Inflationsrisiken Die Preise ziehen deutlich an
Die Verbraucher bekommen immer weniger für ihr Geld. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Inflationsrate in diesem Jahr bis auf vier Prozent steigen könnte.
Die Verbraucher bekommen immer weniger für ihr Geld. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Inflationsrate in diesem Jahr bis auf vier Prozent steigen könnte.
Frankfurt - Die Inflationsrate könnte im Laufe des Jahres auf vier Prozent steigen. Mit dieser Einschätzung hat die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht ihre bisherigen Prognosen erneut angehoben. Teuerungsraten über drei Prozent wurden in Deutschland zuletzt im Jahr 2008 gemessen.
Warum erwartet die Bundesbank einen stärkeren Preisauftrieb?
Die Verteuerung von Rohstoffen und Transportkosten schlagen sich in der Regel „abgeschwächt und verzögert“ in den Verbraucherpreisen nieder, heißt es im Monatsbericht. Das heißt: Die enormen Preissteigerungen, die jetzt bei Schiffscontainern, Kupfer oder auch Kunststoff zu beobachten sind, werden sich zum Teil erst in einigen Monaten auf die Inflationsrate auswirken. Hinzu kommt: Ab Juli wird das Preisniveau im Vergleich zum Vorjahresmonat allein schon deshalb höher sein, weil im Juli 2020 für ein halbes Jahr die Mehrwertsteuer gesenkt wurde.
Aber die Teuerungsrate hat doch schon zugelegt?
Ja, im April lagen die Preise zwei Prozent höher als im Vorjahr. Das liegt vor allem am Rohölpreis, der nach einem Absturz bei Ausbruch der Coronakrise schon im Herbst wieder anzog und inzwischen fast doppelt so hoch ist wie vor einem Jahr. Mit dem Rohölpreis stiegen auch die Kosten für Sprit und Heizöl – sie waren im April rund ein Fünftel höher als vor zwölf Monaten. Bei den meisten Waren machen Rohstoffe einen weitaus geringeren Teil der Herstellungskosten aus. Dennoch macht sich der Anstieg bei den Großhandelspreisen bemerkbar.
Was bedeutet das für Verbraucher?
Wenn einzelne Waren teurer werden, bedeutet das nicht unbedingt Nachteile für die Bevölkerung insgesamt: „Die steigenden Baustoffpreise treffen nicht alle Haushalte“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Direktbank ING Deutschland. In Grenzen halten sich auch die Folgen von Preiserhöhungen für Produkte, die zwar fast jeder braucht, aber nur selten kauft. Ein Beispiel: Gegenüber dem Vorjahr haben sich laut Statistischem Bundesamt Kameras um zehn Prozent verteuert – ein heftiger Preissprung, aber kein folgenschwerer. Mit den Spritkosten und mit Nahrungsmitteln sieht es indes anders aus. Letztere haben sich binnen Jahresfrist um zwei Prozent verteuert. Insgesamt ist für Brzeski klar: „Die Verbraucher spüren die höheren Preise natürlich.“ Auch sei denkbar, dass nach Lockerung der Coronaregeln Gastwirte und andere Dienstleister ihre Preise erhöhten „in der Hoffnung, die Umsatzeinbrüche der vergangenen Monate wettzumachen“.
Droht eine Preisspirale?
Die Bundesbank erwartet, dass nach dem Anstieg der Inflationsrate in diesem Jahr dann 2022 „eine merkliche Normalisierung einsetzt“. Das heißt, die Preise dürften dann wieder langsamer steigen.
Worauf stützt sich diese Hoffnung?
Dass sich die Inflationsrate dauerhaft bei vier Prozent oder mehr bewegt, würde nach Einschätzung der meisten Volkswirte kräftige Lohnerhöhungen voraussetzen. Die seien unwahrscheinlich, schreibt Christoph Balz von der Commerzbank. Auch wenn sich die Konjunktur im Jahresverlauf erhole, würden die Löhne erfahrungsgemäß verzögert reagieren. „Eine Trendwende bei den Tarifabschlüssen ist – wenn überhaupt – frühestens Mitte 2022 zu erwarten.“
Müssten die Notenbanken bei hohen Inflationsraten nicht gegensteuern?
Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine Inflationsrate „unter, aber nahe zwei Prozent“ an. Sie hat jedoch deutlich gemacht, dass sie für einen gewissen Zeitraum auch höhere Teuerungsraten tolerieren würde. Brzeski hält das für richtig: „Wenn die EZB ihren Leitzins erhöhen würde, würden dadurch weder die Nahrungsmittelpreise noch die Ölpreise wieder sinken.“ Denn die Preise vieler Rohstoffe stiegen aktuell vor allem, weil mit der Erholung der weltweiten Konjunktur auch die Nachfrage wieder anziehe – daran würden Leitzinserhöhungen nichts ändern. Thomas Meißner von der LBBW hingegen mahnt zur Vorsicht: „Im Euroraum ist es an der EZB, wachsam zu sein und dafür zu sorgen, dass sich der begonnene Preisdruck nicht verbreitert und nicht verstetigt.“
Muss das billige Geld nicht irgendwann zu mehr Inflation führen?
ING-Ökonom Brzeski erwartet, dass sich die Inflationsrate im Euroraum in den nächsten Jahren zwischen 1,5 und zwei Prozent einpendelt. Gegen höhere Raten spreche unter anderem, dass Digitalisierung und Automatisierung auch in Zukunft viele Arbeitskräfte ersetzen und damit den Lohndruck in Schach halten würden, meint Brzeski. Die DZ Bank verweist indes auf zwei Langfristtrends, die den Preisauftrieb beschleunigen könnten: Sollten nach den Erfahrungen der Coronapandemie Fabriken in Fernost geschlossen und durch Produktionsstätten in Europa ersetzt werden, könnte dies teuer werden, schreiben die DZ-Bank-Analysten Alexander Buhrow und Christoph Swonke. Hinzu komme, dass mit dem demografischen Wandel das Arbeitskräfteangebot schrumpfe, was langfristig eben doch zu stärkeren Lohnerhöhungen führen könnte. Allerdings handele es sich um einen langsamen Prozess.