Programmiererin mit Faible für Bill Gates Miss Code liebt Shopping und Netflix

Von Eva Wolfangel 

Aya Jaff programmierte schon als Teenager. Mit 22 Jahren gilt sie als Star der IT-Branche. Das Porträt einer Frau, die so gar nicht ins Klischee vom Nerd passen will – und dennoch als Deutschlands bekannteste Programmiererin gilt.

Als Frau ist Aya Jaff eine Exotin in der von Männern dominieren Computerbranche. Foto: Universität Stuttgart / SFB-TRR 161
Als Frau ist Aya Jaff eine Exotin in der von Männern dominieren Computerbranche. Foto: Universität Stuttgart / SFB-TRR 161

Stuttgart - Was für ein Starschnitt! Der junge Mann schaut der Betrachterin tief in die Augen. Den Kopf aufgestützt, in den Augen eine verführerische Mischung aus Unternehmungslust. Wer wird da nicht schwach? Aya Jaff jedenfalls ist schwach geworden. Das erzählt sie, die junge Frau mit den knallrot geschminkten Lippen und den großen Augen, an diesem Tag in Stuttgart, in der Hand eine große Einkaufstasche und eine Handtasche, in der anderen Hand ein Handy, mit dem sie immer mal wieder ein Foto schießt.

Ihre Hobbys: Shoppen und Netflix schauen

Sie wirkt wie ein ganz normaler junger Mensch und sagt das auch prompt, wenn man fragt, was sie denn so gerne macht: „Ich mache das, was normale Jugendliche machen: shoppen, Netflix schauen.“ Doch ein Detail lenkt diese Geschichte auf eine ungewöhnliche Bahn: der hübsche junge Mann auf dem Starschnitt hat keine Gitarre im Arm, wie es sich für solch ein Poster gehört, er lehnt hingebungsvoll über einem Bildschirm. Auf dem Bildschirm steht groß „Microsoft“, im Hintergrund bootet gerade ein weiterer Computer, aber der verwegen-draufgängerische Blick des Jungen verrät, dass er diesen getrost ignorieren würde für eine romantische Liaison. Das Bild zeigt Bill Gates in jungen Jahren. Aya Jaff war 15, als sie sich dieses Poster über ihr Bett hängte. Heute ist sie 22 Jahre alt, und die „Zeit“ behauptet, die Informatikerin sei Deutschlands bekannteste Programmiererin.

Aya Jaff selbst ist offenbar einiges daran gelegen, diesen Eindruck zu relativieren. Diese Mediengeschichten haben sich zum Selbstläufer entwickelt, nachdem sie auf einer Programmierer-Konferenz in den USA von der „New York Times“ interviewt worden war. „Das kann jeder für sich beurteilen, ob es vielleicht auch noch bekanntere Programmiererinnen gibt“, sagt sie vor einer Gruppe von Studierenden an der Uni Stuttgart. Denn dass ihre Geschichte etwas Besonderes ist, das liegt auch daran, dass Programmieren unter Frauen noch immer wenig verbreitet ist.

Das Informatik-Studium hat sie abgebrochen

Und deshalb ist Aya Jaff neuerdings eine gefragte Rednerin, obwohl sie das alles, was sie so tut, gar nicht so besonders findet. Und obwohl sie Programmieren gar nicht so richtig leiden kann. „Es ist furchtbar anstrengend“, gesteht sie, ihr Informatikstudium hat sie nach drei Semestern abgebrochen, weil es mühsam und trocken war und weil sie gemerkt hat, dass sie als Programmiererin auch ohne Abschluss sehr gefragt ist.

Ausgerechnet eine Studienabbrecherin soll Studierende motivieren und ihnen zeigen, „Wie man als Frau in der Informatik Erfolg hat“, so der Titel des Vortrags. Ein Professor weist im Publikum auch darauf hin, dass es zwar tolle Jobs gibt ohne Abschluss, aber sicherlich noch bessere mit Abschluss.

Doch dieses Erfolg-Haben, das war nie ein Treiber für Aya Jaff. „Ich wollte auch nie das große Geld verdienen“, sagt sie. Klar, sicher sei es ein angenehmer Nebeneffekt, dass Programmierjobs nicht nur leicht zu bekommen, sondern obendrein gut bezahlt sind. „Aber ich wollte eigentlich nur meine Liebe ausdrücken, wie ein ganz normaler Teenager“, sagt sie. Doch wie kann man Bill Gates seine Liebe ausdrücken? Aya Jaff begann zu programmieren. Schließlich habe sie schon immer wissen wollen, was hinter den Displays und Bildschirmen vor sich geht, die in ihrer Familie gefragte Geräte waren. Ihr Vater habe sie hier und da um Hilfe gefragt. Die ganze Familie sei angetan gewesen von der Leidenschaft der Tochter.

Die verrückt-endlose Energie der Pubertät

Als Zweijährige kam Aya Jaff 1997 mit ihren Eltern und ihrer sechs Jahre älteren Schwester als Flüchtling aus dem Irak. Die Familie landete nach Stationen in Syrien und verschiedenen Flüchtlingsheimen schließlich zufällig in Nürnberg und lebt dort bis heute. Computer seien immer ein Thema gewesen in der Familie, der Vater, ein studierter BWLer, der in Deutschland als Taxi-Unternehmer arbeiten muss, weil sein Abschluss nicht anerkannt wird, hat die kleine Aya Solitaire oder Paint spielen lassen. Irgendwann zeigte ihr die große Schwester, was da noch alles drinsteckte in diesem Internet: Christina- Aguilera-Poster! Und schließlich: Bill- Gates-Starschnitte.

Damals, als sie 15 Jahre alt war, sei alles noch anders gewesen, „Programmierer waren Popstars.“ Aya Jaff hielt sich nicht lange damit auf zu überlegen, wie man denn nun Programmieren lernt. Sie stolperte über eine Anzeige auf Facebook, in der eine Telefongesellschaft Geld bot für junge Menschen, die irgendein Projekt starten wollen. „Kind, das ist Werbung, glaub das nicht“, sagten die Eltern – doch von einem auf den anderen Tag hatte Aya Jaff 400 Euro in der Hand, die sie in ihr erstes Projekt investieren konnte. So gründete sie einen Programmierclub.

Sie klebte Plakate und druckte Einladungskarten, und noch bevor sie wirklich überlegen konnte, was genau der Club machen sollte, fand sie sich zwischen Informatikern wieder, denen ein Austausch wie dieser gefehlt hatte. „Sie sagten: Ach toll, dass dich das interessiert. Ich gebe mein Wissen so gerne weiter, aber mein Sohn interessiert sich nicht dafür.“ So lernte sie von den Erfahrenen und schaute sich gemeinsam mit ihren Freundinnen im Internet Selbst-lern-Kurse fürs Programmieren an.

Von Nürnberg ins Silicon Valley

Es war die verrückt-endlose Energie der Pubertät, die sie damals antrieb, gekoppelt mit einem unglaublich guten Gespür dafür, wo sie Unterstützung für ihre Träume bekommen könnte. „Ich hab einfach mal gegoogelt, was es für Stipendien für Frauen und Programmieren gibt“, sagt sie. Und da gab es eine ganze Menge! „Schaut euch das an“, ruft sie ihren Stuttgarter Zuhörerinnen zu, „das ist eine Chance.“

Mit einem Stipendium kam sie schließlich auch an die private Drapper University im kalifornischen Silicon Valley – untergebracht in einem Fünfsternehotel und voller Start-up-Pathos. Später arbeitete sie als Coderin in einem Hamburger Unternehmen und ging schließlich zu Entwickler-Konferenzen, um über ihre Projekte zu berichten, „so wie es echte Informatiker auch tun“. Doch weil das alles für ein Energiebündel wie sie nicht genug ist, studiert sie inzwischen Wirtschaft und Sinologie, hat ein Buch über die Börse geschrieben und arbeitet parallel als Head of Communications im Start-up-Zentrum Zollhof in Nürnberg.

Langsam wächst der Frauenanteil in der Computerszene, beobachtet sie, aber es gibt noch Luft nach oben. „Denkt dran“, sagt sie schließlich in Stuttgart, „die wenigsten sind pickelige Nerds, die im Keller sitzen“. Manche sind auch ganz normale Jugendliche.