Aus den Warnsignalen der vergangenen Monate wird langsam aber sicher ein Notruf. Erst sorgte die Pandemie für Auftragsrückgänge bei den Industrieunternehmen der Region, dann folgten Probleme mit den Lieferketten. „Daraufhin landete der nächste schwarze Schwan auf unserem Tisch – der Ukraine-Krieg“, sagt Caspar Baumhauer, Geschäftsführer von ACPS Automotive, besser bekannt als Oris Anhängerkupplungen, ehemals aus Möglingen. „Ein profitables Wirtschaften wird immer schwieriger. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass Verlagerungen der Produktion stattfinden werden.“
Die Industrie im Speckgürtel Stuttgarts schlägt zwar schon länger Alarm, die Deutlichkeit, mit der auf der Pressekonferenz der Südwestmetall-Bezirksgruppe Ludwigsburg über Produktionsverlagerungen ins Ausland, zu hohe Löhne und überbordende Bürokratie gesprochen wurde, ist aber erstaunlich. Es ist ein klarer Fingerzeig in Richtung Politik und Gewerkschaften.
Mehr Unternehmen müssen auf Kurzarbeit zurückgreifen
Eine aktuelle Umfrage der Südwestmetall veranschaulicht die Verunsicherung in der Industrie. Mehr als 70 Prozent der Firmen gaben demnach an, dass sie im laufenden Jahr eine Verschlechterung ihrer Auftragseingänge im Vergleich zu 2023 erwarten. Die Investitionen ins Ausland steigen, für die Heimatstandorte wird derweil weniger Geld in die Hand genommen. 79 Prozent der Unternehmen gehen von einer schlechteren Entwicklung ihrer Produktion in Deutschland aus.
Obwohl man die Industriestandorte im Kreis Ludwigsburg natürlich sichern wolle, „die Produktion wird verstärkt abwandern, die Exporte werden zurückgehen“, prognostiziert Hanno Höhn, Geschäftsführer von Mann+Hummel und Vorstand der Südwestmetall im Bezirk Ludwigsburg. Dabei scheinen auch Insolvenzen nicht ausgeschlossen. In den vergangenen Monaten steige die Zahl der Metall- und Maschinenbauunternehmen im Kreis, die Kurzarbeit anmelden müssen, sagt Höhn. Die Belegschaften im Landkreis seien immer häufiger mit Verzichtsanträgen, Kurzarbeit und Insolvenzbedrohung konfrontiert, ist von der IG Metall zu hören.
Was also tun, um die Produktion vor Ort zu halten? Die zwei größten Herausforderungen sind laut der Südwestmetall-Umfrage die hohen Löhne und die Bürokratie. An diese zwei Punkte wollen die Arbeitgeber nun ran – das wurde auf der Pressekonferenz in Ludwigsburg deutlich.
„Wir haben festgestellt, dass in den vergangenen 10 bis 20 Jahren das Entgelt unserer Beschäftigten deutlich stärker angestiegen ist als die Inflation“, sagt Hanno Höhn. Die Lohnkosten im Südwesten seien deswegen höher als bei den meisten Mitbewerbern. Laut Südwestmetall seien vor allem die Lohnnebenkosten in Deutschland so hoch wie sonst nirgends.
Vorgeplänkel für Tarifverhandlungen
Für die Arbeitgeber ist ein hoher Tarifabschluss bei den Verhandlungen Ende des Jahres daher ausgeschlossen, Hanno Höhn verpackt das so: „Wir wollen die Arbeitskosten sinnvoll gestalten. Wir hoffen, dass die IG Metall erkennt, in welcher Lage wir sind.“ Die aktuelle Krise sei nicht auf hohe Lohnkosten zurückzuführen, das Problem liege dann schon eher in den Renditeerwartungen vieler Unternehmen, die sich „jenseits des betriebswirtschaftlichen break-even-points“ bewegen würden, entgegnet Susanne Thomas, IG Metall-Chefin für die Regionen Ludwigsburg und Waiblingen.
Der zweite Fokus der Arbeitgeber liegt auf der Abschaffung bürokratischer Hürden. Die Berichtspflichten zum Arbeitsschutz, Nachhaltigkeit und Informationssicherheit seien in kürzester Zeit von 5 auf 20 angestiegen, berichtet Caspar Baumhauer von Oris. Ähnlich sei es mit den Zertifizierungspflichten, Tendenz steigend. Seit 2018 habe er das Team, das sich um Nachweise wie diese kümmert, von 10 auf 20 Personen aufstocken müssen, sagt Baumhauer. „Es ist wie ein Mehltau, der sich über den Organisationen ausbreitet und die Innovation lähmt.“ Die gute Nachricht sei, dass die Politik das Problem der Bürokratie erkannt habe, jetzt komme es auf die Umsetzung an.
Mit sorgenvollem Blick schauen die Südwestmetall-Verantwortlichen nach China oder in die USA, wo mehr in Forschung und Innovation investiert wird. In Deutschland werde derweil vor allem reguliert, was dazu führe, dass „wir mittlerweile von der Geschwindigkeit um uns herum abgekoppelt sind“, sagt Höhn. Die düsteren Zukunftsaussichten sind mit Blick auf die Tarifauseinandersetzung Ende des Jahres teilweise taktischer Natur. Gleichzeitig wäre es fatal, die Alarmsignale der Arbeitgeber auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn der Wohlstand des Kreises hängt von der Industrie ab.
So wichtig ist die Industrie im Landkreis Ludwigsburg
Beschäftigungszahlen
Im Landkreis Ludwigsburg sind rund 58 600 Menschen im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt, das sind rund ein Viertel aller Beschäftigten. Die Zahl der Industriebeschäftigten ist seit 2007 um elf Prozent angewachsen. Das ist das zweitbeste Wachstum der Region Stuttgart und ein deutlich stärkeres Wachstum im Vergleich zu ganz Deutschland.
Strahlkraft
Die Bedeutung der Industrie für den Kreis geht jedoch über die reinen Beschäftigungszahlen hinaus. Andere Branchen wie die IT, Personaldienstleister, Beratungsunternehmen und Reinigungskräfte verlassen sich auf die Aufträge aus der Industrie. „Wir sind extrem vom Maschinenbau und der Automobilindustrie abhängig“, sagte Julian Pflugfelder, Präsident der IHK Ludwigsburg, Ende 2023.