Indisches Filmfestival Stuttgart Bollywood-Dreh in Remseck – „Sein Traum ist unser Traum“

René Lazar wird bei seinem Videodreh von Freunden unterstützt. Foto: Simon Granville

René Lazar spielt ein Musikvideo aus einem Bollywood-Film nach, das im Juli auf dem Indischen Filmfestival gezeigt wird. Bei dem Nachtdreh wird er nicht nur von Freunden und Familie unterstützt, auch Komparsen aus der Region sind dabei.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

In einem Industrieviertel abseits des Neckars putzt ein junger Mann mit Hingabe seinen Fiat 500. Ansonsten ist kaum etwas los an diesem Samstagabend. Es ist 21 Uhr. Während der Himmel immer dunkler wird, tanzen im Innenhof einer Schreinerei unter einem Netz aus blau-weißen Lichterketten fünf Männer auf zwei Kameras zu. Im Hintergrund stehen knapp 30 Menschen im Halbkreis um die Gruppe herum, klatschen und bewegen sich im Takt zur Musik.

 

René Lazar hat es mit seiner Bollywood-Leidenschaft in dieser Nacht geschafft, die unterschiedlichsten Menschen nach Remseck zu holen. Die einen sind hier, um ihm einen Freundschaftsdienst zu erweisen, die anderen hat eine Anzeige in der Zeitung neugierig gemacht: Komparsen für Dreh eines Bollywood-Covers gesucht.

René Lazar beginnt als Kind, Videos nachzuspielen

René Lazar ist 27, sein „ungewöhnliches und aufwendiges Hobby“, wie er selbst sagt, ist das Nachspielen von Musikvideos von seinem Lieblingsschauspieler Shah Rukh Khan. Sein neuestes Video wird zwischen dem 17. und 21. Juli beim indischen Filmfestivals in Stuttgart gezeigt. Es ist das größtes Projekt in René Lazars Karriere, die früh begann.

Mit neun Jahren bringt seine Mutter einen Bollywood-Film nach Hause. Das Wort Bollywood setzt sich aus Bombay und Hollywood zusammen und steht für die kommerzielle Hindi-Filmindustrie. Zuerst sind ihr Mann und ihre beiden Söhne skeptisch, später begeistert. Es dauert keine Woche, bis Renés Vater Branko alle Bollywood Filme ausleiht, die er finden kann. Immer häufiger spielt René Lazar Szenen aus Videos von Shah Rukh Khan nach. Sein Vater beginnt, ihn dabei zu filmen, und lädt die Videos im Internet hoch. „Irgendwann wurde das ganze professioneller. Auf einmal gab es Leute, denen das gefallen hat“, erzählt René Lazar. Die heutigen Videos entstehen meistens im Großraum Stuttgart, unter den Zuschauern sind viele Menschen aus Indien. Sein meistgeklicktes Video auf Youtube hat 653 000 Aufrufe.

Auch Komparsen aus der Region dabei

René Lazar und seine vier Freunde wiederholen in dieser Nacht alle Szenen mehrmals, bis jeder Tanzschritt sitzt. Zwischen den Aufnahmen beugen sich René und sein Vater Branko, der mit einem alten Nachbar von René filmt, kritisch über die Aufnahmen und ein Handy, auf dem zum Abgleich das Original-Video läuft. René Lazars Mimik ist angespannt. Zu seinem Perfektionismus kommt heute der Druck hinzu, das Video in einer Nacht abgedreht zu haben. Um 7 Uhr morgens soll alles im Kasten sein. Es ist sein erstes Video mit so vielen Komparsen, sein erstes Video, in dem er tanzt. Wenn es in der Nacht regnen soll wie angekündigt, bleibt ihm nichts anderes übrig als abzubrechen. Im Hintergrund unterhalten sich die Komparsen miteinander. Uwe Meißner kennt das Prozedere: Stundenlanges Drehen, um als Komparse später wenige Sekunden im Bild zu sein. Doch das Schauspielern hat den Sachbearbeiter aus Neckarweihingen schon immer interessiert. Der 52-Jährige hat bereits bei der Serie „Soko Stuttgart“ mitgespielt, demnächst kommt ein Film über den Tanzregisseur John Cranko heraus, in dem er eine Komparsen-Rolle übernommen hat.

Neben ihm stehen Marion Bätzner und ihr Sohn Felix aus Steinheim. Für sie ist es die erste Komparsen-Rolle, von dem Dreh haben sie, wie viele an diesem Abend, aus der Zeitung erfahren. Iris König aus Marbach hat den Dreh einem „langweiligen Samstagabend“ vorgezogen. Alle vier haben mit Bollywood-Filmen bisher keine Berührungspunkte gehabt. Anders Isabel Achilike. Die Mannheimerin folgt René Lazar seit mehr als fünf Jahren auf Social-Media und ist mit Bollywood-Filmen aufgewachsen.

Zwischendurch gleichen Stefan Paul, René Lazar und sein Vater Branko Lazar (von links) die Aufnahmen mit dem Original-Video ab. Foto: Simon Granville

Uwe Meißner aus Neckweihingen, Iris König aus Marbach und Felix und Marion Bätzner aus Steinheim (von links) haben aus der Zeitung von dem Dreh erfahren und sich als Komparsen gemeldet. Foto: Simon Granville

Was ist es, das Bollywood so besonders für René Lazar macht? „Bollywood nimmt sich Zeit für jedes Detail“, beschreibt er. In den westlichen Filmen würden viele Szenen zusammengefasst, aber im realen Leben gehe es häufig um die Kleinigkeiten, das werde bewusst ausgekostet. „Das Augenspiel der Schauspieler in Bollywood-Filmen ist auch sehr auffällig“, fügt Lazar hinzu. Ein Grund, warum ihn Shah Rukh Kahn so begeistert. Zuhause hat er rund 250 Bollywood-Filme, darunter jeden Film seines indischen Vorbilds. Der 27-Jährige arbeitet als Industriekaufmann und bewirbt sich in seiner Freizeit auch auf Kurzfilme, die nichts mit Bollywood zu tun haben.

Seine Vorliebe für Bollywood teilt keiner seiner vier Freunde, die in dieser Nacht an seiner Seite tanzen und mit ihm seit November in der Schreinerei proben. „Sein Traum ist unser Traum“, sagt Michael Hörger. Auch René Lazars Bruder ist längst nicht mehr so begeistert von den Filmen wie als Kind. „So langsam kommt es aber wieder“, sagt er. Er sei häufig Renés größter Kritiker und schaue genau darauf, ob das Video dem Original tatsächlich gleiche.

Isabel Achilike (rechts) und ihre Schwestern sind extra aus Heilbronn und Mannheim angereist. Foto: Simon Granville

Ein paar Meter weiter sitzt Elif Karaman auf einem Stuhl, auf ihrem Schoß liegt eine Wärmflasche. Die Tänzerin aus Nordrhein-Westfalen hat erst später in der Nacht ihren Auftritt. Seit 2014 tanzt sie professionell und wird neben ihrem Job als Sprachlehrerin für Auftritte gebucht. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Mutter Reyhan. „Als Kind war ich fasziniert von den Frauen in Kleidern, ihrem Schmuck und ihrer Gestik“, beschreibt Elif Karaman ihre Begeisterung für Old Bollywood, traditionelle Hindi-Filme, in denen viel getanzt und gesungen wird.

Kurz vor fünf Uhr morgens beginnt es schließlich doch noch zu regnen. Als die Sonne aufgeht, fehlen noch wenige Szenen, die am nächsten Abend in der Dunkelheit gedreht werden. „Ich bin sehr glücklich, dass ich all diese Menschen zusammenbringen konnte“, sagt René Lazar danach müde. Jetzt geht es ans Schneiden, auch das macht er selbst.

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