meer“, klagt Kwatra.

Dabei ist Indien eigentlich ein Zwerg beim Plastikverbrauch im globalen Vergleich. Im Durchschnitt werden in Indien elf Kilo Plastik pro Kopf und Jahr verbraucht, in den USA sind es 109 Kilo. Dennoch: Täglich fallen in Mumbai 500 Kubikmeter Plastikmüll an.