Indische Musik in Sindelfingen Bollywood auf dem Goldberg
An Wochenenden verwandeln sich Maschinenbauingenieure und IT-Experten in Musiker und jodeln zu indischen Klängen
An Wochenenden verwandeln sich Maschinenbauingenieure und IT-Experten in Musiker und jodeln zu indischen Klängen
Zaiee Kale war Anfang 20, als sie vor einer wegweisenden Entscheidung stand. Sie studierte damals in ihrer Heimatstadt im indischen Pune Elektrotechnik. Parallel dazu absolvierte sie ein Studium im klassischen indischen Gesang. Nun fielen unglücklicherweise beide Bachelorprüfungen auf denselben Tag. „Zu welcher Prüfung soll ich gehen?“, fragte sich die junge Frau. Ihre Leidenschaft gehörte der Musik, ihr Verstand jedoch sagte: „Davon kannst du nicht leben.“ Ihr Vater ließ erst gar keine Diskussionen aufkommen. Sie legte die Bachelorprüfung in Elektrotechnik ab.
Ein Vierteljahrhundert später sitzt Zaiee Kale, mittlerweile Mitte 40, in ihrer Sindelfinger Wohnung und sagt: „Ich bin meinem Vater dankbar für diese Entscheidung.“ Ermöglicht ihr doch ihr Studienabschluss eine gut bezahlte Tätigkeit bei dem Böblinger Engineering-Unternehmen Da Vinci. Seit 18 Jahren arbeitet die Ingenieurin dort und ist sehr zufrieden in ihrem Job. Ihre Leidenschaft jedoch gehört weiterhin der Musik: „Singen ist mein Leben. Ich singe praktisch den ganzen Tag. Wenn ich morgens aufstehe, auf dem Weg zur Arbeit, beim Kochen.“
Ihr großes Glück: Auch ihr Ehemann Milind Patwardhan, Maschinenbauingenieur beim Böblinger Unternehmen Piterion, teilt ihre Leidenschaft. Er singt nicht nur, sondern spielt auch diverse Instrumente wie Gitarre und Harmonium. Gemeinsam pflegt das Ehepaar seine Passion: Mit anderen in der Region Stuttgart lebenden Indern haben sie die Band Naadbharat – übersetzt „Indische Klänge“ – gegründet. Ein- bis zweimal im Monat treffen sich die Musiker im Eigenheim der Familie Patwardhan/Kale auf dem Sindelfinger Goldberg. Ihr großzügiges Wohnzimmer dient als Probenraum.
Die Zusammensetzung der Band ist wechselnd. Etwa zehn Musiker und zwei bis drei Sängerinnen gehören zum Kreis. Die meisten leben schon lange in der Region Stuttgart, fast alle Musiker sind Ingenieure oder IT-ler, arbeiten bei angesehenen Firmen der Automobilbranche in der Umgebung. Zwischen Mitte 20 und Anfang 50 sind sie und zumeist bestens integriert in Deutschland, so wie Milind Patwardhan und seine Frau, die seit mehr als zehn Jahren deutsche Staatsbürger sind.
Die Treffen werden zumeist kurzfristig organisiert. Zu den Proben kommt, wer Zeit und Lust hat. An diesem Frühlingssamstag sind sie zu fünft im Wohnzimmer: Neben den Gastgebern sind Gautam Changel Subramanyan Potty mit seinem Trommelinstrument Mridangam, der Flötist Anurag Joshi sowie der Tabla-Spieler Chaitanya Gosavi zur Jam -Session gekommen.
Chaitanya Gosavi erzählt eine ganz ähnliche Geschichte wie Zaiee Kale. „Mein Vater war Berufsmusiker, hat beim Rundfunk gearbeitet. Und es war auch mein großer Traum Tabla-Spieler zu werden.“ Doch die Berufsaussichten für professionelle Künstler seien heute auch in Indien schlecht, und Gosavi entschied sich, Maschinenbau zu studieren. Den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdient der zweifache Vater als Ingenieur bei Bosch in Reutlingen, wo er mit seiner Familie auch lebt. Doch wann immer er kann, trommelt er. Das gehe so weit, dass er im Büro unbewusst mit seinen Fingern auf den Schreibtisch klopfe. „Mein Chef ist genervt davon.“ Doch der Ingenieur hat den Rhythmus eben in den Händen.
Anlass für die heutige Session ist bevorstehender Auftritt. Zehn bis 15 Gigs hat die Band im Jahr, zumeist bei indischen Festen oder bei interkulturellen Festivals, etwa bei Veranstaltungen des Stuttgarter Forums der Kulturen. Mehrere hundert Zuhörer sitzen dann im Publikum. Der nächste Auftritt jedoch wird eher vor kleinem Publikum stattfinden. Ein indisch-bengalischer Kulturverein hat das Alte Rathaus in Heumaden gemietet. Dort ist nur wenig Platz. Trotzdem wollen die Musiker einen perfekten Auftritt hinlegen. Geplant ist ein einstündiges Programm mit traditioneller indischer Musik sowie mit populären Songs aus Bollywoodfilmen.
Fast alle Musiker mit Ausnahme von Gautam stammen aus Nordindien. Sie sprechen unterschiedliche Muttersprachen: Marathi und Malayalam. Ihre gemeinsame Sprache bei den Proben ist Englisch und ein wenig Deutsch. Ihre Songs singen sie in Hindi. Die Musik kommt aus ganz Indien. Der Schwerpunkt aber liegt auf Ragas aus dem Norden. Ein Raga ist kein feststehender Song, sondern eine Melodienfolge mit festgelegten Tönen, mit denen die Musiker spontan improvisieren. Deshalb klingt ein Lied niemals ganz gleich. Trotzdem gibt es feste Regeln, an die sich die Musiker zu halten haben. Nur die vorgegebenen Töne dürfen benutzt werden.
Für Variationen gibt es zudem den Tala – den Rhythmuszyklus, der zuvor bestimmt wird. Jeder Raga kann in verschiedenen Rhythmen gespielt werden. „Ein Raga vermittelt eine bestimmte Stimmung, eine Emotion“, erklärt Zaiee Kale. „Es gibt fröhliche Ragas und traurige, für jede Situation eine andere.“ Die Sängerin stimmt eine fröhliche Tonfolge an. Bei diesem Raga ist sie die führende Stimme. Doch ähnlich wie im Jazz wechselt das. Mal führt der Flötist, mal die Vokalstimme oder auch der Tabla-Spieler.
Besonders eindrucksvoll ist das Flötenspiel. Gleich acht Flöten in verschiedenen Größen hat Anurag Joshi dabei. „Je größer die Flöte, desto dunkler der Ton“, sagt er. Anders als westliche Flöten verfügen die Bambusinstrumente nur über sechs bis sieben Löcher. Der Klang der Bansuri ist sanfter als der von westlichen Instrumenten.
Drei Wochen später, ein Samstag: Der kleine Vereinsraum im Alten Rathaus von Heumaden ist voll. Der deutsche, bengalische und indische Verein (DeBi) hat eingeladen und den historischen Rathaussaal mit bunten Girlanden und Lichterketten in Klein-Bollywood verwandelt. „Ziel unseres Vereins ist die Pflege der indischen und bengalischen Kultur“, sagt Abhishek Banarjee, der Vorstandsvorsitzende. Der Schwerpunkt liege dabei auf der Musik. Der heutige Hauptakt gehört Naadbharat. Zu viert tritt die Band heute auf: Milind Patwardhan spielt Gitarre und singt, Zaiee Kale ist die Hauptsängerin, Gautam Changel spielt die Tabla, und auch Anurag Joshi ist mit seiner Flöte dabei. Alle vier tragen das traditionelle Gewand Kurta in Blau oder in Rot. Milind Patwardhan hat darüber eine bestickte weiße Weste gezogen, seine Frau sich ein weinrotes Tuch mit goldenen Verzierungen umgelegt.
Die Mitglieder von Naadbharat sind voll integriert in Deutschland. Das Sindelfinger Eigenheim der Familie Patwardhan/Kale unterscheidet sich nicht von den Häusern in der Nachbarschaft: eine Sofalandschaft, Esstisch, moderne Küche. Lediglich das Namensschild an der Eingangstür mit einem sehr dezenten Symbol der Gottheit Ganesha verrät Eingeweihten etwas über den kulturellen Background der Bewohner.
Im Dezember hängt Zaiee Kale leuchtende Weihnachtssterne auf, und ihre Tochter Sawani stimmt, wenn sie über die Feiertage vom Studium an der Universität Tübingen kommt, alle deutschen Weihnachtslieder an, die sie einst in der Schule gelernt hat. Nicht nur die Tochter, auch beide Eltern, sprechen fließend Deutsch.
Und doch gibt es hin und wieder diese indischen Momente im schwäbischen Alltag: Dann schlüpfen sie in traditionelle Gewänder und entschweben mit ihrer Musik nach Indien und in ihre Vergangenheit. „Die Musik ist ein Stück Heimat für uns“, sagt Milind Patwardhan. „Aber auch etwas, mit dem wir die deutsche Kultur bereichern wollen.“ Er ist überzeugt davon, dass Integration nicht einseitig ist und die Zugewanderten auch einiges zu bieten haben.
Zaiee Kale hat das schon mehrfach bewiesen. Beim Sindelfinger Stadtjubiläum 2013 sang sie im Musical Sirenen der Heimat, inszeniert von Adrian Werum, dem Leiter des Orchesters der Kulturen, ein Solo. Tochter Sawani, damals acht Jahre alt, spielte in der Kindergruppe mit. Mitgewirkt hat Zaiee Kale auch am interkulturellen Projekt Sindelfinger Märchenbuch und ein indisches Märchen sowie das Rezept für Samosa beigesteuert.
Die Vermittlung der indischen Kultur an ihre Tochter war den Eltern wichtig. Klassischen indischen Tanz hat die heute 20-Jährige gelernt und dafür sogar eine Prüfung abgelegt. Mutter Zaiee Kale organisiert seither regelmäßig Prüfungen in ihrem Haus. Indische Mädchen aus der ganzen Region können dort bei einer zertifizierten Prüferin, die Zaiee Kale einlädt, eine in Indien anerkannte Tanzprüfung ablegen.
Doch zurück nach Heumaden. Dort beginnt am Nachmittag das Konzert. Los geht es mit einem traditionellen Raga, ein zweiter folgt. Dann wird die Musik populärer. Songs aus bekannten Bollywoodfilmen stimmt die Band an. Die überwiegend indischen Zuschauer klatschen und singen laut mit.
Wie wandelbar die indische Musik ist, zeigt der Song „Jhummroo“ aus dem gleichnamigen Bollywoodfilm von 1961. Milind Patwardhan jodelt wie der Schöpfer des Lieds Kishore Kumar, eine Musiker- und Sängerlegende in Indien. Als deutscher Zuhörer wähnt man sich fast in den Alpen. Dieser Mix von traditionellen und westlichen Elementen zeichne die Bollywood-Musik aus, sagt Milind Patwardhan.
In der Pause servieren die Vereinsmitglieder Chai karak und Samosa – gewürzten Tee und scharfe Teigtaschen. Dann geht das Konzert als Workshop weiter. Milind Patwardhan erklärt dem Publikum Tonfolgen und Improvisationen. Ein Raga nach dem anderen spielt die Band. Und das Publikum kann nicht genug davon bekommen. Für einen Abend liegt Heumaden in Indien.
Am Montag verwandeln sich die leidenschaftlichen Musiker dann wieder in rational gesteuerte Ingenieure. Sie tauschen die indische Kurta gegen bürotaugliche Kleidung. Getrommelt wird dann höchstens noch heimlich auf den Schreibtisch. Und Zaiee Kale singt nur noch auf dem Weg zur Arbeit.