Influencerin mit Handicap Inklusion auf Instagram

Hülya Marquardt betreut zu Hause ihren kleinen Sohn – dank Internet hat die 37-Jährige Fans in aller Welt. Foto: Gottfried Stoppel

Die 37-jährige Hülya Marquardt aus Weissach im Tal lebt ohne Beine. Sie ist nun Schirmherrin des Projekts „Lebende Tagebücher“, das Stories von Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung erzählt.

Weissach im Tal - Hülya Marquardt ist in Hagen in Nordrhein-Westfalen geboren und aufgewachsen, lebt seit sechs Jahren in Weissach im Tal im Rems-Murr-Kreis – und hat Fans rund um den Globus. Rund 25 000 Menschen folgen der 37-Jährigen mit positiver Ausstrahlung im sozialen Netzwerk Instagram, wo ihr Mann Dennis Fotos und kurze Videos aus ihrem Leben veröffentlicht.

 

Die Bilder zeigen Hülya Marquardt draußen in der Natur, auf Reisen oder mit ihrem kleinen Sohn. Sie zeigen sie auf dem Skateboard, im Rollstuhl oder wie sie ihre Prothesen anlegt. Denn Hülya Marquardt lebt ihr erfülltes Leben ohne Beine – und macht anderen Mut. Zum Beispiel der Frau, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt und lange dachte, sie könne keine Kinder bekommen. Oder dem Vater, dessen Sohn ebenfalls Dysmelie hat. „Er war froh, dass er seinem Sohn zeigen konnte, dass er Hände wie ich hat“, sagt Hülya Marquardt.

Viele Operationen in der Kindheit

Im Jahr 1983 ist sie mit Dysmelie, Fehlbildungen an Händen und Beinen, zur Welt gekommen. Schon als kleines Kind musste sie viele Operationen über sich ergehen lassen, die Schienen, die ihr beim Gehen helfen sollten, verursachten Druckstellen und Entzündungen.

Als Hülya Marquardt 18 Jahre alt war, wurde ihr das rechte Bein abgenommen. Das linke wollten die Ärzte retten, doch das gelang nicht. Heute wird sie häufig von Menschen kontaktiert, die auch ein Körperteil verloren haben: „Sie fragen mich, wie ich das geschafft habe. Ich nehme mir dann Zeit und antworte“, sagt Hülya Marquardt, die durch die Bilder, die ihr Mann auf Instagram einstellt, schon viele Leute kennengelernt hat.

Schirmherrin für das Projekt Lebende Tagebücher

Auch Helin Brenner vom Verein Kubus ist auf Hülya Marquardt aufmerksam geworden und hat sie kontaktiert. Denn für sein neues Projekt „Lebende Tagebücher“ sucht der im Raum Stuttgart aktive Verein Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund. „Wir wollen unseren Protagonisten die Möglichkeit bieten, über ihr Leben zu berichten und Raum für Begegnungen schaffen mit Menschen, die nicht so viel Zugang zu Inklusion haben“, erklärt Helin Brenner das Ziel des Projekts. Die Geschichten und Erfahrungen von Menschen wie Hülya Marquardt sollen dokumentiert und veröffentlicht werden – als Interviews, Videos, Podcasts und in einem Buch. „Wir suchen Menschen, die mit uns ihre Geschichten teilen wollen. Kraftvolle, lustige, traurige, Mut machende und die Perspektive verändernde Stories“, sagt die Projektleiterin.

Zeigen, was möglich ist – trotz Behinderung

„Ich war sofort von der Idee begeistert“, erinnert sich Hülya Marquardt, die mit ihrer Teilnahme positive Signale setzen will. „Mir ist wichtig, dass Menschen einen anderen Blickwinkel bekommen.“ Apropos Blicke: „Mein Mann sagt manchmal, die Leute gucken dich schon krass an, aber das nehme ich gar nicht so wahr. Außerdem schaut doch eigentlich jeder jeden an – der eine ist zu dick, der andere zu dünn.“ Sich zu zeigen könne vieles verändern, findet Hülya Marquardt: „Begegnungen helfen, dass Ängste wegfallen.“ Sie will anderen Menschen mit Behinderung Hoffnung geben und zeigen, was alles möglich ist, aber auch Menschen ohne Handicap klar machen: Menschen mit Behinderung sind normale Menschen mit den gleichen Wünschen und Träumen.

Wenn sie sich an ihre Anfangszeit in Baden-Württemberg erinnert, lacht Hülya Marquardt. Ein Kontrastprogramm zu ihrem früheren Leben: „Ich habe in Hagen mitten in der City gewohnt und war immer viel unterwegs. Dann kam ich hierher, und alles war so ruhig. Die Leute waren etwas zurückhaltend am Anfang, sie haben mich erst mal beobachtet, nach dem Motto: „Was ist das denn für eine?“

Von Hagen nach Weissach im Tal

Dass sie zu ihrem Mann, den sie über eine gemeinsame Freundin kennen gelernt hatte, nach Weissach gezogen ist, hat Hülya Marquardt nicht bereut, obwohl sie ihren Freundeskreis und Familie in Hagen zurücklassen musste. Inzwischen ist sie angekommen. „Es hat ein bisschen gedauert.“ Bis zur Geburt ihres nun neun Monate alten Sohnes und ihrer Elternzeit hat sie bei der Handwerkskammer Region Stuttgart als Seminarmanagerin gearbeitet, ihr Spezialgebiet: „Ich bin für die Kfz-Mechaniker zuständig, organisiere Kurse, mache die Abrechnung und so weiter.“

Auf ihren ehrenamtlichen Job als Schirmherrin des Projekts „Lebende Tagebücher“ freut sie sich. „Ich weiß nicht, wo für mich die Reise hingeht, aber ich bin offen und schaue, was kommt.“

Mehr zum Projekt „Lebende Tagebücher“

Für seine „Lebenden Tagebücher“ sucht der Verein Kubus Protagonistinnen und Protagonisten mit Beeinträchtigungen und Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung, die über ihr „wahres Leben“ berichten. Geplant ist, die Geschichten in Form von kurzen Videos, Podcasts, Interviews und eines Buchs zu veröffentlichen. So sollen Menschen ohne Behinderung einen Zugang zur Erlebnis- und Erfahrungswelt der Erzählenden bekommen.

Das Projekt wird für eine Laufzeit von drei Jahren durch das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) unterstützt. Ansprechpartnerin beim Verein Kubus ist Helin Brenner, sie hat die E-Mail-Adresse helin.brenner@kubusev.org; Telefon 07 11/88 89 99 18. Der Verein Kubus hat sich 2005 gegründet. Sein Ziel ist es, Begegnung, Kommunikation und Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Gruppen zu fördern.

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