„Indien hat viele sehr unterschiedliche Bundesstaaten und mindestens 20 Sprachen“, sagt sie in der Bar des Hotels in Stuttgart-Mitte, in dem sie diesmal abgestiegen ist. „Wir ziehen uns unterschiedlich an, wir sehen unterschiedlich aus, wir essen unterschiedliche Dinge, die Bräuche können sich stark unterscheiden, die Vielfalt ist enorm. Wir wissen oft selbst nicht, wie es in anderen Landesteilen zugeht, deshalb mag ich künstlerisches, regionales Kino auch aus kleinen Orten. Das Kino bringt uns die unterschiedlichen Kulturen nahe. Für die meisten Inder ist das meiste genauso neu wie für Europäer.“
Das indische Kino hat sich verändert
Dass sie überhaupt nach Stuttgart kommt, liegt daran, dass sie in der Partnerstadt Mumbai lebt. „Stuttgart hat bei uns das Weindorf veranstaltet“, erinnert sie sich. „Als es dann darum ging, was wir im Gegenzug nach Stuttgart bringen können, war klar: ein Filmfestival!“ So kam es zur Premiere im Jahr 2004.
Allerdings ist das indische Kino heute nicht mehr dasselbe wie damals. „Die größte Veränderung ist, dass Bollywood die Filmszene nicht mehr beherrscht“, sagt die zierliche Frau. „Vor 20 Jahren musste ein Film einen Star haben, ein großes Budget, eine Anmutung ‚larger than life‘. Jetzt gibt es mehr kleinere Filme über das reale Leben, reale Menschen und deren reale Probleme. Das sind häufig Frauenthemen: Eheprobleme, Scheidung, Witwendasein, Sexualität – über all das wurde bis vor wenigen Jahren kaum gesprochen, es waren Tabus. Das Kino hat das aufgebrochen.“
Uma da Cunha hat für Indira Ghandi gearbeitet
Bei diesem Festival läuft der Spielfilm „Mehrunisa“: Eine 80-jährige Schauspielerin möchte nach dem Tod ihres restriktiven Mannes noch einmal durchstarten. „Sie verbrennt ihr Bett, das für sie ein Symbol der Unterdrückung ist“, so die Kuratorin.
Uma da Cunha ist in Delhi aufgewachsen und hat dort ihr Studium abgeschlossen. Als das Ministerium für „Information and Broadcasting“ eine Abteilung für Filmfestivals einrichtete, wurde sie 1974 zu deren Leiterin berufen. „Ich hatte sehr viele Möglichkeiten, Dinge zu entwickeln, alle waren damals aufgeschlossen für die Filmkultur“, sagt sie. „Unsere Premierministerin war damals Indira Ghandi, sie hat das Kino geliebt und viele Filme angeschaut. Wenn ein Film prämiert wurde und gute Kritiken bekam, hat sie uns gebeten, ihn ihr in ihrem privaten Kino vorzuführen. Es war eine goldene Zeit für den indischen Film.“
Der Film hat in Indien nicht mehr den selben Stellenwert
Sie durfte mit sieben Filmen nach Frankreich reisen – und einen davon reservierte sich sofort das Filmfestival in Cannes, das Uma da Cunha regelmäßig besucht und bei dem sie auch schon Jurorin war. Einmal seien Filme für ein Festival in Mumbai, das damals noch Bombay hieß, vom Zoll festgehalten worden – „ich konnte den Minister abends um 21 Uhr anrufen und sagen: Ich brauche diese Filme! Und er hat dafür gesorgt, dass ich sie rechtzeitig bekommen habe. Das wäre heute undenkbar, es gibt so eine große Kluft zwischen Bürokratie und Kunst. Und es geht nur noch um Geld, das Kino wird nicht mehr ernst genommen.“
Über die tendenziell populistische Regierung des aktuellen Premierministers Narendra Modi, der nicht gerade für Offenheit bekannt ist, sagt Uma da Cunha nur diplomatisch: „Indien zu regieren ist keine leichte Aufgabe. Ich bin froh, dass wir als Nation zusammenhalten.“
Das Stuttgarter Festival ist ein besonderes
Deutlicher wird der Kameramann und Filmproduzent Paramvir Singh, die sie begleitet. „Wir werden wahrscheinlich bald nicht mehr so viele kritische Filme mit politisch sensiblen Themen sehen, fiktional wie dokumentarisch“, sagt er. „Filmzensur gab es immer, aber wenn die wollte, dass man Szenen herausschneidet, gab es ein Berufungsgericht. Das haben sie jetzt abgeschafft. Was die Zensoren sagen, gilt – auch wenn es unter Umständen den ganzen Film ruiniert.“
Uma Da Cunha hebt lieber positive Beispiele hervor. In „Jhund“ spielt der Filmstar Amitab Bachchan einen Fußballtrainer. „Er gewinnt Kids aus den Slums dafür, Fußball zu spielen anstatt kriminellen Aktivitäten nachzugehen“, sagt sie. An diesem Mittwoch bekommt sie nun im Neuen Schloss in Stuttgart die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen – für ihre Verdienste um den kulturellen Austausch. „Man muss nur lange genug leben, dann bekommt man eine Medaille“, meint sie und lacht. „Ich liebe das Stuttgarter Festival. Es ist nicht so groß und hat deswegen eine gewisse Intimität. Man begegnet sich, redet, schaut gemeinsam Filme an – und das ist es doch, was das Kino zu so einem besonderen Erlebnis macht.“
Uma da Cunha und das Indische Filmfestival
Kuratorin
Geboren in Delhi und schon lange sesshaft in Stuttgarts Partnerstadt Mumbai, begann Uma Da Cunha ihre Karriere 1974 beim Directorate of Film Festivals der indischen Regierung. Seit 1978 ist sie selbstständig und weltweit für Filmfestivals aktiv. Die Gründung der indischen Filmfestivals in London, Los Angeles und Stuttgart hat sie beratend betreut. Sie kuratiert Filmprogramme für Institutionen und Museen, gibt die Fachzeitschrift „On Global Screens“ (vormals „Film India Worldwide“) heraus, schreibt für andere Blätter und ist als Casting-Agent tätig. 2009 war sie in Cannes in der Jury für die Sektion Un Certain Regard.
Festival
Das 19. Indische Filmfestival Stuttgart findet von 20. bis 24. Juli in den Kinos Gloria und EM statt. Es zeigt Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme. Eröffnet wird es am 20. Juli um 19 Uhr im Gloria 2 mit „Shankar’s Fairies“, einem einfühlsamen Drama von Irfana Majumdar über das Kastensystem im Jahr 1962.