Industrie 4.0 Wer jetzt noch schläft, hat fast verloren

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Auf einer von der Stuttgarter Zeitung gemeinsam mit der Unternehmensberatung Roland Berger veranstalteten Podiumsdiskussion mahnten Experten  kleinere und mittlere Firmen im Land dazu, ihre Geschäftsmodelle im Digitalzeitalter zu überdenken.

Von der Netzneutralität bis zur intelligenten Waschmaschine  bekamen 600 Zuhörer  in der Alten Reithalle den digitalen  Umbruch vielfältig präsentiert. Foto: Lichtgut/Zweygarth 11 Bilder
Von der Netzneutralität bis zur intelligenten Waschmaschine bekamen 600 Zuhörer in der Alten Reithalle den digitalen Umbruch vielfältig präsentiert. Foto: Lichtgut/Zweygarth

Stuttgart - Es ist Zeit für einen Weckruf, insbesondere im schwäbischen Mittelstand. Darin sind sich die Teilnehmer der von der Stuttgarter Zeitung und der Unternehmensberatung Roland Berger gemeinsam veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema „Industrie 4.0“ einig gewesen. Denn die digitale Revolution hat auch in der Welt der Produktion und der Maschinen längst begonnen. Dies gehe gerade die kleinen Firmen an, die sich im Gegensatz zu den großen noch nicht so betroffen fühlen, sagte der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger. Er nannte als Beispiel ein kleines Unternehmen mit siebzig Mitarbeitern auf der Schwäbischen Alb. „Der Chef mit 62 weiß nicht, wie man ,digital’ schreibt. Der denkt das macht in 20 Jahren der Enkel“, sagte er.

„Einfach abwarten und sich auf die Stärken der Vergangenheit verlassen, ist keine Alternative“, erwiderte Thomas Rinn, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger auf die Frage von StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs, ob das Stichwort „Industrie 4.0“ nur einer der Modeslogans sei, mit dem die IT-Branche die Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Es gebe im Mittelstand immer noch zu viele Entschuldigungen und zu wenig Aufbruch, sagte Rinn: „Nicht nur das 70-Mann-Unternehmen, sondern auch Firmen mit 300 oder 400 Millionen Euro Jahresumsatz tun sich mit dem Umdenken bei den Geschäftsmodellen extrem schwer.“ Es gehe nicht nur um die Technik, sondern auch um Visionen. „Hat man im Unternehmen die Menschen mit diesem Weitblick? Worin muss man investieren?“, fragte Rinn: „Das bereitet mir Sorge, wenn nicht Angst.“ Wenn jemand anderes schon den Sprung geschafft habe, sei es oft zu spät.

Industrie 4.0 ist letztlich als Begriff zu eng

Zu viel Provinzialismus sei aber auch bei der Debatte um die Industrie 4.0 riskant, sagte der Bosch-Chef Volkmar Denner: „Wir müssen uns hüten, das Ganze zu einem deutschen Thema zu machen. Industrie 4.0 ist ein deutscher Begriff, den es außerhalb von Deutschland so nicht gibt“. Dies sei nur ein Spezialfall des viel umfassenderen Internets der Dinge, das letztlich alle Lebensbereiche durchziehen werde: „Es gründet auf der Möglichkeit, dass Dinge ohne menschliches Zutun Daten autonom miteinander austauschen können.“ Wer nur von Digitalisierung spreche, der greife deshalb zu kurz, sagte Denner: „Die Digitalisierung ist seit vielen Jahrzehnten im Gang. Jede Waschmaschine hat eine digitale Steuerung – neu ist aber das Thema Vernetzung.“ Und in der vernetzten Welt gehe es um viel mehr als nur die Produkte.

„Je näher wir an die Industrie kommen, umso stärker sind die Europäer, je mehr wir uns in Richtung Dienstleistungen und hin zum Verbraucher bewegen, umso schwächer sind wir“, sagte EU-Kommissar Oettinger.: „Wir sollten uns aber bemühen, in der ganzen Wertschöpfungskette möglichst viel eigene Wertschöpfung zu haben.“ Es sei Aufgabe der europäischen Politik, dafür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen und europäische Standards etwa beim Datenschutz durchzusetzen, sagte Oettinger: „Der Deutsche neigt allerdings zu einem übertriebenen Datenschutz.“ In Wahrheit sei es doch so, dass viele Menschen bei der Nutzung des Internet bisher „Null Sensibilität beim Umgang mit ihren Daten“ an den Tag legten. Oettinger warnte vor der Erwartung, dass bei den Verhandlungen über einen digitalen europäischen Binnenmarkt exakt das deutsche Modell herauskommen könne. Er sieht bei der Debatte um die digitale Zukunft oft zu viel Ideologie am Werk: „Leider gibt es ein paar im Netz, die sehr talibanähnlich gegen alles sind, was angeblich die Gleichbehandlung aller Daten im Netz gefährdet. Die wollen die sozialistische Gesellschaft.“

Der Google-Deutschlandchef betont die Rechtstreue

Philipp Justus, der Deutschlandchef des US-Unternehmens Google, appellierte an die EU, die geplanten Regularien nicht mit Protektionismus zu verwechseln: „Man kann doch nicht behaupten, dass die Amerikaner mit Wildwestmentalität nach Europa kommen“, sagte er. Google halte sich akribisch an europäische Regeln, auch wenn dies etwa beim so genannten „Recht auf Vergessen“ bedeutet habe, hunderte von Mitarbeitern einzustellen, die sich nun um die Bewertung von Löschanfragen kümmern müssen. Justus hatte auch Tipps für das nötige Umdenken parat. Das digitale Thema betreffe alle Mitarbeiter, nicht nur die Spezialisten. Die amerikanischen IT-Firmen seien auch deshalb so erfolgreich, weil sie sich als Plattformanbieter sehen, an die sich Entwickler problemlos andocken könnten. Es brauche dabei nicht gleich perfekte Normen, wie man sie in Deutschland gleich wieder für die Industrie 4.0 festlegen wolle. „Man muss Schnittstellen definieren – aber nicht gleich über Gremienarbeit und mit 50 Unternehmen zusammen.“ Das US-Modell sei hemdsärmeliger und weniger planvoll, aber flexible Plattformen seien das Erfolgsgeheimnis der amerikanischen IT-Branche.