Larissa Nietner hat schon als Schülerin Mathematik und Technik geliebt. Studiert hat sie als einzige Frau Mechatronik in Konstanz. Jetzt geht sie für den Master ans MIT.

Politik/Baden-Württemberg: Renate Allgöwer (ral)

Konstanz - Sie könnte jedes Werbeplakat für Mintberufe zieren: Larissa Franciska Nietner, jung, fröhliches Lächeln, gewandtes Auftreten. Berufsziel: Ingenieurin. 24 Jahre alt, aufgewachsen in Salem am Bodensee, Abitur am Technischen Gymnasium in Überlingen, (eines von drei Mädchen im Jahrgang), Bachelorabschluss an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz HTWG (einzige Frau im Jahrgang).

Nun ist Larissa Nietner dabei, die Welt zu erobern. Am 24. August wird sie nach Boston fliegen, um am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ihren Master in Mechatronik zu machen. Bis zum 21. schiebt sie noch schnell ein fünftägiges Praktikum bei National Instruments in München ein. „Um Leute kennenzulernen.“ Das hat ihr der Europachef des Unternehmens persönlich vermittelt. Den hat die junge Frau en passant nach einem Vortrag darauf hingewiesen, dass sie ans MIT gehen wird. „Dann werden die Leute plötzlich hellhörig, scheint doch eine ganz gute Uni zu sein“, sagt die künftige Ingenieurin und zuckt lächelnd mit den Schultern.

Langsam wird ihr klar, wie viele Türen ihr vermutlich offen stehen werden. Dabei lag ihr, der heimatverbundenen und bodenständigen Seehäsin, kaum etwas ferner, als vom Bodensee ausgerechnet über den Großen Teich zu hüpfen. Reisen sei gar nicht so ihr Ding – höchstens zu den Tanten nach Nordrhein-Westfalen –, und Boston ist schon sehr weit weg. Birgit, die Kommilitonin aus dem höheren Semester, habe sie zur Bewerbung animiert, erzählt die Studentin gelassen. Denn Birgit kennt niemanden sonst, dem sie so etwas zugetraut hätte – und sie wollte so gerne jemanden haben, den sie in Boston besuchen könnte.

Larissa hat sich erfolgreich beim MIT beworben.

Larissa aber ist ein Käpsele. Sie sagt, ihr Bruder sei eines. Aber sie ist es schon auch, auch wenn sie es nicht sagt. Abi 1,0, Bachelorabschluss im Studiengang Maschinenbau, Entwicklung und Produktion mit 1,1. Für ein Masterstudium in Boston bewerben sich nach Angaben des MIT jedes Jahr 21 000 Studenten. 2000 werden genommen. Einige Nächte hat sie die umfangreiche Bewerbung schon gekostet, beim Bewerbungsgespräch via Skype kam ihr zugute, dass sie ein Jahr in England studiert hatte. Aber als sie die Zusage bekommen habe, habe sie es kaum glauben können, sagt sie kichernd. Auch ihre Hochschule ist begeistert. Dass die Absolventin einer Fachhochschule den Sprung ans MIT geschafft hat, das nehmen sie an der HTWG auch als Bestätigung ihrer eigenen Arbeit.

„Eigentlich will ich hier gar nicht weg“, sagt Larissa Nietner an diesem Augusttag, an dem sie ihr Zimmer im sechsten Stock des Wohnheims in Konstanz geräumt hat. „Es ist toll am See und ein Segeltörn mit der Mutter macht riesigen Spaß“, sagt sie mit Bedauern. Larissa macht klare Pläne. Die sahen vor, an der ETH Zürich den Master zu machen. „Zürich ist so schön nah an Konstanz.“ Wer aber einen Platz am MIT bekommt, nimmt ihn auch. Vorausgesetzt, die Finanzierung stimmt. Das MIT weist seine Studenten darauf hin, dass sie für ein akademisches Jahr (neun Monate) mit Ausgaben von 64 000 Dollar rechnen müssen. Larissa wird 20 Stunden in der Woche Forschungsarbeit machen, um die Studiengebühren zu verdienen. Ohne den Job wäre sie nicht gegangen. „Ich hätte keinen Kredit von 100 000 Euro aufgenommen.“

Mathematik und Technik sind ihre Welt

Arbeit schreckt die Maschinenbauerin nicht. Sie findet, sie habe „eine besondere Leistungsfähigkeit“. Ihre Mutter befürchte jedoch manchmal, sie halse sich zu viel auf. Mathematik und Technik sind ihre Welt. Sie erfasst die Aufgabestellungen auf einen Blick. Wozu der Professor eine ganze Tafel brauche, das erledige Larissa in zwei Zeilen, zitiert diese ihre Kommilitonin Birgit. Berührungsängste mit der Materie kennt sie nicht. Man erzählt in der Familie, Larissa habe noch nicht richtig sprechen können, als sie eine batteriebetriebene Lokomotive bekam, aber sie habe bereits erklärt, „Eisenbahn alleine fahren kann“.

Am Bildungszentrum Markdorf war ihr Mathe zu leicht und Deutsch zu schwer, folglich wechselte sie aufs TG. „Das Logische“, sagt die nachdenkliche junge Frau, „erschließt sich mir besonders gut“. An der Mathematik gefällt ihr, „es gibt nur eine Lösung, nichts, was unterschiedliche Interpretationen zulässt“. An der Technik findet sie toll „wenn Dinge was machen, und man Einfluss darauf hat, was die Dinge machen“. Fasziniert schildert sie die Roboter, die sie für einen Mittelständler programmiert hat. „Den ganzen Tag“ könnte sie zugucken, was die dann machen.

Dennoch hat sich die junge Frau Maschinenbau eigentlich nicht zugetraut. Als Schülerin hat sie in einer Dreherei Teile geprüft, weil sie sich einen Computer kaufen wollte. Dort hat die damals 16-Jährige den Eindruck gewonnen, „eine Frau wird nie Ingenieurin“. Sie sah: „Der einzige Mann in der Halle hat den Roboter bedient.“ Das hätte Larissa auch gerne gemacht, „es kam aber keiner drauf“. Schließlich hat sie den Chef gefragt, der hat sie dann machen lassen und der Funken für die Liebe zu den Robotern war gezündet. Mit den Jahren hat die heute 24-Jährige viel Selbstbewusstsein gewonnen, vor allem in den Praktika.

„Ich dachte, machste mal Karriere.“

Doch zunächst fing die zielstrebige Abiturientin mit Betriebswirtschaft an, an der namhaften Universität Warwick in England. „Ich dachte, machste mal Karriere“, sagt sie mit dieser leisen Ironie, die sie häufig anklingen lässt. BWL hat ihr aber nicht zugesagt, „man führt nur aus, man kann nichts machen“. Nach einem Jahr wusste sie genau, was sie wollte, und hat sofort, ganz Technikerin, „alle Parameter angepasst“. Sie will etwas machen, was bleibt. „Mal was konstruieren“ oder auch eine Website erstellen. 2009 hat sie ihre Firma als Webdesignerin gegründet, die betreibt sie auch weiterhin zusammen mit ihrem Werkstudenten. Während des Studiums hat sie Tutorien gehalten. Die ersten beiden gleich im dritten Semester. Das stählt den Charakter. „40 halbstarke junge Männer kriegen auch mal von mir auf die Löffel“, konstatiert sie gelassen grinsend. Larissa Nietner nutzt ihre Zeit. Als sie ein Praktikum in einem Großunternehmen machte (wo sie „das kleine Einmaleins des Durchsetzungsvermögens“ gelernt hat) ist sie danach mit dem Bus zu der kleinen Dreherei gefahren, für die sie Roboter programmiert hat. Der Tag dauerte von früh um sieben bis abends neun. „Man nennt es Arbeit“, sagt die junge Frau mit einem Schulterzucken, „aber ich mache es lieber als nicht“.

Sie zeichnet, am liebsten mit Kohle. Sie liest, aber keine Romane, „Ich tauche lieber in das Leben von echten Freunden ein, als in das von fiktiven Personen.“ Sie ist angetan von Büchern wie „Spiele mit der Macht“, in dem Marion Knaths Tipps gibt, wie Frauen sich durchsetzen können. Heute sagt Larissa Nietner, „die meisten Frauen unterschätzen sich, ich bin endlich dabei, mich nicht mehr zu unterschätzen“.

Mintfächer sind noch immer deutlich männlich geprägt.

Für ihre Hochschule ist die Bilderbuchstudentin ein Glücksfall. Sie könnte ein Vorbild für Mädchen sein. Die Politik rührt die Werbetrommel, damit Frauen in die Mintberufe (Mathematik ,Informatik, Naturwissenschaft, Technik) gehen. Haben sie sich erst einmal für ein solches Studium entschieden, klappt es meist auch mit einem Job, sagt Heide Trommer, von der Stabsstelle Gleichstellung und Diversity an der Hochschule Konstanz. Doch ganz einfach sei das für die Frauen nicht. Die Mintfächer seien nach wie vor deutlich männlich geprägt, das Rollenverhalten vielleicht traditioneller als in anderen Branchen.

„Es ist schwer Professorinnen zu bekommen, und es ist schwer an die Schülerinnen heranzukommen“, sagt Trommer. Was fehle, sei eine systematische Hinführung der Mädchen schon in der Mittelstufe an die technischen Berufe. Larissa Nietner strebt in die Selbstständigkeit, nicht an die Hochschule. Aber den Mädchen rät sie, „sie sollten sich nicht einsperren lassen in das Bild, das sie von sich haben“.