InterviewIngo Appelt im Interview „Es ist mein Job, Unsinn zu erzählen.“

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Der Kabarettist Ingo Appelt im Gespräch über Humor in Zeiten einer Pandemie, wie schwer es ist im homeoffice zu arbeiten und warum er beim ersten Auftritt nach dem Lockdown Tränen in den Augen hatte.

Ingo Appelt leidet selbst unter Corona-Einbußen. Aber durch einen Karriereknick kam er schon in eine viel schlimmere Situation. Foto: Ava Elderwood
Ingo Appelt leidet selbst unter Corona-Einbußen. Aber durch einen Karriereknick kam er schon in eine viel schlimmere Situation. Foto: Ava Elderwood

Stuttgart - Der Staats-Trainer“ heißt das aktuelle Programm des Kabaristen Ingo Appelt. Mit ihm kommt er am 24. Juli in den Stuttgarter Hospitalhof.

Herr Appelt, wie geht es Ihnen in dieser turbulenten Zeit?

Die Zeiten sind natürlich seltsam, trotzdem geht es mir verhältnismäßig gut. Ich bin vom Typ her keiner, der gerne jammert, die Hände in den Schoß legt und sagt: Die Welt ist so schlimm.

Trotzdem haben Sie bei Ihrem Auftritt in der TV-Sendung „Riverboat“ des MDR eine verletzliche Seite gezeigt und waren den Tränen nahe ob der derzeitigen Situation.

Ich mache diesen Job mit einer großen Leidenschaft – ich kann auch nix anderes. Auf der Bühne wurde ich dann plötzlich von meinen Gefühlen überwältigt. Innerlich hatte ich für dieses Jahr damit abgeschlossen, noch mal vor Publikum zu spielen. Und dann durfte ich doch, und es kamen Leute trotz der schwierigen Lage, die mich sehen wollten. Das war ergreifend.

Als einer, der gerne Grenzen ausreizt: Sind Sie in den vergangenen Wochen selbst an Ihre Grenzen gestoßen?

Meine wirtschaftliche Lage macht mir Sorgen – mir fehlt ein Großteil der eigentlichen Einnahmen. Ich gebe ganz ehrlich zu, dass auch ich Angst habe. Damit habe ich nach 35 Jahren in diesem Job nicht gerechnet. Zwar gibt es immer wieder Höhen und Tiefen, und gerade ich weiß das, nachdem ich meine Karriere schon mal völlig in den Sand setzte und eineinhalb Jahre Pause machte. Da bin ich von 5000 Zuschauern auf 50 gefallen – das war meine persönliche Pandemie und nicht vergleichbar mit der jetzigen Situation. Aus dieser Zeit habe ich viel mitgenommen, deswegen ist es mir mittlerweile egal, wie viele Leute kommen – ohne Publikum bin ich gar nichts.

Und wie sieht es mit Grenzen beim Humor aus während einer Pandemie?

Auf gar keinen Fall. So bekloppt wie die Leute teilweise reagieren: Alle Journalisten sind Lügner, das Virus gibt es nicht und so weiter. Es ist unglaublich, was da für Schrott erzählt wird. An die Verschwörungstheoretiker: Es ist immer noch mein Job, Unsinn zu erzählen. Der Unterschied ist, dass die ernsthaft glauben, sie erzählen die Wahrheit. Wenn Menschen wirkliche Ängste haben, dann ist das gefährlich.

Wie kann ausgerechnet Comedy da helfen?

Humor kann das auflösen. Ich habe von mir selbst die Vorstellung, dass ich eigentlich eine Frustrationsbewältigungstherapie anbiete. Das heißt: Ich nehme die Ängste der Menschen auf und transferiere sie in Humor. Das ist doch die große Leistung, die wir Komiker vollbringen, aus einer dramatischen Welt eine relative Übersichtlichkeit herzustellen. Ich ärgere mich im Übrigen darüber, dass wir nicht für systemrelevant gehalten werden . . .

Halten Sie Ihre Garde für systemrelevant?

Natürlich! Ich glaube, noch nie waren Komiker systemrelevanter als jetzt. Es geht nicht nur um körperliche Gesundheit, sondern auch um seelische. Und Humor löst das immer alles auf. Die Verschwörungstheoretiker dieser Welt haben eines gemeinsam: Sie haben keinen Humor und nehmen sich selbst viel zu ernst. Für alle andere will ich da sein. Zwar habe ich auch keine Lösungen, aber vielleicht kann ich ein Ventil lösen, um Dampf rauszulassen.

Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns verbracht?

Das war eine neue Erfahrung für mich – beispielsweise habe ich das „Kabarett aus Franken“ von zuhause aus moderiert. Für meinen 20-minütigen Text brauchte ich drei Tage, bis das im Kasten war. Erst mal musste ich mein ganzes Wohnzimmer aufräumen und umbauen. Als Beleuchtung kaufte ich Baustellenlampen im Baumarkt und einen Fernseher, der als Teleprompter diente – es gab ja plötzlich keine andere Möglichkeit. Das war alles improvisiert und zeitweise nervtötend – immerhin hielt es mich auf Trab.

Sie sind langjähriges Mitglied der SPD. Sind Sie zufrieden mit der Bundesregierung in den vergangenen Monaten?

Ich finde, dass wir wieder gelernt haben, dass Politiker doch nicht nur ein Haufen Idioten sind. Gerade nach der Bundestagswahl 2017 und den folgenden Koalitionsverhandlungen war deren Stand nicht der beste. Jetzt auf einmal sind Merkel, Söder und Co. wieder beliebt. Ich hätte wirklich nicht den Job mit denen tauschen wollen, das waren schwere Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Das wiederum sind dann gute Zeiten für mich als Kabarettist, um da Aufbauarbeit zu leisten.




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