Infoveranstaltung für Anwohner des geplanten Windparks Dicke Luft bei der Windkraft in Böblingen

Der Andrang bei der Infoveranstaltung auf der Diezenhalde zum interkommunalen Windpark ist groß. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Eine Infoveranstaltung auf der Diezenhalde Böblingen – in direkter Nähe zum geplanten Windpark – zeigt: Der Redebedarf bleibt unvermindert hoch, es geht um kleinste Details und um Emotionen – vor allem beim Thema Wald.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Dicke Luft herrscht in der Erich-Kästner-Schule auf der Diezenhalde. Aber nicht unbedingt nur wegen des geplanten interkommunalen Windparks, um den es an diesem Abend geht, sondern vor allem wegen des Andrangs. Etwa 300 Menschen sind der Einladung der Stadt gefolgt. Die Stimmung ist stellenweise angespannt, teilweise werden Buhrufe laut, und ein Mann schreit Elisabeth Fellmann nieder, die für die Initiative Windkraft Böblingen vorne steht. Doch die Mehrheit des Publikums greift immer wieder korrigierend ein und wirkt an einem fairen Austausch interessiert.

 

Die Stadt hat die Veranstaltung bewusst in die Diezenhalde gelegt. Das Wohngebiet wäre voraussichtlich am dichtesten an den Windrädern dran – aber immer noch mindestens 900 Meter davon entfernt. So lautet eines der Kriterien, die eine Vergabegruppe bestehend aus Vertretern der drei beteiligten Kommunen Böblingen, Ehningen und Holzgerlingen festgelegt hat. Mit solchen organisatorischen Details eröffnet der Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) den Abend. Er stellt das Verfahren vor und erklärt, warum er sich dafür einsetze, zu prüfen, ob ein Windpark möglich wäre. „Wenn wir in Böblingen die Chance haben, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten, ist es unsere Aufgabe, das zu tun.“ Ob die Fläche an einen Windkraftprojektierer verpachtet wird, entscheiden schlussendlich die drei Gemeinderäte. Von den Böblinger Stadträten sind einige im Publikum zu sehen.

Zu gut gemeint?

Man merkt, dass sich die Stadt ins Zeug gelegt hat, fast wirkt der Abend „überorganisiert“. Im hinteren Bereich des Foyers stehen Infostände – von der Initiative Windkraft Böblingen, die sich für Windkraft im Kreis einsetzt, der Initiative Lebenswertes Böblingen, die gegen den Windpark ist, und vom Landesprogramm Forum Energiedialog, das über den Verfahrensablauf informiert. Zwei Moderatoren führen durch den Abend. Elisabeth Fellmann, Heiko Haupenthal (Lebenswertes Böblingen) und Michel-André Horelt (Forum Energiedialog) stehen später zusammen mit dem OB vorne und beantworten ebenfalls Fragen. Einige Besucher zeigen sich irritiert, sie hatten auf einen persönlicheren Austausch mit dem OB gehofft.

Beim Eintreten dürfen die Bürgerinnen und Bürger Fragen auf Zettel schreiben und in Kästchen werfen. Damit auch diejenigen zu Wort kommen, die sich vielleicht sonst nicht trauen würden, zu sprechen, lautet die Erklärung. Die Moderatoren clustern die Fragen und formulieren sie. Aus dem Publikum erlauben sie nur vereinzelt Anmerkungen. Ein Besucher befürchtet, dass auf diese Weise kritische Fragen unterdrückt würden. Belz verspricht aber, dass sich die Stadt alle Fragen anschauen und im Amtsblatt beantworten werde.

Nicht auf alles gibt es eine Antwort

Es gibt eine Fülle an Detailfragen – und eine wachsende Unzufriedenheit. Denn vieles lässt sich erst beantworten, wenn ein Windparkprojektierer seine Pläne vorgestellt hat. Dazu zählen die Wirtschaftlichkeit oder der Schattenwurf. Grundsätzlich gilt: Der Schatten eines Windrads darf maximal 30 Minuten am Tag, an maximal 30 Tagen im Jahr auf ein Haus fallen. Bei anderen Fragen – beispielsweise zum Infraschall – verweist Michael-André Horelt vom Forum Energiedialog auf den Stand der Wissenschaft und erntet ungläubiges Schnauben aus dem Publikum. Ebenso bei der Frage nach einem möglichen Wertverlust der Immobilien. Ihm sei in dieser Hinsicht nichts bekannt, sagt Horelt, erklärt aber auch, dass er dazu keine eindeutige Aussage machen könnte.

Die Angst, der Gemeinderat könnte einzig aus finanziellen Nöten heraus der Verpachtung zustimmen, versucht der OB zu nehmen. Eine Verpachtung spüle voraussichtlich 200 000 Euro bis 400 000 Euro pro Jahr in die städtische Kasse. Summen, die bei einem Haushaltsvolumen Böblingens von 260 Millionen Euro kaum ins Gewicht fielen.

Fragen zum Eingriff in den Wald bilden den größten Teil der Fragen. Der OB erklärt, dass für den Bau eines Windrads etwa 0,8 bis ein Hektar Fläche benötigt würden, für den Betrieb 0,4 bis 0,5 Hektar. Das mögliche Vorranggebiet hinter der Diezenhalde umfasst 179 Hektar und darf – so ein weiteres Kriterium der Vergabegruppe – maximal mit sechs Windrädern bebaut werden. Je länger die Veranstaltung dauert, desto kürzer wird bei manchen der Geduldsfaden. Die ehemalige Stadträtin Elke Döbele erhebt sich und greift den OB verbal an. Der versichert ruhig: „Wir holzen nicht einfach sinnlos den Wald ab, es findet ein ordentlicher Abwägungsprozess statt.“

Was das Publikum sagt

Das Fazit der Anwesenden fällt am Ende mindestens durchwachsen aus. Auf einem Feedback-Plakat überwiegen die roten Kleber bei „nicht gut“ deutlich. „Es wurde wieder nur an der Oberfläche gekratzt und wir sind alle so weit wie vorher“, sagt ein Besucher. „Als Hauptaussage kam: Das kann ich noch nicht beantworten“, ist ein Eindruck. Eine andere Besucherin ist milder gestimmt. „Die Veranstaltung war gut und es ist Mut gefragt, sich der Diezenhalde entgegenzustellen.“ Aber auch ihr fehlte etwas: die Emotionen. Käme ein Windpark, verlöre sie den unverstellten Blick auf den Wald. Für sie offenbar nicht vorstellbar.

Möglicher interkommunaler Windpark und Ablauf des Verfahrens

Windpark
Die Kommunen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen planen auf der dem Gebiet zwischen B 464 und Maurener Tal einen gemeinsamen Windpark. Die Fläche ist im Eigentum der drei Kommunen.

Verfahren
Der Verband Region Stuttgart hat die Fläche als Vorranggebiet für Windkraft vorgeschlagen, die endgültige Entscheidung steht noch aus. Parallel dazu läuft die Ausschreibung, noch bis Ende Juli. Danach wählen die drei Gemeinderäte einen Projektierer aus, treffen aber noch keine Entscheidung über eine Verpachtung. Denn bevor das passiert, ist die nächste, große Bürgerinformationsveranstaltung geplant, bei der vermutlich viele offene Fragen beantwortet werden können. Erst danach entscheiden die Räte. Unklar ist offenbar noch, was passiert, wenn die Entscheidung nicht in allen drei Kommunen gleich ausfällt. Weitere Infos gibt es auf der Homepage www.windenergie-bb14.de

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