Ingenieurbau von Knippers Helbig In New York spricht man von der Stuttgart-Gang

Spacig: Die Glaskuppel des neuen Academy-Museums in Los Angeles haben die Ingenieure von Knippers Helbig aus Stuttgart konstruiert. Foto: Patrick W. Price

Mit ihrem Know-how ermöglichen die Tragwerks- und Fassadenplaner des Stuttgarter Büros Knippers Helbig spektakuläre Bauten in aller Welt. Zwei ihrer aktuellen Projekte: der BW-Pavillon auf der Expo 2020 in Dubai sowie das Oscar-Museum in Los Angeles.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Wie ein Raumschiff in friedlicher Mission liegt das neue Academy Museum of Motion Pictures im Miracle Mile District in Los Angeles, entworfen vom Architekten Renzo Piano. Der Bau der Oscar-Academy, der am Jahresende eröffnet wird, ist Premierenkino und Museum zugleich. Eine Ausstellungszone, die berühmte Filmkulissen präsentieren soll, findet sich auf der Dachterrasse – überspannt von einer riesigen Glaskuppel. Den fantastischen Blick, den man von dem Aussichtsplateau auf die Hollywood-Hills mit dem weltbekannten Schriftzug hat, wird bei den Eröffnungsfeierlichkeiten vermutlich auch eine Delegation Stuttgarter Ingenieure genießen. Denn die spacige Glas-Haube stammt vom Büro Knippers Helbig Advanced Engineering. Die Tragwerks- und Fassadenplaner haben für die Kuppel mit einem Durchmesser von 45 Metern eine mit Stahlseilen versteifte kugelförmige Gitternetzschale konstruiert, die mit sich überlappenden Glasschindeln belegt ist.

 

Das Oscar-Museum in LA ist ein Projekt auf einer langen Auftragsliste des Büros, das auch über Niederlassungen in Berlin und New York verfügt und 75 Mitarbeiter beschäftigt. Für den Shenzhen Bao’an International Airport entwickelten Thorsten Helbig und Boris Peter mit ihrem Team eine Terminal-Hülle in einer von parametrisch basierten Algorithmen generierten Geometrie: Dach und Fassade sind mit einer doppelwandigen Wabenstruktur aus Metall verkleidet, die das Licht im Innern für die 42 Millionen Flugpassagiere jährlich abwechslungsreich inszeniert.

Ein Brückle als Weltneuheit

Ihre weltweit erste integrale Massivholzbrücke, die Stuttgarter Holzbrücke, kommt ohne Dehnfuge zwischen Brückenkörper und Stahlbeton-Widerlagern aus, was dem filigranen Überweg eine lange Lebensdauer verspricht. Das „Brückle“, mit dem Büro Cheret Bozic entwickelt und im Remstal zu bestaunen, ist bei zwei hochkarätigen Auszeichnungsverfahren im Finale. Freunden des Musiktheaters bescheren die Konstrukteure in der sanierten Berliner Staatsoper mit einer Nachhallgalerie einen hochwertigen Opernklang – dank einer neuartigen glasfaserbewehrten Phosphatkeramik, die sie zu einer Netzstruktur formten. In Berlin war der Architekt HG Merz ihr Partner, in Shenzhen der Italiener Massimiliano Fuksas.

Frei geformtes Gitternetz für das Elefantenhaus

Ideen-Entwickler, Materialforscher, Konstruktionstüftler: Mit ihrem kreativ eingesetzten Know-how bereiten Knippers Helbig Innovationen in der Baukunst und kühnen Architekturentwürfen den Weg. Doch die Architekten sind es, die den Ruhm abschöpfen, während die Ingenieure vielfach unbeachtet bleiben. Dieses Missverhältnis will Thorsten Helbig aufbrechen – so sei etwa auch die Idee für eine kleine Ausstellung entstanden, die jüngst in der Architekturgalerie am Weißenhof zu sehen war, sagt der 52-Jährige.

„Ein Architekt kann ein Gebäude nicht mehr alleine entwickeln. Bei den heutigen Anforderungen ist das keine One-Man-Show mehr, sondern eine Gesamtperformance“, sagt Helbig. Im Idealfall schließen sich die Ingenieure mit Architekten, Bauphysikern, Klimatechnikern und anderen Fachplanern noch vor der ersten Entwurfsskizze zusammen und beteiligen sich gemeinsam an Wettbewerben. Mit dieser „starken interdisziplinären Zusammenarbeit “ knüpfen Helbig und Peter an eine von Fritz Leonhardt und Frei Otto gepflegte Planungskultur an. „Das ist eine stuttgarterische Qualität“. Vier deutsche Ingenieurbüros seien im Wesentlichen in den USA aktiv, erzählt Helbig – alle vier stammten aus Stuttgart. In New York, wo er als Associate Professor an der Irwin S. Chanin School of Architecture an der Cooper Union lehrt, spreche man von der „Stuttgart-Gang“.

Drei Stuttgarter Büros bauen das BW-Haus in Dubai

Unmittelbar auf den Architekten Frei Otto greifen er und seine Kollegen bei der neuen Elefantenwelt für die Wilhelma zurück, deren Dach als Holzgitternetzschale mit einer Spannweite bis zu 100 Meter konzipiert ist. Die Mannheimer Multihalle dient als Vorbild, dabei wurden Frei Ottos Studien am physischen Drahtmodell durch eine digitalisierte, dreidimensionale Formentwicklung ersetzt. Noch gehe das Elefantenhaus „durch die politischen-verwaltungstechnischen Mühlen“, wie Helbig sagt. „Wir hoffen, dass es ein mutiger, frei geformter Holzbau wird und nicht ein sich ängstlich wegduckendes Flachdach, was dann eben acht Prozent billiger ist.“

Ebenfalls auf den Baustoff Holz setzt ein Projekt, das jüngst wegen Finanzierungsquerelen in den Schlagzeilen war: der Pavillon, mit dem sich Baden-Württemberg auf der Expo 2020 in Dubai präsentieren will. Das Projekt sei in „die heiße Phase“ gegangen, berichtet Helbig, derzeit liefen „Genehmigungsabstimmungen, Ausführungsplanung und Materialbestellung parallel“. Architektur, Tragwerk und Klima-Engineering gehen Hand in Hand – Beteiligte sind neben KH das Architekturbüro VON M sowie die Firma Transsolar Energietechnik, beide ebenfalls aus Stuttgart. Das Ziel: Klimaneutralität. Der Einsatz von Holz als zentraler Baustoff liegt dabei auf der Hand – Holz entzieht der Umgebung CO2 und bindet es.

Holzkiste über Wüstendünen

Architektur sowie Konstruktion des Pavillons sind Teil der Ausstellung und illustrieren Tradition und Zukunft des Holzbaus. „Eine Holzkiste, die über Wüstendünen schwebt“, so Helbig. Traditionelle Holzbautechniken mit geschosshohen Holzfachwerkträgern in Kombination mit Leimholzbindern und massiven, leimfreien Brettstapelelementen bestimmen die Nord- und Südfassade. Die Ostfassade zeigt, wie die Digitalisierung den Baustoff revolutioniert – in Gestalt einer freigeformten Struktur.

Für das Energiekonzept dient die Wüste als Vorbild, wo sich in der Nacht in Sandmulden trockene, kalte Luft ansammelt. Thermische Fotovoltaikmodule im Dach sammeln diese Kälte ein; ein Wärmetauscher unter der Bodenplatte des Pavillons fungiert als Zwischenspeicher, der am nächsten Tag einen von einer künstlichen Sandmulde geformten Kaltluftsee unter dem Holztragwerk speist. So entsteht ein schattiger, angenehm temperierter Aufenthaltsbereich, in dem sich die Expo-Besucher erholen können. Vielleicht ja bei einem feinen Apfelschorle, natürlich made in Baden-Württemberg, wie der Ingenieurbau.

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