Influencerin Selina Tossut Maichingerin kämpft gegen verzerrte Körperbilder

Auf den Plattformen Instagram und TikTok hat Selina Tossut ein Millionenpublikum. Foto: /privat

Wie viele junge Frauen strebte auch Selina Tossut nach einem vermeintlich perfekten Körper – beeinflusst von sozialen Medien. Heute nutzt die 23-Jährige aus Maichingen ihre millionenstarke Reichweite, um über verschobene Selbstbilder aufzuklären.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Frauen mit Modelmaßen, flachen Bäuchen und ohne ein Gramm Fett. Wer fit und schlank ist, ist glücklich. Das zeigen zahllose Profile einflussreicher und weniger einflussreicher Influencer in den sozialen Medien. Gerade das Idealbild makelloser Körper von sexy sportlichen, jungen Frauen ist auf Plattformen wie Instagram und TikTok allgegenwärtig. Vermutlich deshalb wirken die Accounts vor allem von fitness- und beautybegeisterten Influencerinnen wie Magnete auf junge Menschen. Millionen von Followern folgen, liken und kommentieren die vermeintlich perfekte Welt ihrer Netzvorbilder. Wie viele dieser Fotos der Realität entsprechen, wird wenig hinterfragt. Dabei üben gerade die sozialen Medien einen erheblichen Einfluss auf die mentale und körperliche Gesundheit junger Menschen aus.

 

Eine, die jahrelang in der analogen und digitalen Welt dem Wunsch nach dem perfekten Körper nachjagte, ist Selina Tossut. Seit dem Teenageralter folgte die Maichingerin den Profilen ihrer Schönheitsideale und postete ähnliche Bilder. Bilder, auf denen die heute 23-Jährige den Bauch einzog und zur besseren Inszenierung Filter über die Fotos legte, nur um schlank und damit vermeintlich glücklich auszusehen. Über Jahre war das Tossuts Alltag.

Schönheitsidealen hinterhergejagt und mit der Gesundheit bezahlt

Das Streben nach Selbstoptimierung hatte aber seinen Preis, wie die Studentin der Wirtschaftspsychologie erzählt: „Ich habe immer mehr Sport gemacht und extrem auf meine Ernährung geachtet. Es ging immer darum, möglichst viel Fitness zu machen und möglichst wenig zu essen. So habe ich eine Essstörung, eine ‚Binge-Eating-Störung’, entwickelt.“ Übersetzt heißt das: Montags bis freitags so wenig essen, dass ein Kaloriendefizit entsteht – die Grundvoraussetzung dafür, Gewicht zu verlieren. Am Wochenende dann schlang Selina Tossut buchstäblich alles mögliche in sich hinein. „Samstags und sonntags habe ich alles gegessen, was mir in den Weg kam. Danach fühlte ich mich schlecht. Das ging vier bis fünf Jahre so“, erklärt die Maichingerin.

Anzeichen, dass ihr Essverhalten sich negativ auf ihre Gesundheit auswirkt, gab es zwar, für ihr großes Ziel blendete Selina Tossut dies aber aus. „Natürlich hat der Körper mit Hormon- oder Verdauungsproblemen verschiedene Signale ausgesendet, dass etwas nicht stimmt. Erst im Nachhinein habe ich das aber verstanden“, erzählt sie.

Ein gesundheitsgefährdender Trend

Nur langsam mehrten sich auch in ihrem direkten Umfeld die Stimmen, dass der exzessive Sport und das extreme Essverhalten für Tossut schädlich sein könnten. „Eine Freundin hat mich erstmals darauf angesprochen, als ich mit ihr essen war und neben meiner Pizza noch einen Teller Nudeln und schlussendlich auch den Rest ihrer Pizza gegessen habe“, erinnert sich die 23-Jährige. Und als ihr heutiger Freund sie auf ihr offenbar verschobenes Selbstbild ansprach, machte es klick. „Da bemerkte ich, dass mein Körperbild nicht der Wirklichkeit entsprach und ich meinem Körper und Kopf zu viel abverlangt habe. Ich wusste, ich sollte schnell etwas verändern. Das bedeutete, anders zu essen, weniger verbissen Sport zu machen und zwei Jahre lang komplett auf soziale Medien zu verzichten“, sagt Tossut.

Nach zwei Jahren Entzug auf die sozialen Plattformen zurückgekehrt

Obwohl die sozialen Medien für Tossut in jenen Jahren des körperlichen und mentalen Ausnahmezustands mehr Fluch als Segen war und die Medienpause Wunder gewirkt hat, kehrte Selina Tossut, alias „tastyselly“, auf die beiden bekannten Plattformen zurück. Heute folgen der Maichingerin auf Instagram rund 124 000, auf TikTok gut 1,2 Millionen meist junge Menschen. Diese Reichweite nutzt Tossut mittlerweile hauptberuflich dazu, – mal ernst, mal humorvoll – über Essstörungen und verzerrte Selbstbilder aufzuklären. Auf den Fotos können dann auch mal der Bauch oder die Oberschenkel einer Normalsterblichen zu sehen sein.

Bei jungen Frauen ist das Problem bekannt

Selina Tossut setzt sich mit dem bei Jugendlichen präsenten Thema auseinander und teilt ihre Erfahrungen – damit scheint die 23-Jährige einen Nerv zu treffen. „Ich bekomme unzählige Nachrichten von Mädchen und Frauen, die mir mitteilen, dass sie froh sind, nicht alleine zu sein, sondern dass auch andere unter diesem Problem leiden“, sagt Tossut. Mit vielen entsteht ein Austausch darüber, wie man den Schritt hin zu mehr Zufriedenheit schaffen kann.

Nun möchte die ausgebildete Ernährungsberaterin, die vor Jahren bei Bertrandt eine Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin abschloss, die Bühne von Miss Germany nutzen, um für mehr „self love“ und „body positivity“ zu werben: „Nachdem das Konzept von Miss Germany so geändert wurde, dass die Teilnehmerinnen durch ihre Persönlichkeit überzeugen sollen und auch gesellschaftliche Aspekte eine Rolle spielen, wollte ich dort mitmachen“, erzählt sie.

Die Top 80 hat die Maichingerin schon erreicht. Bei jeder weiteren Stufe kommt Selina Tossut nicht nur dem Sieg näher, sie würde auch für ihr Thema mehr Aufmerksamkeit gewinnen.

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