Infrastruktur der Bahn Viele Bahnhöfe verfallen
Die Deutsche Bahn AG verspricht besseren Service an ihren Stationen. Doch fast 80 Prozent der Anlagen hat der Konzern längst verscherbelt – die fatalen Folgen bekommen Fahrgäste bis heute zu spüren.
Die Deutsche Bahn AG verspricht besseren Service an ihren Stationen. Doch fast 80 Prozent der Anlagen hat der Konzern längst verscherbelt – die fatalen Folgen bekommen Fahrgäste bis heute zu spüren.
Jedes Jahr wird der Bahnhof des Jahres gekürt. Die Allianz pro Schiene zeichnet mit dem Preis besonders attraktive Verkehrsstationen aus. Leider gibt es auch viele negative Beispiele. Vor allem in kleineren Orten bieten manche einst schmucken Bahnhofsgebäude keinen schönen Anblick, manche sind böse heruntergekommen und zugesperrt. Das verschandelt das Ortsbild und schreckt potenzielle Kunden ab, den umweltschonenden Schienenverkehr zu benutzen. Nicht nur Senioren vermissen, was früher am Bahnhof selbstverständlich war: Fahrkartenschalter, Warteräume und eine nutzbare Toilette.
Wer ist dafür verantwortlich? Zuständig für die Bahnhöfe ist die bundeseigene Deutsche Bahn AG, deren Tochter DB Infra-Go AG die mehr als 5000 deutschen Stationen betreibt. Dem größten Staatskonzern gehören auch die Verkehrsanlagen, also Gleise, Bahnsteige, Sitzbänke und zugehörige Technik wie Ticketautomaten – aber oft nicht mehr die lange zugehörigen Empfangsgebäude. Denn nach der Bahnreform im Jahr 1994, als aus Bundes- und Reichsbahn eine Aktiengesellschaft wurde, gab es in diesem Bereich einen radikalen Ausverkauf.
Viele Gebäude wurden damals vom DB-Konzern, der an die Börse steuerte, förmlich verschleudert, wenn sie keine ausreichenden Mieteinnahmen versprachen. Das Ergebnis: Kaum noch ein Fünftel des Bestands gehört noch dem Schienenkonzern, fast 80 Prozent dagegen sind in fremdem Besitz und damit dem Zugriff und den Gestaltungsmöglichkeiten entzogen. 55 Prozent gehören Privatleuten, gut ein Fünftel den Kommunen. Das zeigt eine aktuelle Aufstellung der Allianz pro Schiene, die von mehr als 200 Unternehmen und Verbänden getragen wird.
„Im Rückblick ist allen Beteiligten klar, dass es ein großer Fehler war, Bahnhofsgebäude wie ganz gewöhnliche Immobilien zu behandeln und dort, wo sie sich nicht selbst finanzieren konnten, zu verkaufen“, kritisiert Dirk Flege. Der Geschäftsführer des Bündnisses fordert ein stärkeres Engagement von Bund, Ländern, Kommunen und Privateigentümern, um die teils ungenutzten und sanierungsbedürftigen Gebäude wieder nutzbar und für Reisende zugänglich zu machen.
„Wir sollten uns nicht damit abfinden, dass Hunderte Bahnhofsgebäude bundesweit leer stehen oder sogar verfallen“, betont Flege. Zur Verkehrswende gehörten attraktive Empfangsgebäude, die den Bedürfnissen der Reisenden gerecht werden. Allerdings könnten damalige Käufer nicht nachträglich zu einem stärkeren Engagement für ihre Immobilien verpflichtet werden. Das mache die Weiterentwicklung im Sinne der Reisenden „nicht eben einfacher“.
Das Bündnis Allianz pro Schiene fordert vor der Bundestagswahl nun mehr Anstrengungen vor allem von Bund sowie Ländern und Kommunen, damit möglichst viele Stationen bald wieder zu schönen Visitenkarten für attraktiven Schienenverkehr werden. Dabei gibt es lobenswerte Vorbilder: An nicht wenigen Orten haben die privaten Eigentümern viel Geld investiert, um in den vom DB-Konzern verkauften Bahnhöfen zum Beispiel Gaststätten, Läden oder Wohnungen einzurichten.
Private Besitzer sollten stärker bei Planung und Finanzierung der Modernisierung unterstützt werden, schlägt Bündnis-Geschäftsführer Flege vor. Viele Eigentümer von Bahnhofsgebäuden seien damit überfordert, ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Eine Möglichkeit könnte demnach sein, die Verschönerung der Bahnhöfe verstärkt über städtebauliche Konzepte zu fördern und mehr Anlaufstellen für die Beratung und Umsetzung zu schaffen. Es brauche positive Impulse und neue Anreize, um Kommunen und Privateigentümer bei der Entwicklung von Bahnhofsgebäuden zu unterstützen. Dafür sei zunächst der Bund als ursprünglicher Eigentümer verantwortlich.
Der trostlose Zustand mancher Bahnhöfe ist seit Jahrzehnten ein politische Streitthema, bei dem sich meist Bund, Länder und Kommunen sowie der DB-Konzern gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben. Die gescheiterte Ampelkoalition hat die Verwaltung des bundeseigenen Schienennetzes mit der DB-Infra-Go AG neu geordnet, die stärker am Gemeinwohl orientiert agieren soll als ihre Vorgänger, die DB Netz AG und die DB Station + Service AG. Die Reform von Bundesverkehrsminister Volker Wissing geht Kritikern aber nicht weit genug. DB-Chef Richard Lutz will in den drei Jahren bis Ende 2027 insgesamt fast 53 Milliarden Euro in die Modernisierung des lange vernachlässigten Schienennetzes investieren.
Jedes Jahr sollen dabei auch 100 Bahnhöfe saniert werden, darunter viele kleine und mittlere Stationen. Vorgesehen sind vor allem neu gestaltete Wartebereiche, bessere Kundeninformation und eine barrierefreie Ausstattung. Vorplätze sollen gemeinsam mit den Kommunen attraktiver gestaltet werden. Ein spezielles Anreiz- und Modernisierungsprogramm für privatisierte Empfangsgebäude aber fehlt bisher.