Individuelle Förderung Für jedes Schulkind ein eigener Plan

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Die zentrale Herausforderung des kommenden Schuljahrs ist die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes. Der Wille ist da – nicht nur an Gemeinschaftsschulen. Doch Anspruch und Wirklichkeit liegen noch weit auseinander.

Die Schulen sollen stärker auf die verschiedenen Begabungen der Kinder eingehen. Foto: dpa
Die Schulen sollen stärker auf die verschiedenen Begabungen der Kinder eingehen. Foto: dpa

Stuttgart - Individuelle Förderung ist Programm, zumindest an den neuen Gemeinschaftsschulen im Land. Sie haben sich das Zauberwort ebenso auf die Fahnen geschrieben wie generell den besseren Umgang mit unterschiedlichen Begabungen ihrer Schüler. Doch auch an den anderen Schularten geht die Leistungsfähigkeit der Schüler in einer Klasse weit auseinander. Seit Eltern frei die Schulart ihrer Kinder wählen können, hat die Heterogenität der Klassen zugenommen.

Michael Burgenmeister, Sprecher der nordwürttembergischen Gymnasialdirektoren, belegt das an seiner Schule. Am Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium schätzt er die Zahl der Kinder ohne Gymnasialempfehlung auf zehn Prozent. Das sei noch wenig im Vergleich zu den Gymnasien in den Großstädten und kein Vergleich zu den Realschulen. Nur 60 Prozent der Fünftklässler haben auch eine Empfehlung für diese Schulart, sagt eine Sprecherin des Kultusministers Andreas Stoch (SPD). 23 Prozent sind für die Werkrealschule empfohlen, 17 Prozent für das Gymnasium. Von den Anfängern an den Gymnasien hätten ein Prozent eine Empfehlung für die Werkrealschule. Die politische Antwort auf die immer buntere Schülerschar lautet: individuelle Förderung. Stoch bezeichnet die Weiterentwicklung innovativer pädagogischer Verfahren als eines seiner großen Anliegen. Er will die individuellen Lernprozesse im neuen Schuljahr ausgebaut wissen. Die theoretischen Grundlagen dafür sind gelegt. Die neue Zeit arbeitet mit neuen Begriffen. Jetzt geht es nicht mehr um Lernziele und Wissen, jetzt geht es um Kompetenzraster und „Lernen in Lernlandschaften“.

Früher gab es Lernziele, heute gibt es Kompetenzraster

Das Landesinstitut für Schulentwicklung hat pünktlich zum Schuljahresanfang erstmals für die fünften und sechsten Klassen schulartenübergreifende Kompetenzraster vorgelegt. „Das versetzt die Schüler in die Lage, selbstständiger zu arbeiten, und ermöglicht es den Lehrern, individueller zu fördern“, sagt Suzan Bacher, die Leiterin des Landesinstituts für Schulentwicklung.

Das geht so: die Kompetenzraster sehen sechs Niveaustufen vor. Diese reichen zum Beispiel beim Lesen von: „Ich kann sinngestaltend lesen“ (Stufe eins) bis zu „Ich kann mein Textverständnis belegen und mich mit anderen darüber verständigen“ (Stufe sechs). Dazu wird für jede Stufe eine Lernwegliste geliefert, die den Schüler Schritt für Schritt über definierte Lernetappen zum Ziel führt. Erst am Ende kommt der Lehrer ins Spiel, der überprüft und bestätigt, ob das Ziel erreicht ist. Die Kompetenzraster und Lernweglisten gibt es für alle Schularten in den Fächern, Deutsch, Englisch und Mathematik.

Noch weiter geht der nächste Bildungsplan, der in zwei Jahren in Kraft treten soll. „Er schafft die bildungsplanmäßige Grundlage für die individuelle Förderung und stellt die Abstimmung in den Kompetenzbereichen sicher“, erklärt Bacher. Jetzt geht der Plan für die Sekundarstufe eins in die Erprobungsphase. Umstritten war er von Anfang an, denn er differenziert nicht nach Schularten, sondern nach Abschlüssen. Nach erbittertem Protest der Gymnasiallehrer gibt es nun jedoch einen eigenen Plan für das achtjährige Gymnasium.

„Ein völlig anderes Arbeiten“

Die Pläne und Raster erfordern „ein völlig anderes Arbeiten“, betont Bacher, besonders bei der individuellen Förderung. Die Umstellung fällt nicht vom Himmel. Seit 2011 werden Fachberater für den Umgang mit Heterogenität ausgebildet, die dann regionale Fortbildungen zu den Komplexen „beobachten, beschreiben, bewerten, begleiten“ anbieten, lässt Kultusminister Stoch ausrichten. Tausende von Veranstaltungen habe es gegeben, so dass sich nicht so einfach sagen lasse, wie viele Lehrer teilgenommen hätten. Im Haushalt stehen 10,5 Millionen Euro für die Fortbildung zur Verfügung. Die GEW-Vorsitzende Doro Moritz verlangt eine Neukonzeption. Sie denkt an längerfristige Einheiten, die kontinuierlich berufsbegleitend angeboten werden: „Das wäre in der Wirkung nachhaltiger und für die einzelne Lehrkraft gewinnbringender.“

Doch vor allem fehlt es den Pädagogen an Zeit. Die Sitzenbleiberquote ist bereits gestiegen. Die CDU verlangt eine Fördergarantie für Fünft- und Sechstklässler. Dazu müssten die Realschulen beispielsweise Angebote im Ergänzungsbereich auf dem Niveau von 2011 machen können. Stoch hat den Gymnasien und Realschulen 80 Lehrerstellen zusätzlich für die individuelle Förderung genehmigt, das bedeutet 0,7 Wochenstunden. Gymnasien haben bereits elf Poolstunden zur freien Verfügung, Realschulen 1,5. So einfach sei das nicht, sagt jedoch der Gymnasialrektor Burgenmeister. Man könne nicht eben fünf Stunden für individuelle Förderung umwidmen. Die Zeit werde bereits für Profilangebote verwendet: „Wir können das nicht alles über den Haufen werfen.“ In Klassen von 30 Schülern sei zudem nicht gut individuell zu fördern. Auch räumlich ist man von kleinen Nischen zur Individualisierung weit entfernt. Im Moment fragt sich der Rektor vielmehr, „wie kriegen wir es hin, dass jede Klasse in jeder Stunde einen Raum hat“. Individualisierung, resümiert er, „ist der Politik ein Anliegen, aber sie hat die Ressourcen nicht bereitgestellt“.




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