Initiative aus Löchgau Über die erste schwere Hürde helfen

Erdal Cenk gehört zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten: Das ist ein Fundament, aber kein Leitgedanke für seinen Dienst. Foto: Simon Granville

Der Muslim Erdal Cenk aus Löchgau engagiert sich in der Notfallseelsorge Ludwigsburg.

Ein Satz, wie man ihn häufiger liest: „Ich möchte der Gesellschaft, von der ich so viel bekommen habe, etwas zurückgeben.“ Erdal Cenk ist ein ruhiger, freundlicher Mann. Was er sagt, entspringt jedoch offenbar seiner tiefsten Überzeugung. Der gebürtige Bietigheimer ist Muslim, Angehöriger der Glaubensgemeinschaft der Aleviten, und er engagiert sich in der Notfallseelsorge Ludwigsburg. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihm aber auch sehr viel gibt.

 

Seit 2016 ist Erdal Cenk bei Einsätzen gefordert, die vor allem Empathie, Besonnenheit, Taktgefühl und Einfühlungsvermögen verlangen: Wenn plötzlich jemand überraschend stirbt, bei einem Verkehrsunfall oder durch jähes Herzversagen. Wie kommt jemand dazu, eine solche Aufgabe zu übernehmen?

Helfer baten um Unterstützung

Cenk gehört zur Aleviten-Gemeinde in Ludwigsburg. 2015 stellte sich dort die Notfallseelsorge Ludwigsburg vor, damals noch unter der Leitung von Ulrich Gratz, und warb um Unterstützung. „Ich war zufällig dort, aber es hat mich interessiert,“ erinnert sich der gelernte Großhandelskaufmann Cenk, der heute für eine Spedition arbeitet. „Ich habe gleich gespürt, wie ernst sie ihre Aufgabe nahmen.“ Für alle Fragen seien die Notfallseelsorger offen gewesen.

Ein paar Wochen später wurde Cenk zu einem Gespräch eingeladen. „Sie sagten, sie würden gerne meine Ausbildung für die Notfallseelsorge unterstützen.“ Dafür gibt es zwei Wege, einer über die Kirche, ein anderer, der dann für Cenk in Frage kam, über das Deutsche Rote Kreuz. An sechs Samstagen wurde er geschult, es folgte eine Zeit des Hospitierens, gemeinsam mit einer erfahrenen Seelsorgerin.

„Das war ein Glück für mich“, erinnert sich Cenk an seine ersten Einsätze. Zum Beispiel an einen Arbeitsunfall in einem großen Betrieb. „Da war es gut, dass wir zu zweit waren, wir mussten ja eine ganze Reihe Kollegen betreuen.“ Wenn Angehörigen eine Todesnachricht überbracht werden muss, nach einem Verkehrsunfall, dann meist zu mehreren, oft mit der Polizei zusammen.

Der Dienst hilft bei eigenen Krisen

„Eigentlich bin ich ein zurückhaltender Mensch“, sagt Cenk. Die Notfallseelsorge habe ihn verändert. Er erlebte, wie offen und herzlich er vom Team aufgenommen wurde: Als wäre er schon immer dabei. Zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit der Feuerwehr. Neun Jahre lang steht Erdal Cenk nun als Notfallseelsorger bereit. Er habe das Gefühl, „ich bin reifer geworden, durch die Einsätze und nicht zuletzt durch die Supervision, die wir laufend erhalten“.

Im Fall eines Falles meldet sich die Leitstelle Ludwigsburg bei den Notfallseelsorgern ihres Bereichs, sie fragt ab, wer Zeit habe, zu unterstützen; wer kann, signalisiert das, und je nachdem teilt die Leitstelle die Aufgabe zu. „Jeder Einsatz,“ hat Cenk erlebt, „ist anders.“ Stark bewegt hat ihn das Leid einer zurückgebliebenen Familie, als die Mutter starb. Das habe ihm sogar bei einer Krise in der eigenen Familie geholfen, die Situation in einem anderen Licht zu sehen. Denn: „Du weißt nie, was morgen ist.“ Eine schöne Erfahrung sei in jedem Fall der Dank der Menschen, „vor allem, wenn sie mitbekommen, dass wir das ehrenamtlich machen“.

Oft ist das Ereignis gerade noch frisch, „wir sind am selben Tag, mitunter schon nach einer Stunde da“. Eine schwierige Situation, aber auch eine Situation mit Chancen. Es sei dann oft so, „dass Betroffene einem ganz Fremden, vielleicht eben dem Seelsorger, eher vertrauen können“. Cenk schätzt sich glücklich, dass er mit seinem Team „Teil einer großartigen Familie“ ist.

„Und wir lernen immer wieder, dass man nicht zu schnell über andere urteilen soll.“ In der Not zeigten Betroffene oft überraschende, unerwartete Reaktionen. „Da lernen wir, nicht nach dem Äußeren zu urteilen.“ Worauf es ankäme, sei nicht in erster Linie dieselbe Kultur oder dieselbe Sprache, sondern „zuerst zählt die Ehrlichkeit, und dass der andere das Gefühl bekommt, hier ist einer ganz da, und der meint auch mich als Person“.

Keine Rituale, kein Gebet

Gewiss sei sein muslimischer Glaube eine Basis für seine Einsätze, aber Cenk betont: „Ich bin nicht in erster Linie ein Mann der Religion.“ Er vollzieht kein Rituale wie ein Gebet, aber „ich kann einen Kontakt herstellen, wenn das gewünscht wird“. Letztlich zähle nach einem Einsatz das Gefühl: „Wir haben einem Menschen schnell helfen können, über die erste schwere Hürde, jetzt ist er erst mal in einem sicheren Hafen.“ So will Erdal Cenk auch in Zukunft bereitstehen, wie bisher schon in mehreren hundert Fällen, in denen er gerufen wurde.

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