Die Lage spitzt sich weiter zu. In den örtlichen Apotheken ist das Personal mittlerweile stundenlang mit der Suche nach Alternativen beschäftigt.

Acht Din-A4-Seiten. So lang ist Carsten Wagners Liste an diesem Tag. Rund 350 Medikamente stehen drauf, die allesamt nicht lieferbar sind. „Das sind Dinge, die ich normalerweise bevorrate für die Filderstädter“, sagt er. Er und seine Frau führen vier Apotheken in der Stadt, und aktuell kämpfen sie mit massiven Lieferengpässen. Antibiotika sind betroffen, „Penicillin gibt es gar nicht mehr“, Fiebersäfte, Blutdruckmittel. „Offiziell betrifft es jedes zweite Medikament“, sagt Carsten Wagner.

Wie das kommt? Zum einen seien da strukturelle Probleme. Wirkstoffe kämen zumeist aus Asien. „Wir haben in Europa vor ungefähr 15 Jahren das letzte Antibiotika-Werk geschlossen“, sagt Carsten Wagner, diese Monopolbildung sei sehr anfällig. „Ich habe schon vor 15 Jahren in Vorträgen darauf hingewiesen.“ Hinzu kämen allgemeine Lieferprobleme durch festsitzende Container in China, durch Ausfuhrverbote, durch wegen Corona geschlossener Werke, „und auch durch den Ukraine-Krieg ist der Markt durcheinander“. Die jüngste Erkältungswelle hat die Not zusätzlich verschärft. Carsten Wagner berichtet vom Weihnachtsnotdienst, bei dem 340 Kunden binnen 24 Stunden vor seiner Apotheke Bonländer Tor standen. „Das ist absolute Spitze.“ Er stellt klar: Die Kundschaft könne aktuell noch versorgt werden, auch durch den Zugriff auf die Bestände von fünf Großhändlern, doch der Aufwand sei sehr hoch – Alternativen finden, Produkte importieren, Medizin selbst herstellen. Den Mehraufwand beziffert er auf etwa 15 Prozent.

Bürokratische Hürden sind ein Grund

Es sind Probleme, welche die ganze Branche treffen. „Da sitzen wir alle im gleichen Boot“, sagt Markus Hobler. Er betreibt in Leinfelden-Echterdingen drei Apotheken, und auch dort ist vieles vergriffen. Mit Ärzten telefonieren, Lieferanten abklappern, Kunden beruhigen, damit sei auch sein Team pausenlos beschäftigt. „Das ist gerade die Hauptaufgabe aller Kollegen“, sagt Markus Hobler. Ein Stück weit fühle er sich auch allein gelassen. Er hebt etwa bürokratische Hürden hervor. So gebe es aktuell einen Hustensaft am Markt, aber da die für die Zulassung notwendige Kartonage nicht vorliege, dürfe er nicht ausgeliefert werden. „Da stehen wir uns teilweise selbst im Weg.“

Frust ist auch bei Martina Dasigenis rauszuhören, die in Steinenbronn die Brunnen-Apotheke betreibt. „Da kann gern mal ein Politiker kommen und sich eine Stunde hinstellen“, sagt sie. Von den Lieferartikeln, die sie sonst bevorratet, sind 519 laut Computer an diesem Tag nicht lieferbar, darunter Standard-Mittel wie Schleimlöser und Hustensäfte. „Da kommt man sich schon blöd vor.“ Auch ihr Team verbringe viel Zeit am Telefon. „Ich mache wirklich alles, was in meiner Macht steht“, der Aufwand sei „brutal“. Pro Rezept gehe schnell die drei- bis vierfache Zeit drauf, sobald ein Produkt fehle. Hinzu komme: Von Februar an erhielten die Apotheken weniger Geld pro verschreibungspflichtiger Packung, da der Kassenabschlag erhöht werde. Bei Martina Dasigenis mache das Tausende Euro pro Jahr aus. „Dann macht es mir noch weniger Spaß“, sagt sie.

Kunden sollten sich frühzeitig um ein neues Rezept kümmern

Was kann die Kundschaft tun? Nicht horten, aber sich frühzeitig um ein neues Rezept kümmern, wenn etwas knapp wird, rät Martina Dasigenis. Ihre Faustregel: zwei Wochen. „Zeit hilft immer“, sagt auch Carsten Wagner aus Filderstadt. Außerdem müssten Patienten flexibel sein und mitunter auch mal ein baugleiches Medikament eines anderen Herstellers akzeptieren. Langfristig aber müsse sich strukturell etwas tun. „Herr Lauterbach müsste sich überlegen, ob unser Versorgungssystem nicht auf unterschiedliche Füße zu stellen ist“, sagt er in Richtung des Gesundheitsministers. Sprich: ein neues Netz aufbauen, vielleicht eine Produktion nach Europa zurückholen. Auch bei den Generika, also Arzneimitteln, die identische Wirkstoffe wie ehemals patentgeschützte Präparate enthalten, müsse man „seine Hausaufgaben machen“, mahnt er. Die Preise für diese Produkte lägen in Deutschland im Vergleich im unteren Drittel. Gerade in Mangelzeiten lieferten die Hersteller daher lieber dorthin, wo sie mehr Geld bekämen.

Nach Carsten Wagners Einschätzung wird sich die Situation so schnell nicht entspannen. Jüngst hat er den Rundbrief eines der größten Insulin-Hersteller erhalten, in dem angekündigt wird, dass mehrere Produkte frühestens in einem halben Jahr lieferbar seien. Grundsätzlich betont er jedoch: „Angst ist kein guter Ratgeber. Die Kunden sollen kommen, und wir lösen dann das Problem.“

So viele Medikamente fehlen aktuell

Übersicht
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bietet auf seiner Homepage eine Übersicht zu aktuellen Lieferengpässen an. Die Infos basieren auf den Meldungen der Pharmaunternehmen. Am 9. Januar waren dort 359 verschreibungspflichtige Medikamente gelistet.

Weitere Engpässe
Laut Frank Eickmann, dem Sprecher des Landesapothekerverbandes, ist diese Liste „so lang wie noch nie“, und sie sei nicht abschließend, denn es gebe für die Unternehmen keine gesetzliche Pflicht, Engpässe zu melden. Zudem stünden Produkte zur Selbstmedikation, also nicht verschreibungspflichtige Mittel wie Aspirin oder Ibuprofen, nicht drauf. Die wahre Liste sei demnach ungleich länger. Frank Eickmann betont: „Wir sind breit und tief betroffen.“