Ingo Metzmacher dirigiert in Stuttgart Zum Auftakt die Europa-Hymne

Ingo Metzmacher bei einem Konzert in Hannover Foto: imago/localpic/imago stock&people

Abseits des öden Werke-Karussells: Das SWR Symphonieorchester spielt unter der Leitung von Ingo Metzmacher in Stuttgart Olivier Messiaens „Éclairs sur l’Au-delà“.

stuttgart - Es ist wieder Krieg in Europa. Dieser traurigen Tatsache gedenkend, stellte das SWR Symphonieorchester an den Beginn seines Konzerts Beethovens „Ode an die Freude“, die Europa-Hymne. Sabrina Haane, Gesamtleiterin des Klangkörpers, hatte zuvor ihrer Erschütterung über Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine Ausdruck verliehen und mit Schillers utopischem Vers vom Weltfrieden „Alle Menschen werden Brüder“ geendet.

 

Rhythmische Energie bis hin zur Ekstase

Utopien darf man auch aus Olivier Messiaens 1992 uraufgeführtem, abendfüllendem Werk für riesig besetztes Orchester „Éclairs sur l’Au-delà“ (Streiflichter über das Jenseits) heraushören, das an diesem Abend im Beethovensaal auf dem Programm stand. Es ist immer wieder schockierend, womit der Mut von Konzertveranstaltern in Deutschland, Musik abseits des öden Werke-Karussells zu spielen, belohnt wird: mit nur schütter besetzten Zuhörerreihen. Dabei gehören Messiaens Orchesterwerke zur originellsten und fasslichsten Musik des 20. Jahrhunderts: durch ihre schillernde Riesenfarbpalette, ihre immense rhythmische Energie bis hin zur Ekstase, ihre spirituelle Leuchtkraft.

Schade freilich, dass man mit Ingo Metzmacher einen Dirigenten engagiert hatte, der sich zwar um die Musik des 20. Jahrhunderts verdient gemacht hat, aber offenbar mit Messiaens Spiritualität nicht viel anfangen kann. Wenn auch die „Éclairs“ mit der „Erscheinung des verklärten Christus“ beginnen und mit „Christus, dem Licht des Paradieses“ enden: In seiner Musik gab sich der Komponist als Buddhist – hörbar in ihrem kreisenden Wesen, das dem westlichen Fortschrittsgedanken so fremd ist.

Grell und schrill

An diesem Abend wurde der Kreis aber zum Quadrat. Erschütternd banal, monochrom, ja fast stampfend erklang die kathedrale Bläser-Hymne zu Beginn, die eigentlich leuchten und sanfte Zuversicht verstrahlen soll. Wenig zu hören war auch in den folgenden zehn Sätzen von Messiaens irisierender, aus dem Innern des Klanges leuchtender Farbigkeit. Zu massiv, geheimnisfrei, zu grob der Zugriff. Wie aber kann das Unsichtbare, das Unsagbare Gestalt annehmen, wenn der Orchesterklang nicht absolut transparent, feinfühlig und plastisch geformt ist? Und warum bloß ließ Metzmacher die Bläserfraktion einfach grell und schrill drauflosblasen im schönen Satz „Vögel der Bäume des Lebens“, in dem sich dutzende Vöglein aller Kontinente zwecks göttlicher Lobpreisung zwitschernd und tirilierend in Szene setzen dürfen? Hier klang’s, als verkündeten sie die Apokalypse.

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